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Das Wunder von Stade - Ein Absturz vor 50 Jahren

 

Ein belgisches Nato-Kampfflugzeug vom Typ F-84 - hier ein Exemplar der Bundesluftwaffe - stürzte vor 50 Jahren über der Stadt Stade ab.

 

 Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass die Stadt Stade knapp an einer größeren Katastrophe vorbeischrammte. Ein belgischer Jagdbomber bohrte sich am Montag, dem 7. Mai 1962, nur wenige Meter von der Wohnbebauung, in den Ufersaum der Schwinge. Wie durch ein Wunder wurde durch die gewaltige Explosion niemand aus der Bevölkerung verletzt. Der junge belgische Pilot allerdings starb.

 

 

Der qualmende Einschlagkrater ...

 

Die Stelle heute ...

 

Heute erinnert nichts mehr an das Unglück.  Fast nichts. Wohl kaum einer der zahlreichen Fußgänger, die den Schwinge-Fußweg zwischen Horst- und Talstraße benutzten, wird die kleine Delle im Weg bemerken, die noch an den Aufprall vor 50 Jahren erinnert.  Doch dem aufmerksamen Beobachter bieten sich bei genauerer Betrachtung noch deutlichere Relikte. Mitten im Weg glitzert es silbern  – ein größeres Metallteil des Unglücksflugzeugs. Bei genauerer Betrachtung noch mit Resten blauer Farbe. Gut „geräumt“ scheint die Absturzstelle damals nicht worden zu sein, wenn selbst der Fußweg noch ein größeres Wrackteil preisgibt. Und als 1981 die Schwinge ausgebaggert wurde, lagen viele große und kleine Wrackteile im Aushub.

Die örtliche Presse sparte am Tag nach dem Unglück nicht mit Superlativen. „Ein ohrenbetäubender Krach und eine über 100 Meter hohe Stichflamme, gefolgt von einer gewaltigen Explosionswolke, alarmierte gestern morgen um 10.27 Uhr einen Großteil der Stader Einwohner“, schrieb der Reporter. Ein belgischer Jagdbomber vom Typ F-84 „Thunderstreak“  war über der Schwinge abgestürzt und war nur zwei Meter vom Ufer entfernt explodiert und – so die Presse - „in 1000 Stücke zerrissen.“ Die Trümmer wirbelten hunderte von Metern weit und schlugen durch Dächer und in die Gärten der nahen Wohnbebauung der Frommholdstraße. Brennender Kraftstoff und explodierende Bordmunition  behinderten zunächst die Löscharbeiten der Stader Feuerwehr. An der Absturzstelle in Verlängerung des Stichweges „An der Kalkgrube“ gähnte ein tiefer Krater, um den unzählige Wrackteile lagen. Das Triebwerk und andere schwere Teile hatten sich tief in die Erde gewühlt. In einem Garten der Frommholdstraße, hundert Meter von der Absturzstelle entfernt, wurde der verstümmelte Rumpf des Flugzeugführers in seinem Schleudersitz gefunden. Es handelte sich bei dem Toten, wie sich später herausstellte, um den  22jährigen Fliegerleutnant Jan Ceelen der belgischen Luftwaffe.

 „Das Ende der Welt sei gekommen“, glaubte ein geschockter Anwohner, andere wären vor Schreck wie gelähmt gewesen. Und wieder andere hätten Schutz auf dem  Erdboden gesucht. Über den Absturzhergang selbst verbreiteten sich noch angesichts der rauchenden Trümmer fantasievolle Versionen: Von einer missglückten Notwasserung in der Schwinge war die Rede, ebenso von einer Notlandung in den Schwingewiesen.  Andere wollen einen fast senkrechten Absturz mit Rauchfahne beobachtet haben, was der Wahrheit nahe kommt. Das es kaum direkte Augenzeugen des Unglücks gab, lag an der niedrigen, kaum 300 bis 400 Meter hohen Wolkendecke, in der der belgische Pilot offenbar falsch reagierte. So jedenfalls Experten  gegenüber der Presse. Ein technischer Fehler wurde mit der „größten Wahrscheinlichkeit“ ausgeschlossen. Natürlich. Was sollten die zur Geheimhaltung verpflichteten Experten auch sagen in Zeiten des Kalten Krieges, der noch in jenem Jahr mit der Kuba-Krise die Welt an den Rand eines Atomkriegs führen sollte? Und selbstverständlich wurde kein Wort darüber verloren, dass der Typ der in Stade abgestürzte F-84 z. B. von den Piloten der Bundesluftwaffe allgemein wegen seiner als problematisch eingestuften Flugeigenschaften  gefürchtet war. Bei extremen Flugmanövern, so hieß es, kam es aufgrund des hohen Gewichts der Maschine und des eher schwachen Triebwerks leicht zum Strömungsabriss.  So waren Abstürze mit diesem Flugzeugtyp keineswegs ungewöhnlich. Ganz im Gegenteil. Die offizielle Version  sprach vom Abriss des Funkkontaktes mit der Bodenstation wie einer zweiten, im Luftraum operierenden Maschine. In den Wolken muss es dann, so glaubten die Experten, zu einem tragischen Pilotenfehler gekommen sein.

Nachdem die belgischen Spezialisten abgereist waren, wurden die Trümmer seitens der Bundeswehr oberflächlich eingesammelt und der inzwischen mit Wasser gefüllte Krater verfüllt.  

 

     

Noch heute zeugen Wrackteile von dem Unglück - hier ein Blech, das aus einem Fußweg ragt.

 

 

 Der Bericht über den Absturz eines belgischen Düsenjägers in Stade vor fast einem halben Jahrhundert hat bei etlichen Stadern alte Erinnerungen an das dramatische Geschehen wachgerufen. Sie zeichnen ein überraschend neues, von den damaligen Berichten abweichendes Bild des Hergangs. Die von den damaligen Sachverständigen in den Raum gestellte Behauptung, allein „menschliches Versagen“ des jungen belgischen Fliegerleutnants Jan Ceelen hätte zu dem Absturz geführt, kann so nicht mehr aufrecht gehalten werden. Im Gegenteil: Nach den nun vorliegenden Erzählungen bewahrte eine letzte verzweifelte Reaktion des Piloten die Stadt vor einer Katastrophe.

Am Vormittag des verhängnisvollen 7. Mai 1962 hockte der damals 27jährige Klempnergeselle Gerhard S. zusammen mit einem Lehrling auf dem Dach eines Hauses an der Ecke Thuner Straße/Barger Weg und fassten einen Schornstein ein. Da hörte Schulz plötzlich aus südlicher Richtung das herannahende Triebwerksgeräusch eines Düsenjägers. Sehen konnte er von seiner Position aus nichts – die Maschine flog in den tief hängenden Wolken. Was ihm jedoch sofort auffiel, war das unnormale laute Geräusch des Triebwerks und der auffallend langsame Flug. Etwa über dem Barger Weg näherte sich die Maschine in den Wolken. „Dann war das Geräusch über uns“, erinnert sich der Augenzeuge. „Und wieder die unheimlichen Aussetzer des Triebwerks – ein ganz schlimmes Röcheln.“ Unweit seiner Position, etwa über dem heutigen Jugendzentrum in der Goldaper Straße und tauchte der Düsenjäger plötzlich aus den Wolken hervor. Eine F-84 „Thunderstreak“, wie Gerhard S. erkannte: Die typischen gepfeilten Flügel, die flache Bugnase. Etwa 300 bis 400 Meter hoch mit Kurs Nord - also Talstraße, Schwingewiesen und dem Hohen Wedel.

Einige hundert Meter Luftlinie entfernt saß der Viertklässler Heinz N. im ersten Stock der Pestalozzi-Schule und sah das Flugzeug wie es – beständig an Höhe verlierend – Richtung Schwingetal und Schwarzer Berg flog. Ganz offensichtlich plante der Flugzeugführer eine Bauchlandung – vielleicht auf den Äckern des damals noch nicht so dicht bebauten Hohen Wedels. Oder auch in den Wiesen des Schwingetals. „Der wollte runter“, sind sich beide Augenzeugen einig.

Wir können nur vermuten, was in dem 22jährigen Piloten vor sich ging, als er aus den Wolken kam und sich über einer dicht bebauten Stadt sah. Mit Entsetzen wird er in Bruchteilen von Sekunden links von sich die Häuser von Hahle registriert haben, rechts die Hohentorsvorstadt und vor sich – in Flugrichtung -  den bewaldeten Schwarzen Berg und den Hohen Wedel. Und unter seinem Sitz ein Triebwerk, dass buchstäblich in den letzten Zügen lag. Kostbare Sekunden mögen mit der Orientierung verloren gegangen sein. Sekunden, in der die Maschine immer langsamer wurde. Schließlich setzte das Triebwerk komplett aus. „Vorher ein Höllenlärm, dann Totenstille“, erinnert sich Heinz N.

Von seinem unvergleichlichen Logenplatz sah Gerhard S., wie der Pilot – aus seiner Sicht kurz vor dem Bahndamm - seine Maschine plötzlich in eine steile Rechtskurve legte. Die F-84 verlor den letzten Rest Schub und „stürzte wie ein Torpedo lotrecht runter“, erzählt Gerhard S. Von seiner Position auf dem Dach hörte er nur einen dumpfen Einschlag. „Dort war ja weicher Boden.“

Heinz N. nimmt an, dass mit dem Triebwerksausfall die vielleicht geplante Bauchlandung auf dem Hohen Wedel nicht mehr möglich war. Dem Piloten wurde schlagartig klar, dass seine nunmehr antriebslose Maschine unweigerlich zwischen den vor ihm auftauchenden Häusern der Bremervörder Straße oder des Hohen Wedels zerschellen würde. Da ein Ausweichen nach links infolge des Schwarzen Berges mit seinen hohen Bäumen aussichtslos war, legte er in einer letzten, verzweifelten Reaktion sein Flugzeug in eine Rechtskurve – Richtung Schwingewiesen - in der es sofort - aus einer Höhe von vielleicht noch 100 Metern - wie ein Stein in die Tiefe stürzte. Aus der Position von Heinz N. stieg eine schwarze Rauchsäule „wie ein Atompilz“ in die Höhe.

Daran erinnert sich auch Ulrich H. „Wir saßen als 16jährige im Biologie-Saal des Athenaeums, als eine starke Explosion die Scheiben erzittern ließ. Die Klasse stürzte ans Fenster und man konnte Richtung Horstsee einen großen Rauchpilz aufsteigen sehen. Ein Mitschüler nutzte die Gunst der Stunde und verschwand sofort aus dem Unterricht. Unsere Lehrerin – damals die erste und einzige am „Athe“ – sah für einen Moment ihre Autorität in Gefahr und rief alle auf ihre Plätze zurück, ohne das Ereignis auch nur mit einem Wort zu kommentieren.“

Wie der unbekannte Schüler liefen auch Schulz und sein Lehrling zum Unglücksort. Aus dem Einschlagkrater schlugen Flammen und dichter schwarzer Rauch. Überall lagen kleine Metallstücke des Flugzeugs herum.

Auch Wolfgang D., Jahrgang 1951, erinnert sich an das Geschehen. Er saß ebenfalls in der Schule, allerdings in der damaligen katholischen Volksschule in der Schiffertorstraße/Nagelstiftsweg: „Unser damaliger Klassenlehrer Karl Schmelz – selbst Pilot im 2. Weltkrieg – sagte uns Schülern, nachdem der Jagdbomber wohl über uns mit lauten Geräuschen geflogen war: „Ich glaube, der kommt gleich runter.“ Er hatte es kaum ausgesprochen, da gab es eine gewaltige Explosion. Nach Schulschluss sind wir sofort in Richtung Absturzstelle gelaufen, die für uns Kinder jedoch nicht zugänglich war.“

In der Tat war die Absturzstelle nebst Umgebung für Tage militärisches Sperrgebiet. Die Grundstücke an der Frommholdstraße und darüber hinaus waren mit kleinen Wrackteilen übersät, wie sich Ulrich H. erinnert. Der Pilot war bei der Explosion der Maschine aus dem Cockpit gerissen worden. Seine Überreste und der zerstörte Schleudersitz wurden rund 100 Meter vom Unglücksort in den Gärten gefunden.

Für Gerhard S. steht es bis heute fest, dass der belgische Pilot im allerletzten Moment ganz bewusst die riskante und für ihn tödliche Rechtskurve einlegte, um seinen Jagdbomber, prall gefüllt mit hochexplosivem Treibstoff und Munition, nicht zwischen die Häuser des Hohen Wedels und der Bremervörder Straße abstürzen zu lassen. Ihm „menschliches Versagen“ zu unterstellen, findet er nicht in Ordnung. Wenn es nach S. ginge, hätte der Pilot „einen Orden verdient.“ Auch Ilona S. erinnert sich: „Nach anschließenden Erzählungen hörte man, der Pilot hätte noch aussteigen können, aber dann wäre die Hohenwedeler Schule nicht mehr.“ Womit die Beobachtungen von Gerhard S. bestätigt wären. Und noch mehr: Ceelen teilte letztendlich das Schicksal seines Fliegerkameraden Louis Bueles. Am 28. Januar 1960 durchstieß dieser mit seiner F-84 nach Flammen in der Maschine ebenfalls die Wolken und sah sich über Eindhoven. Auch er versuchte eine Kollision mit den Häusern des Eindhovener Stadtrandes zu vermeiden, verlor dadurch an Geschwindigkeit und Höhe. Bueles löste seinen Schleudersitz zu spät aus, die F-84 zerschellte auf einem Feld, der Pilot kam ums Leben.

Was nun wirklich in dem jungen Flugzeugführer in den letzten Sekunden vor seinem Tod vor sich ging, bleibt unbekannt. Wie auch die Frage, warum er nicht den Schleudersitz betätigte. Noch rechtzeitig, bevor er über der Stadt war. Sah er die Triebwerksprobleme noch als beherrschbar? Allerdings kennen wir nicht die damals geltenden Vorschriften der Nato-Luftstreitkräfte. Ein vielleicht voreiliger Ausstieg mit dem Schleudersitz bedeutete in jedem Fall den Totalverlust eines wertvollen Jagdbombers. Und das in Zeiten des „kalten Krieges“. Von den Folgen eines unkontrollierten Absturzes über bewohntem Gebiet ganz zu Schweigen. Bestand vielleicht grundsätzlich die Anweisung, einen Absturz über bewohntem Gelände unbedingt zu vermeiden? Grundsätzlich bleibt es ein Rätsel, was den Belgier nach Stade verschlug. Hatte er den kleinen Stader Flugplatz vielleicht als Notlandeplatz erkoren und ihn in den Wolken knapp verfehlt? Der Flugplatz liegt nur wenige Kilometer in etwa südlicher Richtung – also jener Gegend, aus der Gerhard S. den Düsenjäger kommen hörte. Die Absturzursache war jedenfalls ein Triebwerksausfall und nicht - wie es damals von offizieller Seite vor Ort zu hören war und heute im Netz nachzulesen ist – Kontrollverlust seitens des Piloten über das Flugzeug infolge schlechten Wetters. Ein solches Wetter gab es in Stade an jenem Tag nicht – da sind sich alle Augenzeugen einig. Und nicht nur Gerhard S. fragt sich: „Wurde das Triebwerk überhaupt geborgen und untersucht?“

Wohl kaum. Nach fast 50 Jahren ist der Jagdbomber-Absturz an der Schwinge Bestandteil der Stadtgeschichte. Die mit ziemlicher Sicherheit um ein tragisches Kapitel ergänzt wäre, hätte der belgische Pilot Jan Ceelen seine F-84 nicht im letzten Moment von ihrem Kurs abgebracht.

 

   

Über dem Wrack: Der Zeiger der Sonde schlägt nach rechts aus - immer noch liegen große Metallteile im Boden der Absturzstelle.

 

Ein Wrackteil der F-84.

 

 

 © Fots/Text: D. Alsdorf 2013

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