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Anna aus Blumenthal

Verlag Atelier im Bauernhaus

ISBN 978-3-88132-315-4 

Anna und Claus

Ein Liebespaar auf dem Schafott

 Der historische Kriminalfall um den gewaltsamen Tod eines Bauern in dem kleinen Ort Blumenthal in der Landdrostei Stade sorgte vor rund 175 Jahren für erhebliche Aufregung unter den Menschen des Elbe-Weser-Dreiecks. Ging es doch um die tragische Folge einer arrangierten Verheiratung, wie sie damals in der ländlichen Bevölkerung noch weit verbreitet war. Und um die unglückliche Liebe des Mörderpaares Anna und Claus, die gemeinsam auf dem Schafott bei Himmelpforten im Sommer 1835 vor Tausenden von Zuschauern starben. Das Himmelpforter Blutgericht wurde zur Legende. Bereits eine Woche nach der Hinrichtung erschien eine Denkschrift, später nahmen sich Chronisten wie Autoren des immer wieder des Themas an. Neben einer Vielzahl von Darstellungen in regionalen Zeitungen gab es inzwischen ein Radio-Feature und sogar ein Theaterstück.

Wenn die Lust empfangen hat,

gebiert sie die Sünde;

die Sünde aber,

wenn sie vollendet ist,

gebiert den Tod.

(Pastor Ruperti, in der Kirche zu Osten am 26. Juli 1835 in Anlehnung an Jakobus1,15)

 Stundenlang waren sie zu Fuß oder mit dem Pferd unterwegs gewesen, hatten mit Fähren die Oste überwunden oder sich per Kutsche aus der nahen Stadt Stade heranfahren lassen.

Jene Tausende von Menschen, die am frühen Morgen des 24. Juli 1835 die sonst so abgeschiedene Heide vor Himmelpforten bevölkerten, in Gruppen herumstanden oder sich am Waldrand niedergelassen hatten.

Sie waren zum Blutgericht gekommen, zu einer öffentlichen Hinrichtung, wie sie in jener Zeit alle paar Jahre vorkamen und allein schon für sich ohne besondere Aufforderung die Massen anzulocken pflegte.

Doch dieses Mal war es etwas besonderes, geradezu einmaliges, was die Prediger am vergangenen Sonntag von den Kanzeln der Kirchen angekündigt hatten und höchsten Unterhaltungswert versprach: Die Hinrichtung eines schändlichen Mörderpaares, einer Ehefrau mit ihrem Stiefsohn, die nicht nur ihren Gatten bzw. Vater auf scheußlichste Art und Weise ums Leben brachten, sondern sich darüber hinaus der Blutschande schuldig gemacht hatten.

Diese gemeinen Verbrecher und Blutschänder wollte man sehen; dabei sein, wie sie vor Angst zitternd den letzten Streich des Scharfrichters erfuhren.

Endlich vernahmen sie die Glocken der fernen Himmelpforter Kirche, die das öffentliche Gericht einläuteten, dass dort auf dem Marktplatz abgehalten würde. Nun würde es nicht mehr lange dauern.

 Tatsächlich kündete bald darauf eine Staubwolke vor dem Waldrand, dass sich die traurige Kolonne mit den Delinquenten in Bewegung gesetzt hatte. Doch nur jene, die sich bis zum Weg vorgedrängt haben, konnten erkennen, was sich da aus Himmelpforten näherte. Vorneweg Dragoner, sich mit ihren Pferden eine Gasse durch die Menge bahnte. Und gleich dahinter hoch zu Ross der Scharfrichter, sein Schwert quer vor sich in ein schwarzes Tuch eingeschlagen. Dann schälten sich aus dem aufwirbelnden Staub jene zwei Gespanne mit den Übeltätern heraus. Sorgsam abgeschirmt durch die Bauern des Dorfes, die in langen Reihen und ernsten Gesichtern seitlich den Zug begleiteten, zogen Pferde zwei Pflugschlitten durch den weichen Sand, auf denen die Mörder gefesselt saßen.

Dann drang dünner Gesang herüber:

„Schöpfer aller Menschenkinder,

großer Richter dieser Welt.

Sieh, hier wird ein armer Sünder,

hin vor dein Gericht gestellt.“

In Dreierreihe folgten die Schulkinder des Dorfes dem traurigen Zug, beständig singend und mit vor Aufregung geröteten Gesichtern.

 Unter den Kindern ging auch der achtjährige Johann Heinrich Bierschwall. Er war der Sohn des örtlichen Gerichtsdieners und Gefängniswärters, der wenige Schritte vor ihm in Uniform und mit geschultertem Gewehr den Gespannen folgte. Für den Jungen waren die Gefangenen, die in weiße Hemden gekleidet, ihrem Tod entgegenfuhren, altvertraut. Über zwei Jahre hatten sie bei der Familie täglich am Tisch gesessen und miterlebt, wie sie über die lange Zeit der Haft gehofft und gelitten hatten. Nun sollten sie also auf Befehl ihrer Majestät sterben.

 Rechts neben ihm schritt der Himmelpforter Küster und Schulmeister Heinrich Duncker, der mit lauter Stimme den Ton angab und ab und an einen strengen Blick in die Reihen seiner Schützlinge warf. Ein großer und schwerer Tag für die Himmelpforter Schuljugend, die das Blutgericht mit ihrem Gesang zu begleiten. Und noch ein letztes Lied direkt vor dem Richthügel vorzutragen, bevor die Exekution begann.

 So kam der junge Johann wie die anderen Kinder in den abgesperrten Bereich direkt vor den Richthügel und wurden zu einem unfreiwilligen Zeugen grauenhafter Vorgänge, die er erst 70 Jahre Georg von Issendorf, dem ersten Himmelpforter Chronisten erzählte:

 „ Die Frau betrat die erhöhte Richtstelle zuerst, ging dann aber noch einmal hinunter, nahm von ihrem Leidensgefährten Abschied.“

 Ein Liebesbeweis im Angesicht des Todes, der wohl manchem der es sah, die Tränen der Rührung in die Augen trieb. Und die Hinrichtung später zu einer Legende verklärte.

Die Menschen waren gekommen, um zwei Verbrecher sterben zu sehen. Was sie aber zu sehen bekamen, war eine junge Frau, die Abschied von ihrem Liebsten nahm.

 Dem jungen Bierschwall ging das eindringliche Gebet der jungen Frau zeitlebens nicht mehr aus dem Kopf bekommen, dass diese, zurück auf dem Hügel, und kniend im Staub, förmlich über den Platz schrie:

 

„Ich bin zur Ewigkeit geboren,

für eine bessre Welt bestimmt.

Mein Leben geht nicht ganz verloren,

wenn gleich das Grab den Leichnam nimmt.

Zu groß bin ich für diese Zeit,

mein Schicksal ist Unsterblichkeit.“

 

Nachdem sie die neun Verse eines Liedes aufgesagt hatte, setzte sie sich auf den bereitstehenden Richtstuhl, wurde von den Henkersknechten gefesselt. Dann vollzog der Scharfrichter mit einem Hieb das königliche Todesurteil.

 

 Richtschwert und Richtstuhl befinden sich heute im Museum Lamspringe.

Foto: © Corinna Stier.

 

Für Pastor Georg Ernst Ruperti, der die Delinquenten auf dem Hügel in den Tod begleitete, war die Hinrichtung der grauenhafte wie erfolgreiche Abschluss seiner einjährigen Arbeit mit den Verurteilten. Aus verstockten Sündern hatte er seiner Ansicht nach wahre Christenmenschen geformt und widmete ihnen eigens eine Denkschrift „Der Sieg des Wortes Gottes über die Sünde“, die bereits eine Woche nach der Hinrichtung verkauft wurde.

Dort hieß es: „..und freudig bestieg zuerst die reuige Sünderin den grausenvollen Hügel, und betete laut zu dem Gott der Gnade, und da sie verschieden war, betrat auch er festen, eiligen Fußes mit mir die blutige Stätte, befahl dem Herren seine Seele, und starb.“

 Im Geschrei und Jubel der Menschenmassen, denen der Knecht nacheinander die Köpfe der Gerichteten in die Runde zeigte, sah der junge Bierschwall, wie ein anderer Knecht das Blut der Gerichteten in einem Eimer auffing. So wie der Schlachter bei einer abgestochenen Sau, mochte er gedacht haben. Und verstand nichts, als er noch bemerkte, wie einige Kranke durch die Absperrung vorgelassen wurden um das noch warme Blut zu trinken!

 „Es soll sogar von Leuten das Blut der Hingerichteten aufgefangen sein, um es, nach dem Aberglauben der damaligen Zeit, gegen allerhand Gebrechen zu trinken.“

 Ein Erlebnis, dass nicht nur den Knaben, sondern eine ganze Generation Himmelpforter Schüler für ein Leben traumatisierte. Doch darüber schweigen alle Quellen.

 Als zwei Tage später, am Sonntag, dem 26. Juli 1835, in den Kirchen der Umgebung Gedenkgottesdienste abgehalten wurden, plagte so manchen Kirchgänger das schlechte Gewissen. Hatten sie sich nicht alle versündigt, dem Tod der beiden Unglücklichen in schamloser Neugierde beigewohnt zu haben? Die vor aller Augen aufrecht und freudig in den Tod gegangen waren? Mit einem Gebet auf den Lippen und in tiefer Zuversicht auf die Gnade des Allmächtigen?

 War nicht der, den sie damals umbrachten, ein gemeiner Dieb und Mörder gewesen? Der sie selbst mit dem Leben bedrohte? Wieso hatte das bei der Findung des Urteils niemand berücksichtigt, nicht in die Waagschale geworfen?

 Endlich wurde der schreckliche Richthügel abgetragen. Der schauerliche Hügel aus dunkler Heideerde, aus dem schon Brennnesseln und Disteln herauswuchsen, war plötzlich verschwunden. Die blutgetränkte Erde in Senken und Löcher verteilt.

 Noch lange mieden die Menschen jene Gegend draußen hinter dem Kuhlaer Berg, wo die schauerliche Hinrichtung stattfand. Nicht geheuer war es dort. Und in die es, besonders nachts, nur Fremde verschlug, die keine Kenntnis von den Vorgängen dort besaßen.

 Wie ein Mann, dessen Namen nicht bekannt ist und seine Geschichte 1902 in einer Zeitschrift veröffentlichte:

 „Vor fünfzig Jahren (also um 1850) kehrte ich am späten Abend hoch zu Ross von Stade heim. Kurz vor Himmelpforten bog ich links von der Chaussee ab in die Heide, um über Kuhla einen Richtweg nach meinem damaligen Domizil einzuschlagen. Es war heller Mondschein. Plötzlich stutzte mein vom Nachbarn entlehnter, mutiger Gaul, spielte mit den Ohren, schnob mit den Nüstern. Ich stieg ab. Vor uns lag ein Haufen Steine, mehr breit als hoch, auf den Äckern gesammelt, hier hergetragen und achtlos hingeschüttet.“

 Andern Tags erfuhr ich erst, dass vor Jahrzehnten hier ein scheußliches Drama seinen schauerlichen Abschluss gefunden habe. Anna war die Geliebte von Claus. Während dieser seiner Militärpflicht genügte, ehelichte dessen Vater, ein Witwer, die Braut seines Sohnes, die Anna. Wenige Monde nach Claus’ Heimkehr ins Elternhaus lag eines Morgens der Alte tot hinter seinen Pferden im Stall, angeblich von Pferden erschlagen. Doch wenn der Faden noch so fein gesponnen wird, und die lautlosen Wände in düsterer Nacht bei grauenvollen Vorgängen im Schweigen verharren: Gottes Stimme wird zur Volksstimme. Anna und Claus waren die Mörder. Die eine hatte in dem Alten den Gatten, der andere den Vater meuchlings durch Strangulation gemordet. Das richterliche Urteil lautete auf verschärfte Todesstrafe. Auf einer Kuhhaut, auf einer Schlöppe, (Schlitten für Ackergeräte), liegend wurde das Paar nach oben bezeichnetem Richtplatze geschleift, hier enthauptet und begraben.“

 Eine Liebestragödie, wie geschaffen für die Frauen in den Spinnstuben der damaligen Zeit, die sich übertroffen haben mögen, das Gehörte in ihrer Fantasie auszuschmücken. Der Mord von Blumenthal und seine schreckliche Ahndung war in der Region so einzigartig, dass im Verlauf der Jahrzehnte wiederholt in Zeitungen und Zeitschriften davon zu lesen war. Basierend einzig auf die Erzählungen des Johann Heinrich Bierschwall und seine Interpretation durch Georg von Issendorff. Erst durch Freigabe und Auswertung der erhaltenen Gerichtsakte kamen weitere Einzelheiten zu dem Fall ans Licht, das im Jahr 1991 in einem ausführlichen Radio-Feature seine Würdigung fand, aus dem später ein Theaterstück entwickelt wurde. Aufgeführt wurde es Anfang September 2005 in Himmelpforten, dem Ort des Geschehens.

 Doch was geschah abseits aller Legenden und Geschichten damals wirklich in Blumenthal und später auf dem königlichen Amt in Himmelpforten? Wer waren Anna Spreckels und Claus Meyer, welche Umstände ließen sie zu Mördern werden?

 

Mehr dazu in meinen Büchern „Anna aus Blumenthal“ und „Abels Blut“ …

 

 

Der ehemalige Wohlers-Hof gehörte zuvor Annas Vater Behrend.

Foto: D. Alsdorf

 

Doch die Geschichte hatte noch eine

"Vor-Geschichte",

in der Annas Vater Behrend verwickelt war.

Sie fand aus Platzgründen keinen Eingang in den Roman - hier ist sie in der Scriptversion ...

 

 Behrends Fluch Teil 1

 

Johann Horwege gehörte nicht zu jenen Männern, die leicht die Flinte ins Korn zu werfen pflegten. Doch an jenem Morgen des 24. März 1874 standen ihm die Tränen der Verzweiflung im verrußten Gesicht. Der Bauer stand vor den schwelenden Trümmern seines Hofes, seiner Existenz.

 Begreifen konnte er es nicht, was da in der Nacht über ihn und seiner Familie hereingebrochen war. Zum Glück hatte er sein Vieh noch rechtzeitig aus der Diele bekommen, als er nachts plötzlich Brandgeruch in seiner Schlafbutze wahrgenommen hatte und das eigentümliche Gebrüll seiner Rinder hörte. So brüllte das Vieh nur in höchster Todessangst, das wusste er sofort. Seine Frau, seine Kinder, alle waren aus ihren Betten heraus und auf die verqualmte Diele gerannt. Die Ketten gelöst und Kühe und Pferde mit Tritten und Schlägen aus der großen Tür, der Grootdör hinaus in die Nacht getrieben. Gerade rechtzeitig, denn ein Zurück gab es nicht mehr. Himmelhoch schlug die Feuersäule aus dem jahrhundertealten Reetdach und raubte durch enorme seine Hitze Johann den Atem. Keuchend stand er vor der Grootdör und musste mit ansehen, wie die Bretter des Heubodens auf die Diele brachen und glühendes Stroh sich über Viehställe, Koffer und Mobiliar ergoss. Gierig fraßen sich die Flammen in den alten Holmbalken, verzehrten die Inschrift, die einst der Erbauer Johann Hagenah hatte kunstvoll einhauen lassen:

 „O Gott, bewahre dieses Haus und alle die da gehen ein und aus, für Wasser Feuer, Hagel und Brand, und segne sie mit milder Hand“

 Dann schlug der Giebel mit lautem Krachen unvermittelt nach vorn auf den Hof, während ächzend das altehrwürdige Reetdach in sich zusammen brach und einen wahren Funkenregen in den Himmel blies.

 Das alles war vor Stunden passiert. Nun war der Tag angebrochen und das was ihre Habe war, ein rauchender Trümmerhaufen. Daran hatten auch die Feuerspritzen aus den benachbarten größeren Dörfern wie Oldendorf oder Himmelpforten nichts zu ändern vermocht. Viel zu spät kamen sie, um hier in Blumenthal, am Fuße des Stellberges unweit des großen Flusses, der Oste, noch etwas zum Guten wenden zu können.

 „Wir bauen wieder auf“, sagte Johanns Frau Mette und legte ihm tröstend ihre Hand auf die Schulter. Auch sie hatte wie er nur das am Leib, was sie im Bett getragen hatte. Ihr Nachthemd war angebrannt, ihre Haut gottlob unversehrt. Ein Wunder, was sie als gutes Zeichen für die Zukunft sah.

 Nun sah sie ihn aus ihrem geschwärzten, verschwitzen Gesicht an und ihre hellen blauen Augen lachten wieder. „Wir sind am Leben, das muss erstmal reichen, und dein Vieh hast du auch noch.“ Johann nickte und sah hinab ins Tal, wo seine verstörten Rinder grasten. Mit Mette würde er das gewiss schaffen. Zum Glück hatten sie und die Kinder keinen Schaden genommen. Es würden harte Jahre werden, aber mit ihr und Gottes Hilfe würde er es schaffen, den Hof wieder aufzubauen.

 Wie sie da so vor dem qualmenden Trümmerhaufen standen, der einmal ihre Habe gewesen war, schob sich Nachbarin Margarethe Wohlers durch die dicht gedrängte Menge an Nachbarn und Feuerwehrleuten.

Johann und Mette sahen verwundert, wie Margarethe an den Brandhaufen heran trat und sich bekreuzigte.

 „Greten, wie ist dir denn“, fragte Mette, „noch nie ein abgebranntes Haus gesehen?“

 Margarethe trat nahe an die Beiden heran und flüsterte. „Baut hier man nicht mehr auf.“

 „Wieso das denn“, fragte Johann.

 „Der Platz ist nicht gut.“

 „Wie nicht gut?“

 „Lasst das man, ist besser für euch.“

 

Grundriss des abgebrannten Hofes ....

Foto: D. Alsdorf

 

Johann stutzte. Er kannte Margarethe seit dem Tage, wo sie drüben auf der anderen Seite des Berges Jakob Wohlers geheiratet hatte, den Sohn und Hoferben des seeligen Schulmeisters Jacob Wohlers. Und sie sah nicht so aus, als ob sie nicht mehr alle beisammen hatte. Sollte etwas dran sein, was die Leute erzählten, von dem Mord, der hier einst geschah? Und von den beiden jungen Leuten, die dafür geköpft wurden? Ihn hatten solche Geschichten, die an langen Winterabenden gerne und ausgiebig die Runde machten, nie interessiert. Er war hier geboren und hatte letztlich in seinem Haus nie etwas ungewöhnliches bemerkt, wenn er einmal vom frühen, viel zu frühen Tod seines Bruder absah, dem der Vater zunächst den Hof übergeben hatte.

 „Das Haus ist verflucht“, flüsterte Margarethe geheimnisvoll. „Und nun ist das weg!“

 „Greten, das glaubst du doch selbst nicht“, Mette schüttelte den Kopf.

 „Ich hab’s von Jacob, und der von seinem Vater, dem seeligen Jacob.

 „Und warum habt ihr uns das nicht längst erzählt? Wohnt hier ein Leben lang mit uns beisammen und erzählt uns das nicht?“

 Margarethe zuckte die Schultern. „Haben nicht daran geglaubt.“

 „Woran nicht?“ fragte Mette ungeduldig.

 Das was die Alten erzählten, das von dem alten Behrend, der hier früher Lehrer war.“

 „Und was hat das mit uns zu tun? Was geht uns das an?“

 „Den Hof hier, den hat er verflucht, das ist bestimmt 70 Jahre her.“

 Johann musste lachen und schüttelte mit dem Kopf.

 „Greten, wir haben heute andere Sorgen als uns den alten Spinnkram von dir anzuhören…“

 „Und seine Tochter…“ Greten kam dicht an Mettes Ohr, „seine Tochter war es die hier später….“

 „..den Bauern umgebracht hat? Die Geschichte kennt hier doch jeder.“

 „Aber das mit dem alten Behrend nicht. Und jetzt wo der Hof weg ist, wo alles passiert ist….“ Margarethe bekreuzigte sich. „Da ist das besser, ihr baut woanders, ihr habt doch Land genug.“

 Damit war sie im Gewühl der Menschen verschwunden.

 Johann bückte sich und warf wütend ein Holzstück in die Trümmer.

 „Und nun? Was machen wir nun?“

 

 Am Stellberg in Blumenthal 2005

Foto: D. Alsdorf

 

Behrends Fluch Teil 2 - wie alles begann.

Rund 70 Jahr zuvor …

 Der 26. Januar 1805 war einer jener Tage, an dem gewöhnlich kein Bauer gerne sein Haus verlies. Ein eisig kalter Wind fegte durch das Ostetal und jagte Graupelschauer über das Land.

 Vor dem Hof des Marten Hagenah hatten sich die dort angebundenen Pferde mit dem Wind gestellt. Und das waren nicht wenige. Nach der Anzahl der Pferde zu urteilen musste so ziemlich das ganze Dorf hier versammelt sein. Doch die Bauerngemeinschaft hatte sich hier nicht getroffen, um zu feiern. Im Gegenteil, man schien sich uneins zu sein. Aus der Diele, die mit stickigem Rauch der Herdstelle gefüllt war, drang erregtes Stimmengewirr.

 „Verflucht sollst du sein, Marten Hagenah, du und dein Haus!“

 Die Stimme des Berend Spreckels hallte laut durch die Diele, dass es jenen, die dabei waren, einen Schauer über den Rücken jagte.

 Der Genannte trat langsam aus dem Kreis der umstehenden Bauern hervor und stemmte seine Hände in die Hüften. Marten Hagenah war sich seiner Autorität als „Richter“ und damit Vorsteher des Dorfes bewusst.

 „Ob du mich verfluchst, Behrend Spreckels, ist mir einerlei und ändert nichts an deiner Entlassung.“

 „Ist das dein letztes Wort?“ fragte Behrend mit vor Zorn zitternder Stimme.

 „So ist es.“

 „Du bringst meine Familie an den Bettelstab“, erwiderte Behrend „weißt du das? Wovon sollen wir denn leben?“

 „Das ist deine Sache“, antwortete Marten kühl.

 Obwohl Behrend diese Antwort erwartet hatte, drückte der in ihm wühlende Schmerz die Tränen ins Gesicht. Mit brüchiger Stimme schrie er in die Diele:

 „Marten Hagenah, der du meine Familie in die Armut entlässt, das sage ich dir hier vor aller Welt: Möge in deinem Haus kein Glück mehr einkehren, bis es vom Feuer verzehrt werde.“

 Die versammelten Bauern sahen betreten zu Boden. Alle kannten Behrend, die meisten waren von dem Dorfschulmeister unterrichtet worden. Einen solchen traurigen Abgang hatten sie ihm nicht gewünscht. Ihm aber eine lebenslange Rente zahlen, das wollten sie auch nicht.

 Behrend drehte sich um humpelte aus der Grootdör des Richterhofes. Draußen wartete sein Bruder Otto, der den weinenden Behrend in die Arme nahm.

 Marten sah ihm nach und lachte. Als er sich umdrehte und die betretenen Gesichter seiner Nachbarn sah, sagte er: „Habt ihr etwa Geld für ihn? Wollt ihr für ihn zahlen?“ und zeigte hinaus, wo Otto seinen Bruder soeben vom Hof begleitete.

 Die Bauern schwiegen.

 „Na, seht ihr!“ sagte Marten zufrieden. Mit der Entscheidung, den Lehrer ohne jegliche Entschädigung zu entlassen, hatte er seine erste wichtige Amtshandlung als Dorfvorsteher erfolgreich beschlossen.

 Für Behrend dagegen war dieser Wintertag folgenschwerer Wendepunkt seines 41 Jahre zählenden Lebens. Sein endgültig letzter Tag als Dorflehrer. Sämtliche Eingesessene waren an jenem Tage auf dem Richterhof des Marten Hagenah versammelt worden, selbst der Prediger und sogar der Amtmann aus dem nahen Amt Himmelpforten waren angereist, um die Einwände des Lehrers noch einmal anzuhören und dann endgültig über sein berufliches Schicksal zu entscheiden.

 Eine Anhörung, die in einem bösen Fluch endete. Als sie Behrend nachschauten, wie er verdrossen über den verschneiten Acker zu seinem Hof stapfte, waren sie zufrieden. War ihnen doch eine möglicherweise über viele Jahre hinweg zu zahlende Pension erspart geblieben und überdies waren sie den dösigen Lehrer los, der seit seinem Unfall nicht mehr der war, der einmal war.

 Über 16 Jahre hatte Behrend auf seinem kleinen Hof, am Stellberg, den er damals in der sicheren Aussicht auf eine lebenslange Tätigkeit als Lehrer hatte kaufen können, die Dorfschule abgehalten. Er hatte die Kinder der kleinen Dorfschaft in den Katechismus eingeführt, das Lesen und wenn möglich, sogar Schreiben und Rechnen beigebracht. Zwar war es nur eine Winterschule, abgehalten von Michaelis bis Ostern, aber das spärliche Schulgeld, das die Bauern ihm zu zahlen hatten, sicherte der Familie ihr bescheidenes Überleben. Neben seiner Frau Catharina waren dies der 15-jährige Claus, der achtjährige Lafrenz und die erst dreijährige Anna Catharina.

 

 

Der Wohlers-Hof gehörte zuvor dem Lehrer Behrend Spreckels.

Foto:Krüger / Archiv Alsdorf.

Behrend war nur im Nebenerwerb Dorflehrer. Wenn er keinen Unterricht erteilte, war er Kleinkötner, wie so viele in diesem Dorf am Rande des großen Tales. Deren Ertrag ihrer spärlichen Ländereien gerade zum Überleben reichte. So war es hier in Blumenthal. So war es in den meisten Dörfern der Gegend. Und dabei war er einst noch richtig vom Prediger des kleinen Kirchspiels als Schulmeister bestellt worden. Mit vorheriger Prüfung in allen wichtigen Unterrichtsfächern. Nicht, wie so manche Lehrer in der Umgebung, die von den Dorfschaften nur deshalb genommen wurden, weil sie zum einen jung an Jahren und zum anderen billig zu haben waren. Und dabei selbst kaum des Schreibens kundig, wie Behrend spöttisch bemerkte, und schon gar nicht in Gottes Wort bewandert waren. Solche Leute hatten gewöhnlich einen Reihetisch. Täglich mussten diese Hungerleider bei einem anderen Bauern des Dorfes am Tische Platz nehmen und das essen, was man ihnen gab. Und wenn solche Leute Glück hatten, dann ehelichten sie eine der Bauerntöchter, die ihnen mit ihrer Mitgift eine kümmerliche Existenz als Häusling ermöglichte.

 Behrend dagegen war mit Leib und Seele Schulmeister und hatte sogar eine seiner beiden Stuben unendgeldlich als Klassenzimmer zur Verfügung gestellt. Die Dörfler jedoch, die damit ein eigenes Schulgebäude einsparten, hatten es ihm wenig gedankt. Anfangs hatten sie Behrend noch versprochen, mit ihren Pferden auf seinem Land auszuhelfen. Zu pflügen und zu eggen. Denn Behrend hatte selbst keine Pferde. Doch nicht einmal dieses Versprechen lösten sie ein. Im Gegenteil, ihre ohnehin spärlichen Spanndienste zogen sie dem Schulmeister noch vom Gehalt ab.

 Und dann kam aus heiterem Himmel jenes Unglück vor drei Jahren, dass sein Leben so nachteilig verändern und das Bestehen seines Hofes vernichten sollte. Für das er den jungen „Richter“ Marten persönlich verantwortlich machte. Denn dieser hatte erst vor kurzer Zeit sowohl den Hof seines Vaters Johann wie auch sein Richteramt übernommen. Ein Ehrenamt, dass es seit alter Zeit sowohl in Blumenthal wie auch den anderen Dörfern im Tal der Oste gab und vom Vater auf den Sohn vererbt wurde. Vor vielen hundert Jahren brachten es die Holländer, die einst kamen, um die Ostemarschen zu kultivieren, aus ihrer Heimat mit und so war es geblieben. Zwar war das Amt, dass im wesentlichen die niedere Gerichtsbarkeit und das Eintreiben von Steuern und Abgaben umfasste, längst aus der dafür previlegierten Lokatoren-Familie, die einst die Kultivierung leitete auf andere eingesessene Familien übergegangen, das Ansehen des „Richters“ und damit des Dorfvorstehers war jedoch ungebrochen. Doch nicht immer war der Erbe des Richteramtes seiner verantwortungsvollen Tätigkeit gewachsen. Und manchmal hatten solche Fehlentscheidungen dramatische Folgen. So wie im Fall des Schulmeisters Behrend.

 Dieser machte keinen Hehl daraus, dass er den jungen Hagena für unfähig hielt. Schulischen Belangen stand der Bauer, dessen Hof nur fünf Minuten am Westhang des Stellberges, des alten Gerichtsberges der Dorfschaft lag, mehr als gleichgültig gegenüber. Was der Schulmeister übrigens schon vor über 10 Jahren bemerkt hatte, als der kleine Marten einer seiner eher schlechten Schüler war.

 So kümmerte sich Marten nicht, als Behrend für die Winterschule im Jahre 1802 dringend neue Bänke für seine Klasse von ihm einforderte. Er könne seine Kinder schließlich nicht auf der Erde sitzen lassen, hatte der Schulmeister gewettert. Doch der „Richter“ blieb stur und so kletterte Behrend auf seinen Dachboden, um selbst einige Bretter zu holen. Da passierte es. Mit samt einem der schweren Bohlen stürzte er über vier Meter tief auf die Diele. Ein Bein war gebrochen, der Kopf verletzt.

Für den Schulmeister begann ein zweijähriges Martyrium, in dem er nicht nur keinen Unterricht mehr halten, sondern auch seine Landwirtschaft nicht mehr ausüben konnte. So verkam der Hof, wuchsen seine Schulden ins unermessliche, nicht zuletzt durch die lange ärztliche Versorgung. Die Kinder gingen in der Zeit in die umliegenden Dörfer zur Schule, was zur Folge hatte, dass die Dorfschaft, dessen Vorstand Marten war, das Schulgeld strich. Als der Lehrer schließlich soweit genesen war, dass er den Schuldienst wieder aufnehmen konnte, obwohl ihn immer noch heftige Schmerzen und Schwindelanfälle quälten, musste er erkennen, dass er vor den Kindern keine Autorität mehr besaß. Seine Zeit war abgelaufen und einem weinerlichen Krüppel, der sie nicht mehr alle beisammen hatte, dem mochte kein Kind mehr gehorchen. In seiner Verzweiflung begann Behrend, die nicht mehr zu bändigende Kinderschar zu schlagen. Die Folgen waren gravierend: Die Eltern weigerten sich, ihre Kinder weiterhin zu ihm in seine Schule zu schicken und beschwerten sich beim „Richter“. Zu Michaels 1804 war es soweit. Marten Hagenah drang gewaltsam mit anderen Bauern in sein Haus und nahmen ihm die Schulmöbel. Für eine Schule an anderer Stelle, für den sie bereits heimlich einen neuen Lehrer eingestellt hatten. Schulmeister Behrend war am Ende. Alle Beschwerden, alle Einwände hatten keinen Erfolg. Mit der letzten Anhörung im Januar 1805 auf dem Richterhof im Beisein von Amt und Kirche war sein Schicksal besiegelt.

 Ostern 1805 nahmen Behrend und seine Familie Abschied von ihrem geliebten Hof. Alles war verkauft, die Äcker, das Inventar. Das einzige, was der Familie noch blieb, war das Anrecht auf ein Altenteil draußen in der Heide, wo ihm der neue Eigentümer ein kleines Haus gebaut hatte, dass ihm und seiner Frau bis an ihr Lebensende zur Benutzung zustand.

 Man sagt, Behrend wäre, schon als seine Frau Catharina mit der zweijährigen Anna Catharina im Arm auf dem Wagen saß, noch einmal zu jener kleinen, aber kräftigen Eiche gegangen, die er am Tage der Geburt seines Ältesten gepflanzt hatte. Die noch an ihn erinnern sollten wenn er selbst längst nicht mehr war. So hatte sich Behrend das einmal gedacht. Ein Traum, der nun vorbei war. Nun galt es Abschied zu nehmen und Behrend nahm sich vor, niemals mehr seinen ehemaligen Hof zu betreten.

 

 Behrends Baum stand noch bis vor einigen Jahren …

Foto: Krüger

 

     

Das Ende von Behrends Eiche ...

Foto: Krüger

 

 

 

 Catharina beobachtete, wie ihr Mann über die noch kahlen Zweige des Baumes strich und mit ihm sprach.

 „Was redest du mit dem Baum“ hatte sie ihm zugerufen, „lass uns sehen, dass wir in die Heide kommen!“

Behrend hatte selbst ihr nicht erzählt, was er mit seinem Baum besprochen hatte. Was sollte er sie unnötig beunruhigen, und er trug schwer daran, sie und die Kinder in so bittere Armut gebracht zu haben. Hätte er ihr erzählen sollen, dass nun beide Jungen vom Hof müssten, er sie als Lüttknechte auf fremde Höfe nach Kehdingen geben würde? Weil es für alle auf dem Altenteil nicht mehr reichen würde? Das wusste seine Catharina doch selbst und er wollte es nicht wiederholen. Er musste dem Baum doch erzählen, dass er nun seinem Ältesten nicht mehr Schatten spenden würde. Das es fremde Kinder wären, die später einmal in seinen Ästen herumklettern würden.

 Und so trug er dem Baum noch auf, darüber zu wachen, dass auf dem benachbarten Hagenah’schen Hof kein Glück mehr einkehren möge. Und mindestens so lange lebe, bis dieser eines Tages vom Feuer verzehrt würde.

 Damit fuhr Behrend hinaus in die Heide, auf sein karges Altenteil. Oft stand er später, besonders dann, wenn bei Wechsel des Wetters sein verstümmeltes Bein schmerzte, vor seiner kleinen Kate und schaute in jene Richtung, wo der Richterhof lag. Doch so oft er auch schaute, keine Rauchsäule stieg über dem Horizont auf, kein Feuer verzehrte die Habe jenes Mannes, der seiner Meinung nach so viel Unglück auf sein Gewissen geladen hatte.

Der Hof des „Richters“ blieb unversehrt. Auch als die Franzosen über Jahre ins Land kamen. Aber war es nicht ein Geschenk des Himmels, dass seine Frau Catharina im November 1808 noch von einer Tochter entbunden wurde? Doch nur wenige Jahre blieben Behrend mit der kleinen Anna Sophie. Im Jahre 1815 starb Behrend Spreckels an den Folgen seines nie vollständig kurierten Unfalls. Sein sehnlichster Wunsch, den Richterhof in Trümmern zu sehen, ging nicht in Erfüllung.

 Das Schicksal seiner Tochter Anna aber sollte es werden, an den Stellberg zurückkehren zu müssen. An einen Ort, auf dem die Hölle auf sie wartete.

 Dies ist ihre wahre Geschichte.

Weiter in "Anna aus Blumenthal" ...

 

 

© Fotos/Text: Dietrich Alsdorf 2012 , Baum-Fotos: E. Krüger / Archiv Alsdorf.

 

 

 

 

 

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