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Tischler Bierschwall war Zeuge der Hinrichtung.

Foto: H. Bierschwall

 

Das letzte Gebet

 Zu den Rätseln um Anna aus Blumenthal gehört zweifellos ihr letztes Gebet auf dem Richthügel. Der erste Vers des Gebetes ist uns durch den Tischler Bierschwall überliefert, der als Kind Zeuge der Hinrichtung war und somit auch Ohrenzeuge der letzten Worte von Anna. Doch was bewegte die Unglückliche, gerade diesen Text als ihre letzten Worte an die Welt zu wählen? Wo es sich doch, wenn man den arroganten Amtsleuten glauben wollte, nur um ein schlichtes Frauenzimmer handelte? Die einerseits – obwohl des Schreibens kundig - drei Kreuze unter dem Ehevertrag zu malen hatte, andererseits während ihrer Haftzeit unentwegt religiöse Schriften las.

Die Suche nach dem Originaltext ihres Gebetes gestaltete sich überraschend schwierig. Der Text stand in keinem Gesangbuch der Region. Woher hatte Anna den Text, zu dem übrigens eine wunderschöne Melodie gehört? Über das Internet fand ich heraus, dass eine moderne Version des Liedes Bestandteil des neuapostolischen Gesangbuchs aus den zwanziger Jahren war. Um an die Originalversion zu gelangen, sah ich mehrere Meter Gesangbücher des 19. Jahrhunderts durch, die in der Stader Predigerbibliothek aufbewahrt werden. Tatsächlich wurde ich im „Gothaischen Gesangbuch“ aus dem Jahre 1828 fündig. Der Verfasser war, wie mir jüngst ein Besucher meiner Homepage mitteilte, der Theologe Dr. Johann August Hermes (1736-1822) - Verfasser des damals viel beachteten "Handbuchs für die Religion." 

  

1

Ich bin zur Ewigkeit geboren,

für eine bessre Welt bestimmt;

mein Leben ist nicht ganz verloren,

wenn gleich das Grab die Hülle nimmt.

Zu groß bin ich für diese Zeit;

Mein Loos ist die Unsterblichkeit.

 

2

Was ist die Welt? Was Gold und Ehre?

Gesetzt, es wäre alles mein;

So blieb es, wenn kein Himmel wäre,

für meine Wünsche doch zu klein.

Dem Geiste sind sie kein Gewinn;

Nach edleren Gütern strebt er hin.

 

3

Er schuf mich ja, der Gott der Liebe,

zu höherem Glück, zu höherer Lust,

und pflanzte selbst dazu die Triebe,

so stark, so tief in meine Brust.

Er, der mit Sehnsucht mich erfüllt,

lässt wahrlich sie nicht ungestillt.

 

4

Der Wunsch, ihn ewig treu zu lieben,

der höheren Wahrheit Licht zu sehn,

der hier noch unerfüllt geblieben,

muss einst doch in Erfüllung gehen.

Den mir des Schöpfers Weisheit gab,

den Trieb nach Licht vertilgt kein Grab.

 

5

Er ist gerecht, der höchste Richter!

Die Tugend wird noch einst gekrönt,

wenn gleich der Wahn der Bösewichter,

sie hier verwirft, verfolgt, verhöhnt.

Das Laster, das hier triumphiert,

wird dort vor sein Gericht geführt.

 

6

Denn anders kann ja Gott nicht handeln;

es gilt das Recht in seinem Reich.

Die Frommen, die hier redlich wandeln,

sind nie den frechen Sündern gleich.

Die Tugend siegt; ich sterbe drauf:

Gott weckt mich zur Vergeltung auf.

 

7

Er weckt mich auf aus meinem Staube;

Dies hofft mein Herz, dies spricht sein Wort.

Dies Wort – laut triumphiere, Glaube –

Treibt mächtig alle Zweifel fort.

Wie froh erhebt sich nun mein Geist,

da Gott ihn selbst unsterblich heißt!

 

8

Mein Jesus lebt! Wer will mich töten?

Er sichert mir Unsterblichkeit;

ergibt mir Mut in Todesnöten,

und leitet mich zur Seligkeit.

Auch dieser Leib soll auferstehen,

vollkommener einst zum Himmel gehen.

 

9

Zerstört der Tod des Leibes Glieder;

Ich glaube fest, und fürchte nichts.

Zwar sterbe ich;

doch erwach’ ich wieder

am Morgen eines ewigen Lichts.

Dann fängt mein neues Leben an;

O Gott, wie selig bin ich dann!

 

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der - was den Kriminalfall betraf - leicht  zu missverstehende 3. Vers des Liedes Pastor Ruperti dazu veranlasste, das Gebet in seiner Denkschrift über die Hinrichtung vollkommen zu verschweigen. Allerdings durfte er der Delinquentin das Aufsagen des Gebetes angesichts des Todes nicht versagen. So rechtfertigte sich Anna wenige Herzschläge vor ihrem Tod in Form eines Kirchenlieds für ihre tragische Liebe zu Claus.

 

 

Annas Gebetstext auf einem Grabstein in Kirchlinteln bei Verden.

Foto: D. Alsdorf

 © D. Alsdorf 2012

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