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"Annas Tochter"

Diese Geschichte sollte eigentlich in "Anna aus Blumenthal" stehen, fand jedoch keinen Platz ...

 

 

 

 Vielleicht in 100 Jahren –

Zwischenstation in Himmelpforten

 August 1898. Vor dem Abteilfenster dehnte sich eine endlos erscheinende Ebene, die nur gelegentlich von einzelnen Schafherden unterbrochen wurde. Und dazwischen, wie grüne Tupfen im Braun der Heide, vereinzelte Dörfer mit ihren Reetdächern und weißem Fachwerk. Umschlossen von gelben, in Reife stehenden Getreidefeldern.

 Catharina ließ die eintönige Landschaft an sich vorbei fliegen, während der Zug sich schnaufend seinen Weg Richtung Cuxhaven über holprige Geleise bahnte. Es war stickig und schwül im Waggon der 3. Klasse und Catharina döste vor sich hin. In unregelmäßigen Abständen riss sie das schrille Pfeifen der Lok aus ihrem Halbschlaf. Immer dann, wenn der Zug über einen der unbeschrankten Bahnübergänge rumpelte. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie Erntewagen mit Bauern in schwarzen Westen und weißen Hemden, die herüber winkten.

 Es kam ihr vor, als fahre sie zurück in eine längst vergangene Zeit. Ihr gegenüber saßen altertümlich gekleidete Frauen, in blauen Röcken und schwarzen, hochgeschlossenen Blusen. Ihr Haar verbargen sie unter schwarzen Hauben. Sie hatten runde, von der Hitze gerötete Gesichter und hielten Körbe auf den Knien. Sie schwatzen angeregt in einer ihr unverständlichen Mundart. Ab und an schauten sie heimlich herüber und Catharina spürte, wie die Frauen über sie sprachen. Über die seltsam anmutende Alleinreisende in ihrem modischen städtischen Kleid. Und sich dabei wohl die Frage stellten, was diese offenbar wohlhabende Bürgersfrau in ihrer ländlichen Gegend suchen mochte.

 Catharina hatte ihren ausladenden Hut noch einen Stück tiefer in ihr Gesicht gedrückt, um nicht angesprochen und womöglich nach dem Zweck ihrer Reise gefragt zu werden.

 Nichts wäre ihr unangenehmer und sie müsste sich eine Notlüge zurechtlegen. Der Grund für ihr Unbehagen lag verwahrt in ihrer Tasche, die sie neben sich auf der Bank abgestellt hatte. Ein altes Dokument, gefaltet zu einem kleinen Rechteck. Ein Taufschein – ihr Taufschein. Ausgestellt fast auf den Tag genau vor 65 Jahren in jenem fremden Ort, an dem in wenigen Augenblicken der Zug halten würde. Planmäßige Ankunft um 10.38 Uhr. In Himmelpforten, im Norden der Hannoverschen Provinz.

 Den Taufschein, hatte sie erst vor wenigen Jahren im Nachlass ihrer verstorbenen Eltern gefunden und tatsächlich bis ins Mark erschüttert. Zeitlebens hatten diese ihr verheimlicht, dass sie eine Waise war. Zwar offenbar bald nach ihrer Geburt von ihren Zieheltern aufgenommen und an Kindes statt aufgezogen, aber doch letzten Endes unbekannter Herkunft.

Wer waren ihre leiblichen Eltern? Welches Schicksal hatten sie erleiden müssen, ihr Kind in fremde Hände geben zu müssen? Hatte sie gar noch Geschwister, eine Verwandtschaft? Diese Fragen hatten Catharina seit jenem Tag, als ihr das Dokument aus einem alten Gesangbuch fiel, nicht mehr los gelassen.

 Dampfwolken der Lokomotive versperrten die Sicht. Der Zug wurde merklich langsamer und lief in einen Bahnhof ein: Himmelpforten! Und tatsächlich erblickte sie durch das Abteilfenster das weiße Schild mit den großen schwarzen Lettern über dem Bahnhofsgebäude.

 

 

Der Bahnhof

 

Catharina erhob sich, nahm unter den neugierigen Blicken der Bäuerinnen ihre Tasche und verlies den Wagen. Erwartungsvoll betrat Catharina den Bahnsteig, während der Zug nach kurzem Aufenthalt weiter Richtung Cuxhaven fuhr.

 Zu ihrer Überraschung lag der Bahnhof einsam in der Landschaft, das dazugehörige Dorf lag offensichtlich weiter entfernt. Es war still. Nur die Spatzen lärmten in der Dachrinne des Empfangsgebäudes. Catharina atmete nach den vielen Stunden in stickiger Luft tief ein. Hier in Himmelpforten roch es nach reifem Getreide und Sommerblumen.

 Sie sah sich um. Der Bahnsteig, auf dem einige Leute ausgestiegen waren, hatte sich schnell geleert. Nun war sie allein. Mit sich und der Suche nach ihren Wurzeln.

 „Good Morning … können sie mir ein Hotelzimmer vermitteln?“ fragte sie den Wirt der Bahnhofswirtschaft, der freundlich blickend hinter seinem Tresen stand und seine Gläser polierte.

Für einen Moment stutzte der Wirt. Eine Amerikanerin mit offensichtlich deutschen Wurzeln, so etwas hatte er hier noch nicht erlebt.

„Aber gewiss doch, gnädige Frau.“ antwortete er und sah prüfend in eines seiner Gläser „Ich empfehle ihnen das Hotel Spreckelsen. Es wurde erst vor kurzer Zeit eröffnet und liegt direkt gegenüber der Kirche.“

 Catharina dachte an ihre dortige Taufe. Kein schlechter Ausgangspunkt für ihre Erkundungen.

„Thanks! “Sie nickte.

„Wenn sie die Turmuhr nicht stört“, ergänzte der Wirt. „Die meisten Gäste, die nach Himmelpforten kommen, wollen ihre Ruhe und steigen daher im Kurhotel ab, das liegt direkt am Wald. Wenn sie lieber dorthin wollen?“

„No, thank you, it’s all right”, erwiderte Catharina.

 Der Wirt wandte sich einen kleinen Jungen, der in der Nähe herumlungerte. „Los, Junge, lauf zu Spreckelsen, die sollen einen Wagen schicken.“

 Der Junge lief davon. Catharina ließ sich ein Mineralwasser aus einer gedrungenen Bügelflasche geben und sah aus dem Fenster. Hinter den Geleisen erstreckten sich bis zum Horizont Wiesen und Felder, flaches Land. Auf den Feldern mähten die Bauern ihr Getreide. Schnitter gingen mit der Sense voran und Frauen gingen hinterher und banden die Halme zu Garben.

Fast fühlte sich Catharina an ihre Heimat erinnert. An die endlosen Weizenfelder daheim in Minnesota in den Vereinigten Staaten von Amerika.

 

 

Das Hotel Spreckelsen

 

Endlich kam ein Pferdegespann und fuhr sie in das nahe Dorf. Gegenüber der kleinen Kirche erblickte Catharina ein auffallend moderner Neubau - Das Hotel.

„Sie sind einer meiner ersten Gäste“, freute sich der Wirt, „und dann noch aus Amerika – wenn das kein gutes Omen ist.“

Sein alter Gasthof war abgebrannt und hatte trotz der Konkurrenz im Dorf in einen teuren Neubau investiert.

Catharina hielt es nicht im Hotel. Zu neugierig war sie auf ihren Geburtsort und auf die erwarteten Auskünfte zu ihrer Herkunft. Viel Zeit blieb ihr nicht, wenn sie sich in zwei Tagen mit ihrem Mann in Wesermünde treffen wollte, um gemeinsam die lange Heimreise anzutreten.

Vor der Tür traf sie den Wirt, der mit einem Reisigbesen die Treppen fegte.

„Wollen sie sich ein wenig die Beine vertreten?“, fragte er höflich. „Ich empfehle ihnen unseren schattigen Amtsgarten.“ Damit zeigte er auf hohe Bäume im Schatten der Kirche.

„Und was ist das für ein großes Haus neben der Kirche?“, fragte Catharina und zeigte nach links, wo sich jenseits der Straße ein mehrstöckiges repräsentatives Gebäude hinter hohen Bäumen verbarg.

„Das ist das ehemaligen Amtshaus“, erwiderte der Wirt. „Früher war dort der Sitz des Amtes Himmelpforten. Ein Verwaltungsmittelpunkt mit Amtmann, Gericht und Gefängnis.“

„Was, hier gab es auch ein Gefängnis?“

„Gewiss! Gleich hinter der Kirche. Es steht heute aber nicht mehr. Sogar hingerichtet wurde hier. Das ist aber lange her.“ Der Wirt lachte. „Gottlob haben wir heute andere Zeiten.“

In meiner Heimat auch, dachte Catharina und ihr fielen die oft dramatischen Geschichten ihrer Auswanderung ein. Auch ihre Zieheltern hatten es zunächst schwer, in der neuen Welt fuß zu fassen.

Catharina überquerte die Straße und betrat voller Erwartung das Gotteshaus. Hier, im Halbdunkel des Kircheninneren war es angenehm kühl und still. Das Rasseln der Gespanne, das geschäftige Treiben im Dorf, war vor der Tür geblieben.

 

Die Kirche

 

Langsam ging sie durch den düsteren, von Emporen beidseitig eng gesäumten Mittelgang und stand schließlich vor dem über fünf Meter hohen Kanzelaltar. Der äußere bescheidene Eindruck des Gotteshauses setzte sich in seinem Innern fort. Opulente Kostbarkeiten hatte die Kirche nicht aufzuweisen und die umlaufenden Emporen deuteten darauf hin, dass sie einer großen Gemeinde diente.

In einem Pfosten der Altarwange eingebaut, lag die von einem Deckel bedeckte Taufschale aus Messing. Catharina hob den klobigen Deckel und betastete vorsichtig den Rand der Schale. Sie versuchte sich vorzustellen, wie einst ihre Paten sie hier genau an dieser Stelle über das Becken gehalten hatten, während der Pastor sie mit dem geweihten Wasser benetzte.

 „Kann ich helfen?“ Eine Stimme schreckte Catharina jäh aus ihren Gedanken. Sie blickte sich um und sah einen jungen, freundlich blickenden Mann in schwarzer Kleidung.

„Oh Sorry“, erwiderte Catharina und rang mit den Worten.

Der Pastor lächelte. „Arfken“, stellte er sich vor, „Wilhelm Theodor Arfken, ich bin der Pastor dieser Gemeinde. Darf ich fragen, was Sie in meine Kirche führt?“

„I came from Minnesota for a visit“, begann Catharina, in ihrer Aufregung ins Englische fallend, „but I was born here in Himmelpforten.“

„Ach“, meinte der Pastor, „daher das Interesse für unser bescheidenes Taufbecken?“

Catharina reichte dem Pastor den gefalteten Taufschein.

Erstaunt nahm der Pastor das abgegriffene Dokument in Augenschein. „Tatsächlich, mit dem Siegel unserer Kirche“, bestätigte er und gab es ihr zurück.

„I am looking for my parents – sorry - Eltern“, sagte Catharina.

„Ihre Eltern?“ fragte der Pastor erstaunt. „Sind sie denn, pardon, eine…“

„Ja, eine Waise“, ergänzte Catharina, „und ich bin auf der Suche nach meinen Eltern. Ich habe den sehnlichen Wunsch, vor ihr Grab zu treten.Ich möchte wissen, ob ich hier noch Verwandte habe und …“ Sie zögerte. „Ich möchte erfahren, warum man mich fort gegeben hat.“

Der Pastor überlegte kurz. „Da können nur die Kirchenbücher weiterhelfen.“, meinte er und ging mit Catharina über die Straße zum gegenüber liegenden Pfarrhaus.Dort öffnete er den alten Eichenschrank, in dem die in Leder gebundenen Register der Kirchengemeinde lagerten. Das familiengeschichtliche Gedächtnis des Kirchspiels. Er ging die Jahrgänge durch, nahm schließlich eines der Bücher heraus und legte es auf den Tisch.

 „Hier, bitte nehmen sie zunächst das Taufregister“, sagte er.

 Gespannt schlug Catharina die eng beschriebenen Seiten ihres Geburtsjahres 1833 auf, und ging die Eintragungen durch, bis sie den Beweis ihrer Existenz fand.

Sie las leise vor: „Himmelpforten den 30. Oktober 1833: der Anna Sophia Meyer, geborene Spreckels und Ehefrau des in Blumenthal umgekommenen Cord Meyer den 28. August hierselbst geborene Tochter Anna Catharina.“

Als Taufpaten, so las sie, waren eine „Anna Catharina Mühlmann aus Hammah in Gegenwart der beeidigten Bademutter Tiedemann“ genannt.

 „Die Mühlmann hat ihnen ihren Namen gegeben“, meinte der Pastor und lächelte. „Vielleicht war es die Schwester ihrer verstorbenen Mutter… wer weiß. Mir fällt allerdings auf dass ihre Taufe zwei Monate nach der Geburt erfolgte. Das ist ungewöhnlich.“

„Ungewöhnlich?“

„Ja, weil die kleinen Heiden, wie man früher sagte, innerhalb von höchstens zwei Wochen getauft werden mussten.“

„Und warum dauerte es bei mir so lange?“

Der Pastor zuckte die Schultern. „Was sich mein Kollege damals dabei gedacht hat, werden wir wohl nie mehr erfahren.“

Den Blick, den ihr der Pastor dabei schenkte, verstand Catharina sofort. „Soll das heißen, dass meine Geburt …“

Der Pastor nickte. „Ja“, bestätigte er, „dass ihre Geburt wohl unehelicher Natur war. Allerdings sind sie hier im Dorf geboren, obwohl ihr Vater Cord aus Blumenthal stammte. Dieses kleines Dorf hier ganz in der Nähe gehört allerdings zur benachbarten Kirchengemeinde von Burweg-Horst.“

 

Er überlegte kurz und ging zu einem Regal. Dort zog er unter einem Stapel Bücher einen schweinsledernen Folianten hervor.

„Wir haben Glück“, sagte er. „Das hier ist das Kirchenbuch dieser Gemeinde, es ist zufällig hier, weil es hier im Dorf neu gebunden wurde.“

 

Er legte es auf den Tisch, schlug das Jahr 1833 auf. „So, dann wollen wir mal sehen…“, murmelte er. „Dieser Cord Meyer muss ja kurz vor ihrer Geburt gestorben sein.“ Stirn runzelnd überflog er die Eintragungen.

„Hier haben wir es“, rief er erfreut, „dieser besagte Cord Meyer starb am 11. März 1833 im Alter von 58 Jahren und ist - mein Gott, ist das ein Gekrakel - dreimal verheiratet gewesen.“

„Dreimal verheiratet“, staunte Catharina

Der Pastor nickte. „Nicht ungewöhnlich damals. Die Frauen starben oft schon sehr früh. Die harte Landarbeit und dann die ständigen Schwangerschaften.“

 

Die Notiz über die Ermordung des Cord Meyer im Burweger Kirchenbuch.

 Der Pastor vertiefte sich weiter in die Sterbenotiz. „Allmächtiger! Das darf nicht wahr sein. Ihr Vater ist von ihrer Mutter und ihrem Stiefsohn ermordet worden!“

 Catharina ließ sich ihren Schreck nicht anmerken und schaute aus dem Fenster, wo Gespanne lärmend über das Pflaster der Chaussee fuhren. Welch ein weiter Weg, dachte sie. Nur um eine solche Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. Aber sie hatte es so gewollt.

Der Pastor schloss das Buch. „Es tut mir leid, ihnen keine schöneren Auskünfte geben zu können. Wie schon gesagt, ich bin nicht von hier und kenne die früheren Verhältnisse im Dorf nicht.“

 „Kennen sie denn jemanden im Dorf, der noch von früher erzählen kann?“ fragte Catharina.

Der Pastor überlegte. „Versuchen sie es beim alten Bierschwall, den Tischler vom Stubbenkamp“, sagte er. „Das ist hier gleich um die Ecke. Der dürfte so um die 70 Jahre alt sein. Aber noch hell im Kopf. Sein Vater soll damals der Gerichtsdiener gewesen sein.“

Dann drückte er ihre Hand „Gehen sie mit Gott, gnädige Frau. Und wenn sie Trost suchen, steht ihnen meine Kirche jederzeit offen.“

 

 

 Catharina verließ das Pastorat und bog in jene Straße ein, die ihr der Pastor beschrieben hatte. Nach kurzem Suchen fand sie die weit geöffnete Tür einer Werkstatt, vor der Holzstapel auf eine Tischlerei hinwiesen.

Erwartungsvoll betrat sie die Werkstatt. Ein alter Mann mit leimverschmierter Schürze stand mit dem Rücken zu ihr an der Werkbank.

„Good Afternoon“, grüßte sie, „sind sie der Tischler Bierschwall?“

Der Alte drehte sich um.

„Ja, der bin ich,“ murmelte der Alte und schaute verwundert auf seine vornehm gekleidete Besucherin.

„Der Pastor meinte, sie könnten mir von Früher erzählen.“

„So, so, von Früher“, erwiderte Bierschwall. „Und was von Früher soll ich erzählen?“

„Ich komme aus Minnesota und bin auf der Suche nach meinen Eltern.“

„Sind sie ausgewandert? Ja, das haben viele Leute gemacht. Und sie scheinen drüben zu Wohlstand gekommen zu sein.

Damit spielte er auf ihre Kleidung an.

„Yes, ich habe gut geheiratet“, erwiderte Catharina etwas verlegen.

„Dann haben ihre Eltern aber Glück gehabt. Wie hießen sie denn?“

„Viel weiß ich nicht. Meine Mutter hieß Anna.“

Bierschwall grinste. „So heißt hier jedes zweite Frauenzimmer. Wie hieß denn ihr Vater?“

„Cord Meyer.“

Bierschwall erstarrte vor Schreck. Mit einer fahrigen Bewegung griff er in die Tasche seiner Schürze und holte seine Brille hervor und setzte sie auf.

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte er leise. „Nein, das kann nicht sein. Diese Ähnlichkeit …“

Unwillkürlich wischte sich Bierschwall über das Gesicht. Die Augen waren ihm feucht geworden. „Entschuldigen sie“, sagte er und wandte sich ab. Ich glaubte einen Geist gesehen zu haben.“

„Ich bin Catharina, Die Tochter von Anna Spreckels und Cord Meyer.“

Bierschwall schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, nicht von diesem Cord Meyer. Und danken sie dem Herrn auf Knien, nicht von diesem Verbrecher abzustammen!“

„Aber im Kirchenbuch steht …“

Bierschwall machte eine abfällige Handbewegung. „Vergessen sie die Kirchenbücher. Ihr Vater war Claus Meyer, Cords Sohn. Ihre Mutter und der Claus hatten ein Verhältnis, wollten heiraten. Doch dann nahm Cord seinem eigenen Sohn die Braut weg. So einer war das! Ein Dieb und Mörder, der es nicht besser verdiente! Aber das interessierte die Advokaten nicht.“

Bierschwall machte eine Pause und sah hinaus aus dem Fenster. „Als ihre Mutter mit ihnen schwanger ging, verlangte der Alte die Abtreibung. Und da wussten sich die jungen Leute keinen anderen Rat, als …“ Er räusperte sich. „Als ihn um die Ecke zu bringen.“

Bierschwall schwieg und kratzte sich am Kinn. Dann zeigte er hinaus in die Felder. „Dort hinten hat man sie dafür hingerichtet. Und Tausende sahen zu.“

„Können sie mir den Platz vielleicht zeigen?“ fragte Catharina nach einer kurzen Pause.

„Zu sehen ist aber nichts mehr davon“, warf Bierschwall ein und Catharina spürte, wie ungern er sich an den Ort erinnerte.

„Und die Gräber? Auf dem Friedhof sind doch sicher ihre Gräber zu sehen?“

Bierschwall sah sie mit einem seltsamen Blick an. „Ich lass einen Wagen anspannen,“ sagte er und ging auf dem Hof, um seinen Enkel zu rufen.

 

 

Der Tischler Bierschwall

 

Sie nahmen jenen Weg, den ihre Eltern vor 60 Jahren auch hatten nehmen müssen. Geschleift auf einer Kuhhaut, die auf einen Pflugschlitten, gespannt war.

„Seitlich gingen Hunderte von Menschen“, erklärte Bierschwall. „Und die Schulkinder sagen fromme Lieder.“

Alte Bäume säumten den Weg, reckten ihre bizarren Arme weit über den Weg. Waren sie Zeugen gewesen, fragte sich Catharina. Hatten ihre Eltern, um nicht in die gaffende Menschenmenge schauen zu müssen auch in diesen Himmel, in diese Äste geblickt?

Die Kutsche schaukelte auf dem ausgefahrenen, mit Fahrspuren übersäten Weg. Catharina spürte jeden Stein, der den eisenbeschlagenen Speichenräder des Gefährt Widerstand entgegensetzte. Waren es dieselben Steine, die vielleicht schon die Mutter auf ihrer letzten Fahrt gespürt hatte, auf ihrer Kuhhaut, über dem Boden schleifend?

 

Das es vielleicht traurig werden würde, hier in Himmelpforten, war ihr schon vor Antritt der Reise klar gewesen. Aber dass ihre Geburt, ihre Existenz auf einer derart furchtbaren Tragödie fußte, hatte sie nicht im Traum gedacht.

„Wir sind da!“

Die Worte Bierschwalls rissen sie abrupt aus ihren Gedanken. Auf einem schmalen Feldweg zwischen Getreidefeldern hatte er sein Gespann gestoppt und stieg von seinem Bock. Dann öffnete er die kleine Tür der Kutsche und half Catharina beim Ausstieg. Suchend blickte sie sich um – wogendes, in Reife stehendes Getreide überall.

Catharina stand auf dem Weg und sah sich um. „Und wo war nun der Richtplatz?“

Bierschwall blickte kratzte sich verlegen am Kinn. „Ich sagte doch, dass es nichts mehr zu sehen gibt.“

Dann aber wies er mit der Hand vor sich auf ein schmales Heidestück, dass noch nicht kultiviert worden war. „Sehen sie dort die Kuppe? Da war es.“

Catharina löste sich von der Kutsche und ging die paar Schritte bis zur Mitte der mit Gras und Brennesseln bewachsenen Kuppe.

 

 

 

 Dort stand sie nun, blickte um sich. Sie versuchte sich das Unvorstellbare vorzustellen. Hier also, an diesem Fleck, starben ihre Eltern, hier also hatte ihre Mutter vielleicht ein allerletztes Mal an sie gedacht.

Bierschwall erklärte: „Der Richthügel selbst wurde bald danach abgetragen. Im Dorf wollte man sich nicht an die Hinrichtung mehr erinnern.“

„Und das Grab?“

Bierschwall zuckte die Schultern. „Es gibt kein Grab. Ihre Eltern wurden hier irgendwo verscharrt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Catharina mochte es nicht glauben. „Verscharrt wie gefallenes Vieh?“

„Es tut mir leid, ich war noch ein Kind“, wich Bierschwall aus. „Und so verlangte es das Gesetz, wenn ich mich recht erinnere.“

Catharina schüttelte verzweifelt den Kopf. „Bei uns in Amerika werden die Gehenkten auch auf dem Graveyard bestattet. Niemand wird „irgendwo“ vergraben. So geht man doch nicht mit Menschen um, egal was sie verbrochen hatten. Meine Eltern hatten doch Verwandte. Haben die sich nicht um ein Grab gekümmert?“

Erneut zuckte Bierschwall die Schultern. „Nein, niemand wollte mit der Sache etwas zu tun haben. Nicht mal der Eigentümer der Fläche wagt, die Heide unter den Pflug zu nehmen. Das bringt keinen Segen, sagen die Alten.“

 

Die Notiz über die Hinrichtung im Himmelpforter Sterberegister

 „Und später? Haben sich nicht Himmelpforter Bürger zusammengeschlossen, um meinen Eltern ein würdevolles Grab zu bereiten?“

„Nein“, erwiderte Bierschwall.

„Hatte meine Mutter nicht eine Schwester?. Sie hat mir immerhin ihren Namen gegeben.“

„Ja, aber die ist auch längst Tot. Aber ihre Kinder leben noch …“

Auch die hatten es nicht für nötig gehalten, ihrer Verwandtschaft ein würdevolles Grab auszurichten, dachte Catharina. Sie ging auf Bierschwall zu, reicht ihm die Hand und bedankte sich für seine Auskünfte. Catharina bat, sie hier allein zurück zu lassen. Sie würde den Weg zurück ins Dorf schon alleine finden.

Catharina wartete noch, bis er außer Sicht war, dann ließ sie sich in der Heide nieder, streckte die Arme weit von sich und schloss die Augen. Sie war am Ziel.

Die Wärme der Sonne durchflutete ihren Körper. Um sie herum das Gesumm der Bienen auf der Suche nach den ersten Heideblüten. Hoch im Himmel der Gesang der Lärchen. Ein Wetter, so schön wie damals vielleicht? Waren die Vögel verstummt angesichts des Dramas unter ihnen? Angesichts der hier versammelten Menschenmenge, die nur zu diesem einem Zweck hier die Heide zertrampelte um zu sehen wie ihrer vor Angst zitternden Mutter der Kopf abgeschlagen wurde?

Im Gras still liegend spürte sie ihr Herz schlagen. Ihr Herz, das einst im Körper ihrer Mutter zu schlagen begonnen hatte. Damals noch in Blumenthal. Einem Ort, wie er schöner nicht klingen kann, um dort gezeugt zu werden. Ein Tal voller Blumen, das für ihre Mutter jedoch nichts als Leid und Elend bereit hatte, mit dem Tag, als sie den Fuß dorthin setzte. Und sie - Catharina - hatte alles mitgemacht, unbewusst im Körper der Mutter, die Schläge des alten Meyer, den täglichen Streit unter dem Reetdach in Blumenthal - und den Mord.

 Der Abend senkte sich langsam über die flachwellige Landschaft und die dünnen Stämme der jungen Birken warfen lange Schatten in die Heide. Drüben auf der Chaussee fuhren die letzten Erntegespanne heim ins Dorf, begleitet von Mägden und Knechten. Ihr Lachen, ihre Lieder wehten bis zu Catharina herüber.

 

 

 „Mutter“, flüsterte sie und strich mit der Hand über die Gräser. „Warum? Warum nur bist du damals nicht fortgelaufen, warum bist du Vater bis ins Grab gefolgt?“

 Keine Antwort kam aus der Heide wo irgendwo ihre unglückliche Mutter ruhte. Neben jenem Mann, der sie ins Verderben riss. In Catharina breitete sich ein Gefühl der Leere aus, genährt aus der hilflosen Gewissheit, an diesem Schicksal, dessen ganze Grausamkeit sie erfahren musste, nichts und niemals mehr etwas wenden zu können.

 Was hatte der alte Bierschwall am Morgen noch gesagt? Man solle die Toten ruhen lassen. Catharina musste ihm insgeheim Recht geben, obwohl sie merkte, wie in ihr eine maßlose Wut wuchs. Eine Wut gegenüber jenen, die ihre Mutter in den Untergang führten. Eine Wut, dass sie selbst einfach fort gegeben wurde, weil niemand aus der Verwandtschaft ein solches blutschänderisches Hurenkind hatte aufziehen wollen. Die sie eigentlich noch aufsuchen wollte, auf dieser Reise.

Nein, diese wollte sie nicht mehr kennen lernen, egal wer von denen noch leben .würde. Was sollte sie schon von ihnen erfahren? Das ihre Mutter eine liederliche Person und ihr Vater ein Verbrecher war? Eine Verwandtschaft, die es damals nicht einmal für nötig befand, das Grab ihrer Eltern zu markieren, so dass es nun nicht mehr möglich war, deren genaue Lage zu ermitteln um sie noch fortzuholen und in einen Gottesacker zu betten?

 Nein, Catharina wollte sie nicht mehr sehen. Sie wollte so schnell wie möglich fort aus Himmelpforten. Morgen früh würde sie den ersten Zug nehmen.

 Sie erhob sich und ging langsam durch die Heide zurück zum Weg. Dort drehte sie sich noch einmal um. „Adieu ihr Eltern, ruht in Frieden, auch wenn auf euch die Schafe weiden,“ flüsterte sie und ging den Sandweg zurück ins Dorf.

Die Hauptstraße - rechts das Hotel - links die Kirche

 Später am Abend, die letzten Gäste vor dem Hotel waren gegangen, lag Catharina in ihrem Bett und konnte keinen Schlaf finden.

„Ping - Ping“

Immer wieder der Schlag der Turmuhr. Ein Schlag zur halben, zwei Schläge zur vollen Stunde.

Catharina ging ans Fenster. Drüben, auf der anderen Seite der Straße lag die gedrungene Kirche mit ihrem kleinen Dachreiter.

 

 

Die ehemaligen Hotelzimmer des Hotels von Spreckelsen.

 

 

Das goldene Zifferblatt der Turmuhr glänzte im fahlen Licht des Mondes.

Keine 50 Meter von hier, angeschmiegt an das Schiff der Kirche, lag früher das Gefängnis des Amtes. Dort hatten ihre Eltern, über zwei Jahre vergebens gehofft, gebetet schließlich auf ihr Ende, ihren Tod gewartet. Und daneben, fast verborgen hinter hohen Bäumen, das ehemalige Amts- und Gerichtshaus, wo ein Amtmann residierte, der seine Hände nicht mit dem Blut ihrer Eltern beflecken wollte.

Nein, sie wollte sich diese Plätze nicht mehr ansehen. Es würde das Gefühl der Leere in ihr nur noch verstärken.

„Ping!“

Wieder schlug der Hammer des Urwerks auf die Schlagglocke im Turm. Der gleiche Schlag, der einst monoton die letzten Lebensstunden ihrer Eltern gezählt hatte, wie Sand der aus einer Sanduhr rinnt. Unerbittlich, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, Tag für Tag, Stunde um Stunde.

Keine 50 Meter von hier war sie im Gefängnis geboren worden. Dort hatte ihre Mutter sie gewickelt, ihr Lieder gesungen und liebevoll in den Schlaf gewiegt. Ihre lütte Catharina mit dem Namen ihrer Schwester, die sie in ihrer letzten Lebensphase damals so im Stich ließ.

 

Catharina überlegte, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie damals zu ihrer Patentante gekommen wäre, dort aufgezogen worden wäre. Hätte sie dann auch Gänse gehütet und wäre später dem Ruf der Stadt gefolgt, wo das freie Leben lockte? Und hätte man sie im Dorf nicht gehänselt und „Hurenkind“ gerufen? War es nicht besser gewesen, dass man sie weit von Himmelpforten ein neues Leben hat beginnen lassen?

 „Es ist gut, wie es ist“, sagte sich Catharina, und schloss ihren Frieden mit der Vergangenheit.

 Am Morgen erwartete Catharina den Wagen des Wirtes, der sie in wenigen Augenblicken zum Bahnhof bringen würde. Drüben unter den Bäumen an der Kirche lagerten einige Jugendliche, die offenbar nach durchzechter Nacht noch nicht nach Hause finden mochten.

Unten im Gras, dort wo früher der Kirchhof war, lagerten einige junge Leute unter Bäumen im Gras. Sie sangen, lachten und genossen den lauen Abend.

 

 

Blick aus dem Eingang des Hotels auf die Kirche ...

 

 

 

„Ja, ja die Jugend..“ Der Wirt stand im Eingang seines Hotels und strich sich über seinen schwarzen Schnurrbart, als Anna Catharina mit ihrer Tasche die Treppe herunterkam.

„Die Jugend macht heute was sie will. Kein Respekt mehr vor Kirche und Obrigkeit.“

„Und heiraten denjenigen, den sie mögen“, erwiderte Catharina.

Der Wirt zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Stimmt, gnädige Frau, das war früher anders“, meinte er.“Da hatte der Pastor noch was zu sagen. Aber das ist vorbei hier im Dorf, alles vorbei.

„Ja, alles vorbei“, sagte Catharina leise und sah ihre Eltern vor sich, die etwa in jenem Alter wie die Dorfjugend dort draußen war, als sie sich fanden und von einem gemeinsamen Leben träumten. Ein Traum, aus dem beide in der Hölle erwachten.

Catharina reichte dem Wirt die Hand. „Good bye, Sir.“

„Auf Wiedersehen und gute Reise. Ich hoffe, sie kommen noch einmal zurück in unser schönes Himmelpforten?“

„Sicher nicht“, erwiderte sie lächelnd, „aber das hat nichts mit ihnen oder ihrem Hotel zu tun.“

„Ich will doch hoffen, dass sie hier in unserem Ort keine schlechten Erfahrungen gemacht haben?“

„Erfahrungen?“, überlegte Anna Catharina, „Wohl kaum. Ich kam in diesen Ort, um etwas zu suchen. Die Spur liebender Herzen …“

Der Wirt sah sie fragend an.

Catharina machte eine abwehrende Handbewegung. Vergessen sie was ich sagte, die Spur ist fort.“ Sie senkte den Blick. „Man hat sie hier …

 Ihre Stimme wurde brüchig. „…getilgt von der Welt.“

Catharina wandte sich zum Ausgang. Die Kutsche zum Bahnhof war vorgefahren.

Der Wirt eilte ihr nach: „Bitte warten sie, gnädige Frau. Das hört sich alles interessant an. Seien sie mein Gast, ich lass den Ortschronisten holen. Und dann erzählen sie uns die ganze Geschichte!“

Catharina drehte sich noch einmal um und schüttelte langsam den Kopf.

„Das wäre eine sehr lange Geschichte. Ob die aber hier überhaupt jemand hören will? Ich weiß nicht.“

Sie lächelte und nahm ihre Tasche.

„Doch gewiss, gnädige Frau!"

„Da bin ich mir hier in Himmelpforten nicht sicher. Vielleicht in 100 Jahren. Leben sie wohl!“

Damit war sie aus der Tür.

 

Ende

 © D. Alsdorf 2012

 

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