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Berichte zu unterschiedlichen Themen.

 

 

Diese junge Frau war um ca. 1850 vor ihrer Hochzeit gestorben und wurde mit ihrer Brautkrone bestattet.

Foto: D. Alsdorf

 

Die Totenkronen von Oldendorf

 

 Schriftliche Überlieferungen über das frühere Bestattungswesen auf dem Lande sind für unsere Region eher selten. Auch die auf mündliche Aussagen älterer Mitbürger basierenden Darstellungen in den Chroniken unserer Dörfer gehen nur selten über den Beginn des 20. Jahrhunderts hinaus. Die lokale Archäologie hat in den letzten Jahrzehnten Informationslücken zu schließen vermocht; hat erforscht, wie einst in Städten, Kirchen und Klöstern bestattet wurde. Neuzeitliche Gräber fanden dabei selten Beachtung. Zuweilen wurden moderne Gräber bei Ausgrabungen einfach weggebaggert, um an die in der Regel tiefer liegenden, wissenschaftlich relevanten Befunde zu gelangen.

 

Die Oldendorfer Kirche

Foto: D. Alsdorf

So war es im Herbst 2009 auch in Oldendorf geplant. Im Ortszentrum sollte in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche ein großer Verbrauchermarkt entstehen. Dem Bauvorhaben hatte auch ein kleinerer Teil des alten Kirchhofs zu weichen, der zuvor allerdings archäologisch untersucht werden musste. Da bekannt war, dass der Kirchhof noch bis 1871 für Begräbnisse genutzt wurde, sollte bei der Freilegung versucht werden, möglichst zügig zu den in größerer Tiefe vermuteten mittelalterlichen Gräbern vorzudringen. Doch kaum hatte der Bagger rund einen Meter des stark humosen Erdreichs geräumt, zeigten sich die ersten, erwartungsgemäß schlecht erhaltenen modernen Gräber aus der letzten Belegungsphase. Darin zur allgemeinen Überraschung aber vereinzelte bunte Hohlglasperlen und grün patinierte spiralig gewundene Drähte – die Überreste so genannter Totenkronen!

Das blieb von einem Säuglingsgrab - die Reste einer Totenkrone. 

Foto: D. Alsdorf

 

Totenkronen sind in Deutschland in Form von Kränzen, Diademen und Hauben in Gräbern an zahlreichen Orten nachgewiesen worden. In der Vergangenheit waren auch im Stader Raum die Überreste solcher Kopfbedeckungen bereits vereinzelt in Gräbern junger Frauen und von Kleinkindern festgestellt worden, so in Stade, Buxtehude und Harsefeld. Datiert wurden diese Funde allgemein ins 18. Jahrhundert. Das in Oldendorf jedoch Totenkronen weit ins 19. Jahrhundert hinein, sogar bis 1871 ins Grab gelangten, war eine Überraschung. In zeitraubender Feinarbeit wurden die Gräber der letzten Belegungsphase freigelegt. Tatsächlich wurden in allen überhaupt noch kenntlichen Kinder- bzw. Säuglingsgräbern mehr oder minder umfangreiche Hohlglasperlen und Drahtgespinste als Kopfschmuck festgestellt. Das Grab eines halbwüchsigen Mädchens wies eine besonders üppig geschmückte Totenkrone auf, die vergleichbar mit den damals auf dem Lande üblichen Brautkronen ist.

Eine junge Frau mit ihrer kostbaren Brautkrone.

Foto: D. Alsdorf 

 

Im fraglichen Zeitraum war es auf dem Lande üblich, die Braut während der Hochzeit nicht mit Schleier und Kranz, sondern mit einer Brautkrone zu schmücken. Die aus einem Geflecht feiner Drähte, dem so genannten „Silberschlangendraht“ bestehende und dicht mit Perlen, Kunstblüten und Flitter besetzte Haube konnte in verschiedenen Ausführungen im Pastorat für den Ehrentag ausgeliehen werden. Die Haube wurde mittels Haarnadeln im hochgesteckten Haar der Braut befestigt und durfte erst später zum Tanz gegen die Abendmahlshaube ausgetauscht werden. Im ursprünglichen Sinne durfte die Brautkrone nur von jungfräulichen Bräuten getragen werden. Schwangere oder Witwen trugen ein mit Blüten und Perlen verziertes Diadem, das zur Trauung vor die Abendmahlshaube befestigt wurde. Inwieweit diese strenge Regelung noch im 19. Jahrhundert in Oldendorf praktiziert wurde, sei allerdings dahingestellt.

 

Eine Brautkrone von der Stader Geest.

Foto: D. Alsdorf

Im übertragenen Sinne lässt sich der Hochzeitsbrauch auch die Totenkronen übertragen. Die jung Verstorbene trat, geschmückt als Braut, vor ihren Schöpfer. Verheirateten Frauen wurde, so wird es für die Oldendorfer Region überliefert, die samtene Abendmahlshaube mit ins Grab gegeben. Reste davon konnten tatsächlich im Befund einiger Gräber nachgewiesen werden.

 

Bestandteile einer Brautkrone von der Stader Geest - Ende 19. Jahrhundert.

Foto: D. Alsdorf

 Ganz offensichtlich war es in Oldendorf  - vielleicht im gesamten Kirchspiel – noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts der Brauch, Kleinkindern, Mädchen und ledigen jungen Frauen eine der Brautkrone nachempfundene Totenkrone mit ins Grab zu geben. Volkskundler vermuten, dass die zu früh Verstorbenen mit der Grabbeigabe für den nicht erreichten Brautstand symbolisch „entschädigt“ werden sollten. Der Aspekt, die Leiche im Sarg zu schmücken, dürfte allerdings im Vordergrund gestanden zu haben. Zumindest im Oldendorf des 19. Jahrhunderts. Denn anders als heute, wurde ein Verstorbener tagelang im Hause aufgebahrt. Nachbarn, Freunde und Verwandte nahmen am offenen Sarg Abschied. Bekannt ist, dass allgemein besonders bei Kindern und jungen Mädchen Kunstblumen und Schleifen als Schmuck verwendet wurden.

Brautkrone von der Stader Geest, 19. Jahrhundert. 

Foto: D. Alsdorf

 

Der Schmuck der Leiche war die einzige Möglichkeit, den Status der Familie und des Verstorbenen zum Ausdruck zu bringen. Denn auf dem Kirchhof blieb nur ein mit Gras bewachsener Hügel zurück. Dauerhafte Grabmale aus Sandstein für die bäuerliche Bevölkerung kamen erst wenige Jahre später in Mode. Das Leichenhemd war für alle gleich und auch der Sarg, das haben ebenfalls die Grabungen in Oldendorf ergeben, wies – von wenigen Ausnahmen des örtlichen Adels abgesehen - keine Besonderheiten auf. Die leicht trapezförmigen Särge, aus Eichenholz gefertigt und mit schwarzer Farbe bemalt, besaßen bereits einen hohen Wölbdeckel wie heute. Eiserne Griffe gab es nicht. Die bereits industriell gefertigten Sargschrauben waren standarisiert, ebenso die Mehrzahl der Totenkronen. Angesichts der Befunde darf vermutet werden, dass der einfache Kopfschmuck für Kleinkinder – bestehend aus großen bunten Hohlglasperlen und Kunstblumen - ebenso beim Tischler zu haben war, wie der Standartsarg.

 Die Hintergründe zu dem in Oldendorf wieder entdeckten Brauch, Mädchen und Ledige mit Totenkronen zu bestatten, bleiben nach wie vor voller Rätsel, die sich nicht ohne weitere Beobachtungen lösen lassen. Seitens der Archäologie wurde versucht, Informationen über eine weitere Verbreitung in der Umgebung zu gewinnen. Doch Befragungen bei den schweigsamen Friedhofsarbeitern, ob sie jemals bei ihren Arbeiten Reste solcher Hauben bzw. deren bunte Hohlperlen bemerkten, verliefen bislang negativ.

© D. Alsdorf 2012

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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