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DAS STADER BLUTGERICHT 

Ein vergessenes Kapitel Stader Justizgeschichte 

 

Der Richthügel von Stade-Riensförde.

Foto: D. Alsdorf

 Die letzten öffentlichen Hinrichtungen in Stade

Zuschauer tranken Blut der Gerichteten

 Wenn in der Stader Region von den so genannten „letzten öffentlichen Hinrichtungen“ die Rede ist, so werden seitens der Heimatforscher und Dorfchronisten gern die 1835 in Himmelpforten erfolgte Hinrichtung des Liebespaares Anna und Claus oder die Enthauptung der Mörderin Lena Princk genannt, die 1842 bei Harsefeld enthauptet wurde. Doch die tatsächlich letzte Hinrichtung vor Tausenden von Zuschauern fand vor Stade statt – auf der Heide in Riensförde!

 Dort, unweit der Straße nach Harsefeld, betrat am frühen Morgen des 29. November 1856 eine in ein weißes Totenhemd gekleidete Frau einen vom Regen aufgeweichten Erdhügel. Sie hatte sich auf einen Stuhl zu setzen. Dann wurden ihr die Augen verbunden und der Scharfrichter schwang sein Schwert. Nicht überliefert ist, wie sie die Tausende von Gaffern empfand, die sich einzig dazu eingefunden hatten, ihrem schauerlichen Ende aus nächster Nähe beizuwohnen. Eine knappe Notiz im Amtsblatt notiert den Tod der Delinquentin um 10.30 Uhr. Es war Margarethe Schröder aus Vegesack, wegen Raubmordes zum Tode durch das Schwert verurteilt. Eine Frau, die in Stade niemand kannte und der wohl niemand eine Träne nachgeweint haben wird. Als der Scharfrichter ihren abgeschlagenen Kopf in die Höhe hob, wird die Menge vor Begeisterung geklatscht und gejubelt haben. So war es immer. In Stade und anderswo. Doch es sollte die letzte öffentlich zelebrierte Hinrichtung im ganzen Elebe-Weser-Dreieck sein. Die Drittletzte im Königreich Hannover. Mit der Anschaffung einer Guillotine zwei Jahre später endete für das Königreich Hannover dieses letzte Stück gelebten Mittelalters. Am 8. Juni 1860 starb in Stade erstmalig ein Verurteilter unter dem Fallbeil. Im Gefängnishof und unter Ausschluss der Bevölkerung.

Der Richtplatz in Riensförde hatte keine Funktion mehr und wurde aufghoben. Dabei war diese neue Stader  Richtstätte erst um 1852 neu angelegt worden, als das in Stade eingerichtete königliche Obergericht alle Strafverfahren der Region an sich zog. Die hier verhängten Todesstrafen waren in der Umgebung des Gerichts zu vollstrecken. Der alte Richtplatz vor dem Hohentor, heute Schulhof des Athenaeums, lag zu nahe an der Stadt. Die Bürger duldeten keine Richtplätze mehr in Sichtweite ihrer Häuser. So entschlossen sich die Behörden, einen neuen Platz weit vor den Toren der Stadt auszuweisen. Auf einer natürlichen Geländekuppe in der Riensförder Heide erhob sich ein gewaltiger urgesichtlicher Grabhügel, rund 50 Meter lang und 20 Meter breit. Bereits in alter Zeit war der Hügel von einem rechteckigen Graben umgeben - geradezu ideal für eine Absperrung. Die erste Hinrichtung auf diesem neuen Platz erfolgte am 9. Juni 1854. Vor Tausenden von Menschen aus Stade und den umliegenden Dörfern wurde der verurteilte Mörder Heinrich Wilhelm Stock aus Friedrichshöhe enthauptet und anschließend – dem Brauch entsprechend - vor Ort verscharrt.

Vermochten die Stader gegenüber beiden Verurteilten kaum Mitleid empfinden oder gar die Todesstrafe an sich in Frage stellen, war das bei der Magd Anna Margaretha Brümmer aus Balje offenbar anders. Die junge Frau hatte aus Verzweiflung ihr uneheliches Kind vergiftet und war deshalb zum Tode durch das Schwert verurteilt worden. Das Urteil sollte am Freitag, den 9. Mai 1856 in aller Frühe vollstreckt werden.

Je ein Pastor von St. Wilhadi und St. Cosmae hatten der Verurteilten geistigen Beistand zu geben und die Pflicht übernommen, sie auf ihren letzten Gang zu begleiten. Einer der beiden Geistlichen fühlte sich angesichts der Stimmen aus der Bevölkerung, die eine Begnadigung forderten, berufen, über die Hinrichtung im „Stader Sonntagsblatt“ vom 25. Mai 1856 einen ausführlichen Bericht zu verfassen. „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden!“, schrieb der Pastor und lobte: „Heil dem Lande, in welchem solcher Ernst des göttlichen Gesetzes noch etwas gilt, und nicht, wie in Oldenburg, ein Weib, Vater, Bruder und Schwester morden darf, ohne des Todes zu sterben.“ Ganz Stade, so schreibt der Pastor weiter, war am Hinrichtungstag trotz der frühen Morgenstunde auf den Beinen. „Um das Gefängnis herum, insbesondere auf dem Wall, lärmte eine unruhige, dicht gedrängte Menge.“ Vom Turm der Cosmae-Kirche erklang die Armesünderglocke. Auf dem Hof des Gefängnisses war ein schwarzes Gerüst mit einem schwarzen Tische und um ihn saß in schwarzen Gewändern die Staatsanwaltschaft. Anna Brümmer wurde vorgeführt, vernahm noch einmal ihr Urteil und wurde von dem Richter der Barmherzigkeit Gottes empfohlen. Der Todeszug setzte sich Richtung Riensförde in Bewegung. Voran schritt eine Abteilung Infanterie, dann folgte der Wagen mit der Verurteilten, begleitet von einer Abteilung Landgendarmen, danach der Wagen der Staatsanwaltschaft und anderer Behördenvertreter. Begleitet von unzähligen Menschen bewegte sich der Zug auf der Chaussee Richtung Süden. „Eine halbe Stunde südlich von Riensförde“, so der Pastor, „ist ein Hügel und auf dem Hügel stand ein Stuhl und hinter dem Stuhl der Scharfrichter mit 2 Gehülfen und hinter dem Hügel war ein offenes Grab und in weitem Umfange um den Hügel eine Barriere und um die Barriere Militair und eine zahllose Menge Volks.“

Nach einigen Gebeten wurde die Unglückliche auf einem Stuhl gebunden und enthauptet.

Dann aber geschah das Unglaubliche: „Etwa sechs epileptische Kranke“, so der Pastor, „tranken darauf Blut, wozu sie vorher vor Anna Brümmers Augen die Gläser gereicht, natürlich ohne dass diese die furchtbare Bedeutung derselben ahnte.“

Unter Anrufung des dreieinigen Gottes, so die allgemeine Regel, war das von den Scharfrichtergehilfen gereichte Blut zu trinken. Trotz schärfster Proteste der damaligen Ärzteschaft, die den Brauch des Bluttrinkens als finsteren Aberglauben brandmarkten, drängten sich bei den seltenen Hinrichtungen jener Zeit die Epileptiker, um Blut der Gerichteten zu trinken, das in der Bevölkerung als wirksames Mittel gegen die damals unheilbare Krankheit galt. Die Kranken hatten danach den Platz möglichst laufend zu verlassen, damit "das getrunkene Blut im Körper seine Wirkung entfalten konnte".

Der Gerichteten selbst war eine letzte Ruhestätte in geweihter Erde verwehrt. Sie wurde am Rande des Richthügels verscharrt – und vergessen.

 

 

Das "Stader Blutglas"

Gefunden 1973 in der Nähe der Richtstätte. Wurde vermutlich bei der Hinrichtung der Anna Brümmer benutzt.

Foto: D. Alsdorf

 

Mehr zu den Hinrichtungen des 19. Jahrhunderts um Stade und dem Brauch des Blutrinkens in meinem neuen Geschichtenbuch.

Foto: D. Alsdorf

 

Foto: D. Alsdorf

In meinem auf Tatsachen beruhenden historischen Roman Abels Blut habe ich den Aberglauben rund um die Epilepsie und dem Brauch des Bluttrinkens eingehend behandelt. Hier eine Leseprobe:

Acht Monate später, Anfang Juli 1835. Claus stand am Fenster seiner Zelle und schaute hinaus auf den Amtshof. Draußen ging Anna umher. In ihrem schwarzen, von Mette Bierschwall entliehenen Abendmahlskleid. Ein Gesangbuch in der einen, die kleine Anna-Catharina an der anderen Hand. Unsicher war der Gang des Kindes und Claus stiegen bei ihren Anblick die Tränen in die Augen. Das schlechte Gewissen nagte an seiner Seele, dieses Menschenkind in eine mehr als ungewisse Zukunft gesetzt zu haben. Mit ernster Miene hatte er von Bierschwall hinter vorgehaltener Hand gehört, dass die letzte Stunde wohl bald kommen würde und dann auch ihr Kind in fremde Hände gegeben würde. Weil weder die Verwandtschaft von Anna noch seine eigene Willens war, das arme Geschöpf in ihre Familien aufzunehmen. Selbst nicht sein Onkel Peter Bösch.

„Ein Kind von dem verfluchten Cord Meyer? Niemals!“, hatte Peter, der immerhin die Vormundschaft seines Neffen seit dem Tod des Alten übernommen hatte, seinerzeit gepoltert. Soll seine Saat doch verkommen!“ Worte, die schmerzten und kränkten. „Für dich hätte ich es getan“, hatte Peter gesagt. „Doch mag ich dir nicht glauben, dass dein Vater keinen Anteil an der Erzeugung hat.“

Wie oft Claus auch beteuerte, dass sich Anna dem Alten erfolgreich verweigert hatte, mochte sich Peter auf nichts mehr einlassen. Zu ungewiss erschien ihm die Vaterschaft seines Neffen. Ähnlich war es Anna mit ihrer Familie gegangen. Niemand wollte das Kind einer Mörderin aufziehen.

„Sei doch froh“, hatte Mette gesagt, als sie den verzweifelten Claus sah. „Soll das Mädchen hier als Mörder- oder Hurenkind gehänselt werden? Besser sie wird dorthin verbracht, wo niemand ihre traurige Geschichte kennt.“

„In ein Waisenhaus“, spottete Claus. „Nicht besser als ein Armenhaus.“

„Besser als ein Leben in Schande“, meinte sie. Mette nahm Claus beiseite. „Ein reitender Bote, der dem Amt die Post bringt, erzählte, dass auf Märkten im Land schon Moritaten auf eure Taten verbreitet werden. Es gibt fliegende Blätter mit dem Text und Zeichnungen. Von einem Sohn, der Unzucht mit seiner Stiefmutter treibt. Und der Refrain lautet: Wenn der Mensch auf dieser Erden, redlich handelt, geht’s ihm gut. Aber Strafe muss ihm werden, wenn er nichts als Böses tut.“

„Mein Gott, wie ist das möglich?“

„Ich denke, dass da dieser Schröder in seinem Ausschank seinen Anteil daran hat. Dort kommt viel fahrendes Marktvolk vorbei“, flüsterte Mette. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie von den Leierkastenmännern auch bei uns auf den Märkten in Himmelpforten oder Oldendorf vorgetragen werden. Möchtest du euer Kind dem Spott der Menschen aussetzen?“

Claus schüttelte den Kopf. „Was hat unser Kind verbrochen, um so ausgestoßen zu werden? Es ist gesund, hat große blaue Augen und ist neugierig auf diese Welt. Es hat es nicht verdient, in der Gosse der Straßen zu enden!“

„Das wissen wir doch alle im Dorf“, erwiderte Mette. “Und es gibt eine Möglichkeit: Wenn Menschen Geld für euere kleine Tochter stiften, muss sie nicht in einem Waisenhaus für Arme darben.“

„Wer soll den Geld geben für ein Hurenkind?“

Mette setzte eine wichtige Miene auf. „Warte es ab. Ich habe mit der Hebamme gesprochen. Sie hat vielleicht eine Idee. Und Anna hat bereits ihre Einwilligung gegeben.“

Damit wand sie sich ab und begann sich wieder an den Herd, um die Rübensuppe umzurühren.

Was mochte Mette mit der Hebamme bereden, fragte sich Claus, als er sich wieder zurück in seine Zelle begab. Als er durch das Gitterfenster sah, war Anna verschwunden. War sie wieder ins Dorf gegangen, um mit den Frauen auf der Straße über ihren wieder gefundenen Glauben zu sprechen? Fast mochte Claus glauben, denn die abergläubischen Menschen sahen in ihr eine Heilige und wenige gar das Ebenbild der Muttergottes mit dem Jesuskind im Arm, deren Tötung zwangsläufig die Strafe des Herrn nach sich ziehen würde.

 Lag darin vielleicht Mettes Geheimnis? Gab es gar noch Hoffnung für ihr Leben?

Claus nahm die schwere Eisenkette, die Hand- und Fußgelenk verband und humpelte die wenigen Schritte hinüber in die Kirche.

Als er ins Halbdunkel des Kirchenschiffes trat, sah er Anna wie so oft vor dem Altar knien und tief im Gebet versunken.

 Als er so leise wie möglich durch den Mittelgang zu den Altarstufen schritt, hörte er, wie sie leise Gebete murmelte.

Anna-Catharina saß auf einer Kirchenbank und spielte mit ihrer von Mette genähten Puppe. Als das Kind seinen Vater sah, lachte es vor Freude laut auf und streckte ihm die kleinen Arme entgegen.

Anna erhob sich. Dort, wo sie zuvor auf den Steinplatten gekniet hatte, war ein feuchter Fleck. Tränen.

Claus wurde unendlich schwer ums Herz. „Weißt du was Mette meint? Die Idee der Hebamme?“, fragte er leise.

Anna senkte den Blick. „Blut“, flüsterte sie. „Sie wollen unser Blut.“

„Was?“, schrie Claus und seine Stimme hallte im leeren Kirchenschiff wider.

Anna blickte Claus mit traurigen Augen an. „Ja, Liebster. Sie nehmen uns unser Leben und wollen überdies unser Blut.“

„Blut? Das fließt doch sowieso, wenn sie unsere Köpfe abschlagen!“

Anna machte vor dem Altar einen Knicks und wandte sich zum Ausgang. Sie nahm Anna-Catharina auf den Arm.

„Wir sollen es ihnen freien Willens geben“, sagte sie im Vorbeigehen. „Damit es seine Wirkung entfaltet.“

„Welche Wirkung?“, rief ihr Claus hinterher.

„Es soll heilen“, sagte Anna und blieb am eisenbeschlagenen Opferstock stehen. Sie küsste ihr Kind. „Zum Wohle unserer Lütten. Und ihr Wohl und Heil liegt hier in diesem Opferstock. Seit Tagen wird nur dafür gesammelt. Im Gottesdienst und auch sonst können Bedürftige spenden.“

Claus sah sie fassungslos an. „Bedürftige? Welche Bedürftige?“

„Menschen, die das böse Wesen haben. Fallsüchtige, Epileptiker, wenn du weißt was das ist und wie viele Kinder heute noch daran sterben.“

„Und du?“ fragte Claus mit belegter Stimme. Hast du deine Einwilligung gegeben?“

Anna nickte. „Ja! Warum soll mein Blut im Sand verrinnen? Wenn auch mein Leben weicht, so ermöglicht mein vergossenes Blut vielleicht Kranken, die es trinken, zu einem Neuen. Wer weiß?“

Krachend fiel die Kirchentür ins Schloss. Anna war fort.

Claus ließ sich auf einer Kirchenbank nieder und starrte für einen Augenblick ins Leere. „Blut, sie wollen dein Blut“, murmelte er. „Warum nicht noch die Haut abziehen und an den Lohgerber verkaufen? Was war das für eine Welt, in die ich hineingeboren wurde? Mit Christenmenschen, die imstande sind, Menschenblut zu trinken?“

Ein Mann setzte sich leise zu ihm auf die Kirchenbank. Claus erschrak. Er hatte ihn weder kommen hören und muss schon länger still in einer hinteren Ecke der Kirche gesessen haben.

„Die Körper armer Sünder sind voller heilender Kräfte“, flüsterte der Mann, den Claus nun erkannte. Es war Heinrich Duncker, Küster und Schulmeister des Dorfes. Von ihm wusste Claus, dass er Teilnehmer der Schlacht von Waterloo gewesen war. Als junger Spielmann hatte er, wie die Leute im Dorf erzählten, in vorderster Linie im Feuer gestanden und an Feiertagen trug er seinen Verdienstorden stolz an seinem schwarzen Gehrock. Ein Ehrenmann, auf dessen Wort Verlass war.

„Man sagt, der Finger eines Gehenkten, unter der Schwelle des Hauses vergraben, wehrt alles Unheil ab. Früher schnitt man gar aus der Haut der armen Sünder Riemen, die den Niederkommenden Frauen auf den Bauch gelegt wurden. Und das Blut….“ Er zögerte, wollte er sich nicht als heimlicher Lauscher offenbaren. „Hast du in deiner Familie nicht auch Fälle von Epilepsie, das heute so vielen Kindern den Tod bringt? Man sagt, dass wenigstens die Hälfte aller Kinder im Land von der Fallsucht weggerafft werden. Dieses verfluchte Leiden! Es beginnt oft plötzlich, ohne alle Vorboten. Der Kranke stürzt, wenn er steht, geht oder sitzt! Zuweilen mit einem Schrei fällt er auf die Seite oder dem Hinterkopf. Und dann beginnen die Convulsionen der verschiedensten Art. Sie führen zu Starrkrämpfen des Rumpfes und der Glieder, denen ein schlafsüchtiger Zustand folgt. Das bläuliche oder bleiche Gesicht ist verzerrt, das Auge starr oder wild umherrollend, vor dem Munde steht Schaum. Die Zähne knirschen oder die Kiefer sind fest verschlossen, die Zunge wird bisweilen zwischen den Zähnen verbissen …“

„Hört auf!“, rief ihm Claus dazwischen.

„Du erinnerst dich also, das ist gut. Dann weißt du, dass du helfen musst. Dass es deine Christenpflicht ist.“

Claus starrte auf die rissige Buchauflage der Kirchenbank vor sich. Epilepsie – die schwere Not, wie es die Mutter immer sagte. Noch einmal sah er sie auf dem Moorweg liegen. Sah ihre weißen Arme vor sich, deren Hände sich in der Stunde des Todes in die seinen krallten. Sah in ungeahnter Eindringlichkeit das, was er stets verdrängt hatte: Die vielen schlecht vernarbten Wunden in ihrer Haut. Dunkelrot bis blau verfärbt.

„Und?“, fragte der Küster nach. „Hattest du Fälle von Epilepsie in der Familie?“

Claus nickte und dachte zurück an das Jahr 1816. Jenem Jahr, in dem der Tod zu einem beständigen Gast auf dem Hof wurde und eine Schwester nach der anderen holte.

„Zuerst Anne-Mette“, murmelte Claus, „nur ein Monat alt. Im Winter vor 19 Jahren.“

„Und wer noch?“

Claus wischte sich über die Augen. Die Erinnerung schmerzte mehr als die Eisenkette an seinem Handgelenk.

„Stine Ahlheid, ein halbes Jahr später.“, presste er hervor.

Der Küster nickte zufrieden. „Dann weißt du ja, wie das ist. Wenn das böse Wesen ein Kind nach dem anderen holt. Wenn die Mütter über ihr Geschick schier verzweifeln, weil keine Arznei, keine Kur Hilfe verspricht.“

Claus starrte vor sich hin und nickte unmerklich mit dem Kopf.

„Ich weiß, dass das Gebrechen vielfach den Müttern angelastet wird“, erzählte der Küster weiter. „Weil sie über Dinge böse oder ärgerlich sind und sich nicht, wenn sie in dem Zustand sich befinden, zuerst ihre Milch zuvor ausmelken, sondern sogleich den Säugling an die Brust legen.“

Claus’ Gedanken flogen zurück auf den Hof im Moor. Sah sich im Kreis seiner Geschwister am Herdfeuer sitzen, damals, um die Weihnachtszeit 1818/19, als der Vater wieder einmal wie von Sinnen auf seine Mutter einschlug. Seit Tagen waren sie durch da hohe Wasser auf dem Hof eingeschlossen und der Torf, für die Stadt bestimmt, war verdorben. Es genügte, dass der Mutter die Kumme mit der frischen Milch vom Tisch fiel, um ihr immer wieder ins Gesicht zu schlagen, bis sie vor Verzweiflung hinaus lief, um über die überfluteten Felder zu ihrem Bruder zu fliehen. Bereits im ersten Wassergraben, durch die Überflutung nicht sichtbar, versank sie bis über den Kopf, bis sie der Vater an den Haaren heraus zog. Als sie später weinend in der Butze lag und der Vater ihr die kleine Anne-Mette auf die Brust zum säugen legte, entstand in der Familie das Gerücht, dass sie es war, die die Fallsucht auf die Kinder übertrug. Sie selbst es war, die den Tod ins Haus holte.

„Und?“, fragte der Küster nach, „was habt ihr gemacht? Was hat dein Vater unternommen, um das Leiden deiner Schwestern zu lindern?“

„Nichts“, erwiderte Claus.

„Das mag ich nicht glauben. Habt ihr nicht eine der fragwürdigen Arzneien und Gebräuche benutzt, wie sie auf dem Lande üblich sind? Nicht alles versucht, um die kleinen Seelen zu retten?“

„Nein.“

„Habt ihr kein Blut zu trinken bekommen?“

Claus spürte, wie ihm der Mageninhalt noch oben drängte. So wie damals, als heimlich mit ansah, wie sich die Mutter mit einer Scherbe die Arme ritzte und das Blut in einer Schüssel auffing. Sich den Arm mit einem Leinentuch abband, um das noch warme Blut der kleinen Stine Ahlheid einzuflößen und dabei Gebete murmelte. Die es aber auswürgte, weinte und schrie, bis erneute Anfälle sie niederwarfen. Die Mutter wurde darüber immer schwächer. Ihre stets geröteten Wangen wurden blass und fielen ein. Und eines Tages stand die Schrödersche in der Tür und reichte ihr ein Fläschchen mit einer angeblich heilenden und blutbildenden Tinktur. Der Anfang vom Ende. Wenig später war nicht nur Stine Ahlheid, sondern auch seine Mutter tot.

„Es hat nicht gewirkt“, murmelte Claus und starrte ins Leere. „Mein Vater hat überall herum erzählt, dass mit dem Tod der Mutter auch der Fluch aufgehoben wäre. Das damit auch die Epilepsie aus der Familie getilgt war.“

Der Küster winkte ab. „Aberglaube, alles Aberglaube. Und die Menschen auf dem Land glauben es, weil es keine Hilfe für dieses Leiden gibt. Das eigene Blut hat keine Wirkung. Nur das der armen Sünder. Das ist seit Jahrtausenden so. Die Alten erzählten es den Jungen und diese gaben es an ihre Kinder weiter. So ist es bis auf unsere Tage gekommen.“

Claus sah ihn nur ungläubig an. „Was macht das für einen Unterschied. Mein Blut oder das eines anderen? Blut ist Blut.“

Der Küster schüttelte den Kopf. „Es ist das Leben, das euch vor der Zeit genommen wird. Göttliche Kraft, die in euch wohnt. In eurem Blut.“

Claus schüttelte mit dem Kopf. „Ob ich eine Einwilligung gebe oder nicht ist doch einerlei. Mein Blut wird fließen. Auch ohne mein Einverständnis.“

Claus spürte die Hand des Küsters auf der seinen. „Auf dem Schafott seit ihr in der Gewalt des Scharfrichters. Schon nach dem öffentlichen Gericht hier auf dem Marktplatz seit ihr dem Henker übergeben und unserem Einfluss entzogen. Er wird gewiss euer Blut verhökern. Doch der Gewinn wird nicht eurem Kind, sondern seine Taschen füllen. Gib mir dein Einverständnis, wie es Anna bereits tat und es soll euch zum Vorteil gereichen. Wir gehen zum Amtmann und bitten ihn, den Weg zum Richtplatz ebnen zu dürfen. So wird euch das befohlene schändliche Schleifen keine Leiden verursachen. “

Claus musste lachen. „Und der wird das königliche Urteil unterlaufen? Das glaubt ihr nicht im Ernst.“

„Er wird“, erwiderte der Küster im Brustton der Überzeugung. „Denn er ist auf seine Dorfschaft angewiesen. Der Amtmann sucht einen Richtplatz. Seit Monaten. Die Justizkanzlei hat eure Hinrichtung hier in Himmelpforten angeordnet. Doch die Gemarkung ist schon auf die Einwohner verteilt. Niemand will ihm freiwillig ein Grundstück geben. Es gibt bereits Streit. Er wird daher alles genehmigen, alle Vorrichtungen treffen, wenn nur ein Einwohner sein Stück Heide abtritt.“

Dann beugte er sich zu Claus hinab und flüsterte. „Das größte Geschenk aber, das wir geloben, an euch zu vollziehen, ist nicht nur die Spende für euer unglückliches Kindlein, sondern die Versicherung eines christlichen Begräbnisses. Wie du wohl weißt, sollen eure Körper nach der Exekution auf dem Richtplatz verscharrt werden. In ungeweihter Erde! So verlangt es das Urteil. Wir aber geloben, euch fort vom Richtplatz zu holen und in geweihter Erde auf dem Friedhof beizusetzen.“

Er hielt Claus die Hand hin. „Claus Meyer, der du dein Leben verwirkt hast. Niemand mehr vermag daran etwas zu ändern. Schlag ein zum Wohle der Kranken. Denke an deine Geschwister, die an der Fallsucht starben. Wenn du auf diese gewiss schauerliche Weise auch nur eine Seele zu retten vermagst, hast du dir deinen Platz im Himmelreich zweifellos verdient.“

Claus sah den flehendlichen Ausdruck in den Augen des Küsters und die ihm ausgestreckte offene Hand. Welche Menschen vertrat er mit seinem Ansinnen, fragte sich Claus. Nur die Dorfschaft, das Kirchspiel oder am Ende nur sich? Er musste seine Gründe haben, dachte Claus und schlug ein.

 (Der Text handelt von der Hinrichtung in Himmelpforten 1835.)

 

SPUREN UND RELIKTE

Das blieb bis zum Herbst 2013 von der letzten Stader Richtstätte: Eine von Eichenbäumen und Gebüsch bestandene Geländekuppe im südlichen Stader Stadtgebiet.

Foto: D. Alsdorf 

 

Nachdem ich den Platz als die letzte Stader Richtstätte indentifiziert hatte, machte ich die Stadtarchäologie Stade - Dr. Andreas Schäfer - auf den Fall aufmerksam. Er hatte bereits vor einigen Jahren die Akten zum Fall Anna Brümmer im Stadtarchiv aufgespürt.

Er setzte sich umgehend dafür ein, die Stätte wieder zu rekonstruieren. Nachdem man den Hügel, ein urgeschichtliches Hügelgrab, so um 188o abgetragen hatte, war nur eine eine fläche Kuppe zurückgeblieben. 

Foto: D. Alsdorf 

Foto: D. Alsdorf 

Beginn der Umgestaltung im Oktober 2013: Einige der Eichen mussten weichen, damit der Hügel wieder entstehen konnte.

Foto: D. Alsdorf 

Der fertige Richthügel von Stade-Riensförde im Dezember 2013.

  

Das Richtschwert, dass einst bei der Hinrichtung der drei Menschen, die damals in Riensförde sterben mussten, benutzt wurde, gibt es noch und befindet sich heute im Museum Lamspringe.

Foto: © Corinna Stier

 

Auch die Taschenkarte für die Pastoren ist erhalten geblieben und befindet sich heute im Stader Stadtarchiv.

Foto: D. Alsdorf

 

Dieser Weg, der heute die Anhöhe des Richthügels von Stade-Riensförde schneidet, gab es damals schon. Auf diesem Weg fuhren die Gespannne des Gerichts in den umhegten Bereich.

Foto: D. Alsdorf

 

Der Mörder Stock starb am 9. Juni 1854 in Riensförde und wurde am Fuße des Richthügels begraben. Er war der erste, der dort hingerichtet wurde.

Foto: D. Alsdorf

 

Es folgte Anna Brümmer.

 Foto: D. Alsdorf

Margarethe Schröder war die letzte Person, die in Riensförde und darüber hinaus im Stader Raum öffentlich hingerichtet wurde. Auch sie ruht am Rande des Richthügels.

Foto: D. Alsdorf

 

Ein Teil des einst rechteckigen Grabens, der den Gerichtsbezirk umschloss, ist auf einer angrenzenden Weide erhalten geblieben. 

Foto: D. Alsdorf  

Hier eine Gesamtansicht des Grabens - hinten unter den Eichen der Richthügel. 

Foto: D. Alsdorf  

Eine weitere Ansicht des Grabens. Er war bei den Hinrichtungen von Soldaten bewacht, die die Zuschauer abzuschirmen hatten.

Foto: D. Alsdorf

 © Fotos/Texte: D. Alsdorf 

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