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Botterstieg heute - Übergang über den Osterbeek.

Foto: D. Alsdorf

 

Der Botterstieg

Auf den Spuren von Anna und Claus

 

 

Der Botterstieg (Butterstieg) zwischen Hammah und Haddorf war früher die kürzeste Verbindung zwischen Hammah und Stade. Bäuerinnen brachten über diesen Weg ihre Butter zum Markt – daher die merkwürdige Bezeichnung für diesen schmalen Stieg.

Seit einigen Jahren ist dieser Weg, der über 40 Jahre lang nicht mehr benutzbar war, wieder zugänglich. Zahllose Radfahrer und Spaziergänger nutzen diesen Weg durch eine reitzvolle Landschaft.

Unter alten Eichen, die schon Anna und Claus gesehen haben, als sie diesen Pfad nutzten ….

 

Hier jene Auszüge aus "Abels Blut", die sich auf diesen Weg beziehen:

 

....Wenig später trennten sich am Osterbeek, kurz vor Hammah, ihre Wege. Anna sah belustigt dabei zu, wie Claus sich im eiskalten Wasser des Bachs von den Spuren ihres Beisammenseins zu befreien suchte. Sie hatte sich ihre Haube wieder auf das streng zusammengebundene Haar gesetzt und sich die Strohreste aus ihrer Kleidung geklopft.

„Ich muss jetzt gehen.“, flüsterte sie bei ihrer Umarmung und ihr sehnsüchtiger Blick trieb Claus zur Verzweiflung.

„Wann sehen wir uns wieder“, fragte er.

Anna zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Mein Onkel wird mich heute Abend wieder zurück zu Siebe fahren. Du weißt ja, wo du mich findest.“

Claus wand sich ab. Anna sollte seine Tränen nicht sehen, die ihm ungefragt in die Augen schossen. Da spürte er ihre Hand auf seiner Schulter.

.„Frage deinen Vater, ob du mich heiraten darfst. Es muss ja nicht morgen sein“, bat sie. „Auch wenn du im Streit mit ihm liegst, musst du eine Entscheidung herbeiführen. Sind wir erst verlobt, kräht kein Hahn danach, was wir treiben. Aber du musst verstehen, dass …“

Claus nickte und küsste sie. „Ich verstehe es“, sagte er, doch es klang in Annas Ohren wenig glaubhaft.

„Die jungen Burschen versprechen uns viel, wenn sie uns wollen“, meinte sie. „Ich habe genug Lüttmägde mit Kindern unter dem Herzen gesehen. Ohne Hoffnung, ohne Zukunft. So möchte ich nicht enden.“

Sie senkte ihren Blick und ging in Richtung ihres Heimatdorfes. Claus blieb auf dem Weg stehen und sah ihr nach, bis sie im Dorf verschwunden war. Da ging sie hin, seine Liebste, seine Teufelsmagd.

Was sollte er nur tun, überlegte er. Zurück auf Peters Hof und von dort aus sich des Abends in den Hinterhöfen von St. Wilhadi herumdrücken? Immer in der Hoffnung, doch noch einmal in Annas Kammer hereingelassen zu werden? Doch was würde er antworten, wenn sie ihn wieder und wieder mit der bohrenden Frage nach ihrer gemeinsamen Zukunft konfrontieren würde? Würde er nicht riskieren, dass sie sich alsbald von ihm abwenden und sich einem anderen, vielleicht geeigneter erscheinenden Burschen zuwenden würde?

Claus fühlte in seiner Westentasche den Ring. Eigentlich hatte er vorgehabt, ihn Anna als Zeichen seiner Zuneigung zu schenken. Doch in der Aufregung des Abschieds hatte er es versäumt. Nun war sie fort und ein Wiedersehen ungewiss.

Unschlüssig folgte er langsam Annas Spur im Sand des Weges. Bis fast vor das Dorf vermochte er die zierlichen Eindrücke ihrer Schnürstiefel erkennen, als ein heftiger Regenschauer auch diese Spur tilgte.

Claus nahm es als ein Zeichen, dem Rat der Liebsten zu folgen. Er beschloss, den Ring dafür zu nutzen, sich mit seinem Vater auszusöhnen, und ihm im günstigen Moment die Erlaubnis für eine Verlobung abzuringen.

Während der Regen durch die Kleidung drang, bog er den Weg Richtung Himmelpforten ein. ….

 

.....Als sie auf dem Heimweg nach Blumenthal am Osterbeek vor Hammah eine Rast einlegten und Cord sich mit dem kalten Bachwasser den schmerzenden Kopf kühlte, nahm Claus seinen ganzen Mut zusammen:

„Kennst du einen Otto Spreckels aus Borstel?“, fragte er. Der Ort lag immerhin nur fünf Minuten vom Stellberg entfernt.

Cord stutzte. „Otto Spreckels? Sicher kenne ich den. Hat aus Hammah dorthin eingeheiratet. Ist vom Kötner zum Bauern aufgestiegen. Wieso fragst du? Was hast du mit den Borstelern zu schaffen?“

„Er ist der Vormund von Anna.“, gab Claus kleinlaut zu.

Cord lachte und schlug sich mit der Hand auf seine lederne Kniehose. „Ich verstehe. Na, das wird ja immer schöner. Am Ende kommt deine Magd noch aus Blumenthal.“

„Warum nicht?“ erwiderte Claus. „Besser könnte es doch gar nicht kommen.“

„Das stimmt.“, meinte Cord nachdenklich und kratzte sich am Kinn.

Claus überhört in seiner Anspannung die merkwürdige Erwiderung seines Vaters. Und merkte nicht, wie dieser trotz seines schmerzenden Kopfes hellwach wurde. „Wie heißt sie denn“, hakte Cord interessiert nach.

„Spreckels“, sagte Claus, „wie ihr Vormund.“

Mein Gott, so heißen ja fast alle hier in der Gegend.“, meinte Cord gut aufgelegt. „Vermutlich ist sie blond, hat eine dicke Knubbelnase und ein gewaltiges Hinterteil.“

Claus schüttelte energisch den Kopf. „Anna ist eine Schönheit“, schwärmte er. „Und ist trotz ihrer Wildheit voller Tugend.“

„Hört meinen Sohn“, rief Cord, als spräche er zu den am Bachufer stehenden Erlen. „Wild und Tugendsam in einer Person soll sie sein. Kaum hat ihn mal eine Magd ins Bett gelassen, redet er gestelzt daher wie ein Prediger. Das muss ja fürwahr ein Teufelsweib sein.“

Claus bemerkte in seiner Verlegenheit nicht den eigentümlichen Glanz in den Augen des Vaters, die seine Gier und Geilheit offenbarte. Zu sehr war er damit beschäftigt, seinem ungewöhnlich gesprächigen und gut aufgelegten Vater die Vorzüge seiner Auserwählten nahe zu bringen.

„Das stimmt. Sie ist ein Teufelsweib“, schwärmte Claus und sein Blick flog hinüber über den Bach Richtung Hammah, wo er damals ihre Spur im regenweichen Sand verfolgte. „Sie ist fort und nur dieser Ortto Spreckels vermag zu sagen, wo sie sich auffällt. Und ich muss nun zu den Soldaten und kann sie nicht suchen!“

„Ich kümmere mich darum“, versprach Cord.

Claus war mehr als erleichtert, als sie aufbrachen und weiter nach Blumenthal ritten. Den Vater meinte er in Bezug auf seine Geliebte nicht nur auf seiner Seite zu wissen. Mehr noch. War das vertraute Gespräch am Osterbeek nicht bereits so etwas wie die stillschweigende Zustimmung zu einer Verlobung gewesen?

Alles wird gut, glaubte Claus und in fester Zuversicht auf eine glückliche Fügung trat er wenig später seinen Militärdienst an.....

Osterbeek

Foto: D. Alsdorf

 

....Als die Brüder aus der engen Stadt heraus waren und den Hügel des Hohenwedel überwunden hatten, galoppierten sie ausgelassen über die von Schafherden kahl gefressene Heide. Erst hinter Haddorf, dort wo der Weg über den Osterbeek nach Hammah führt, legten sie eine erste Rast ein.

Sie stiegen von den Pferden und ließen sie im Bach saufen.

„Reicht, wenn wir zur Beerdigung da sind“, meinte Simon und setzte sich ans Ufer. „Riecht sicher nicht mehr so gut, die Schrödersche.“

Die Stiefmutter war seit fünf Tagen tot und seitdem dem Brauch gemäß im offenen Sarg auf der Diele aufgebahrt. Und das im Sommer!

Claus hockte sich an den Bach und benetzte sein Gesicht. Simon saß in der Heide und hatte sich seine Pfeife angezündet. Er sah ihm an, dass der Bruder guter Dinge war. Jetzt wo die Schrödersche endlich tot war, glaubte er seine Teilhabe am Hof in greifbarer Nähe.

„Was meinst du“, fragte Simon, „Gibt der Alte sofort ab, oder wartet er die Trauerzeit ab?“

Claus richtete sich auf. „Du weißt doch gar nicht, ob der Vater überhaupt jetzt schon seinen Hof übergeben will.“

Simon lachte. „Worauf sollte er warten? Auf eine neue Braut? Das glaubst du doch im Leben nicht!

Nein, das glaubte Claus wahrhaftig nicht. Doch spürte er plötzlich eine unbestimmte Unruhe, die seine Gedanken in ganz andere Bahnen lenkten. An gleicher Stelle war er einst mit Anna gewesen, damals an ihrem Geburtstag. Und es war jener Platz, an dem er im vergangenen Jahr den Vater bat, sich nach ihr zu erkundigen. Was offensichtlich nicht geschehen war und dessen Grund er nicht kannte.

Seine ungestillte Sehnsucht nach der Liebsten, so vernarbt diese Wunde auch schien – hier am Osterbeek brach sie machtvoll auf.

Sein Blick schweifte über die braune Heide jenseits des Baches. Fast geradlinig führte der Sandweg, auf dem die Bäuerinnen mit ihren Kiepen Eier und Butter zum Stader Markt zu bringen pflegten, ins nahe Hammah. Und dort, auf halbem Wege ins Dorf, dessen Dächer und Eichen vor dem Himmelsblau des Sommertages standen, weidete eine Schafherde. Claus erinnerte sich daran, dass Anna ihm von Carsten, dem Schäfer erzählte, der einst mit ihr befreundet war.

Der Schäfer!

Nichts hielt ihn mehr am Bach. Ehe es sich Simon versah, war Claus schon auf seinem Pferd und galoppierte durch den Bach.

Der Schäfer saß strickend auf einem Hügel in der Heide und lüpfte erstaunt seinen breitkrempigen Strohhut, als er den Reiter auf sich zuhalten sah.

„Bist du der Schäfer Carsten?“, fragte Claus aufgeregt und stieg vom Pferd.

Der Schäfer nickte. „Der bin ich wohl.“

Bedächtig legte er sein Strickzeug neben sich ins Gras. Er mochte vielleicht zehn Jahre älter sein, schätze Claus. Von kräftiger hagerer Gestalt und mit wettergegerbten Gesicht. „Was willst du, Soldat?“, fragte er gleichmütig.

„Weißt du, wo Anna ist?“

„Welche Anna?“, fragte der Schäfer erstaunt.

„Anna… Anna Sophia…“ stotterte Claus mit heiserer Stimme.

„Anna aus Blumenthal?“. Das Gesicht des zuvor misstrauisch dreinblickenden Schäfers hellte sich auf.

„Blumenthal?“ Claus war vollends verwirrt.

Carsten grinste. „Sie stammt ursprünglich aus Blumenthal an der Oste. Aufgewachsen aber ist sie hier bei uns in Hammah. Meinst du die?“

Claus nickte. Sein Herz schlug ihm vor Aufregung bis zum Hals.

„Was willst du von ihr, Soldat?“

„Ich suche sie seit über einem Jahr.“

„So, so, du suchst sie“, wiederholte Carsten und brach sich einen Grashalm, um darauf herum zu kauen. „Wo wird sie schon sein. Fort ist sie. In Mittelnkirchen im Alten Land. Als Magd bei Jacob Mohr. Wieso willst du das wissen?“

„Ist sie ...?“. Claus spürte, wie seine Wangen glühten.

Carsten grinste über das ganze Gesicht. Jetzt erst verstand er, worauf der Fremde aus war. „Nein, verheiratet ist sie nicht, wenn du das meinst. Wen auch? Keiner ist ihrem Onkel gut genug. ‚Muss passen’, sagt der immer, ‚Muss passen.’ Ich könnte kotzen.“ Er spukte verächtlich den Grashalm aus. „Bist du der Soldat, von dem sie mal erzählt hat?“

Claus brachte keinen Ton heraus.

Carsten lachte, als er die Verlegenheit seines Gegenübers sah. „Du kannst es ruhig zugeben. Ich reiß dir deshalb nicht den Kopf ab. Aber wenn du nichts zu bieten hat, brauchst du bei ihrem Onkel gar nicht erst vorstellig zu werden. Weißt ja – ‚muss passen.“

Er drehte sich um und sah nach seiner Herde. Er zog sich seinen zerfransten Strohhut wieder tiefer ins Gesicht. „Sie wird gewiss auf dich warten. Ich weiß es.“

Damit stapfte er durch die Heide, zurück zu seinem Platz auf dem Hügel. Er stopfte sich sein Strickzeug in seine um die Schulter hängende Tasche und ging langsam seinen Schafen hinterher….

 

Foto: D. Alsdorf 

 © D. Alsdorf 2010

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