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Die Asche eines dunklen Kapitels:

Die Abfallgrube

des Stader Kreisleiters

 

Aus dem geöffneten Fensters links wurden 1945 die Akten nach draußen in den Hof geworfen. Foto von 1989.

Foto: D. Alsdorf

 

Zu einem neuen und nicht unumstrittenen Betätigungsfeld der archäologischen Denkmalpflege gehört seit relativ kurzer Zeit auch gelegentlich die Dokumentation von Befunden der NS-Zeit. Das vorgestellte Beispiel aus der Stadt Stade zeigt, das die Auswertung von Befunden dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte trotz einer nahezu lückenlosen Dokumentation durch Archivalien und Medien aller Art durchaus historische Überlieferungslücken zu schließen vermag.

 Dokumentationslücken entstanden in Stade wie in den meisten Regionen des Landes bei Kriegsende 1945 durch eine zuvor befohlene systematische Beseitigung von Schriftgut der in Auflösung befindlichen staatlichen und kommunalen Dienstellen. So loderten auch in Stade hastig errichtete Scheiterhaufen, in denen die Akten der unterschiedlichen Dienstellen des Regimes noch rechtzeitig vor dem Einmarsch der Briten vernichtet werden sollten.

 Umso wichtiger wurde daher 1989 der Hinweis bewertet, im Hinterhof des Gebäudes der damaligen NSDAP-Kreisleitung, einer heute noch bestehenden Villa in der Harburger Straße, wären im April 1945, wenige Tage vor Einmarsch der Briten, Akten angezündet und vergraben worden.

 Ich wurde damals von der Projektleitung eines seinerzeit laufenden Forschungsprojekts zur Dokumentation der NS-Zeit im Landkreis Stade beauftragt, diese vermeintlichen Akten zu suchen. Wie der Augenzeuge berichtete, war das Material  aus dem rückwärtigen Fenster des Kreisleiter-Büros im ersten Stock in eine zuvor gegrabene Grube unten im Hof geworfen worden.

 Mittels einer Bohrserie quer durch die dort befindliche Terrasse, genau unterhalb des ehemaligen Kreisleiter-Büros, wurden dicht unter den Zementplatten erste Brandspuren beobachtet und die gesuchte Grube eindeutig lokalisiert. Für die Projektleitung war dieser Befund negativ. – Denn an, wie erhofft, in Kisten verpackte, und zumindest teilweise noch lesbare Akten war nicht zu denken. Im Gegenteil, die Grube enthielt nur noch die spärlichen Brandreste dieser Vernichtungsaktion.

 War die Nachsuche für die Archivwissenschaftler erledigt, stellte sich für mich die Frage: Was geschah damals im Hof der Kreisleitung? Welche Unterlagen wurden hier wie und warum verbrannt? Fragen, wie sie in diesem Fall nur aus dem archäologischen Befund heraus zu rekonstruieren waren. Denn die historisch überlieferte Quellenlage war mehr als dürftig. Bekannt war, dass der Stader Kreisleiter K., seit 1943 im Amt, kurz nach Kriegsende in seinem Heimatort verhaftet und bis 1948 interniert wurde. Aus Mangel an verwertbaren Belastungsmaterial wurde K. später vom Spruchgericht Bergedorf lediglich zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, die zu jenem Zeitpunkt bereits durch die Internierungszeit als verbüßt galt.

 Umso interessanter war also die Frage, was Kreisleiter K. damals zu vernichten hatte. Die Grabung konnte diese Frage weitegehend beantworten und überdies das Geschehen aus den letzten Kriegstagen weitgehend rekonstruieren: Nach Ausheben einer etwa zwei Meter breiten und einen Meter tiefen Grube wurde, wie von dem Augenzeugen richtig geschildert, nach und nach Material aus dem Bürofenster hineingeworfen und angezündet. Ganz nach unten gelangten zunächst massenhaft Parteitags- und Propaganda-Plaketten. Darüber warf man die Schallplattensammlung der Kreisleitung mit Marschmusik. Auf diesen Gegenständen erfolgte dann die eigentliche Verbrennungsaktion. Man versuchte zunächst mittels Brandbeschleunigern, abgefüllt in leeren Schnapsflaschen, die hineingeworfenen Karteikästen mit der NSDAP-Mitgliederkartei zu verbrennen. Doch die festen Karteikarten brannten schlecht. Viele verkohlten lediglich an den erdfeuchten Grubenrändern und blieben so erhalten. Darüber aber gelangten im weiteren Verlauf offenbar als besonders wichtig eingestufte Akten ins Feuer. Deutlich zeigte sich im Befund, dass hier besondere Sorgfalt bei der Verbrennung waltete. Es waren jene brisanten Vorgänge, die bis zuletzt auf dem Schreibtisch der Kreisleitung verblieben waren und aktuellen Bezug hatten - der Aufstellung und des Einsatzes des Stader Volkssturmes.

Die meisten Fragmente bezogen sich auf das sog. „2. Aufgebot“, also jener Personenkreis der Jahrgänge 1884 bis 1924, der wegen seiner Tätigkeit in „lebenswichtigen Aufgaben“ nicht zum 1. Aufgebot gehörten. Denn dieses war bereits weg – schon im Januar 1945 an die Oderfront abkommandiert.  Erfassung, Festlegen der Befehlsstruktur, Freistellen vom Dienst und die Verpflegung waren zu regeln. Unter anderem wurden Fragmente von Listen mit Namen sorgfältig ausgesuchter und zuverlässiger Gefolgsleute und deren Ernennung zu Einheitsführern gefunden. Andere Papierfetzen beinhalteten Auflistungen von Waffen und Fahrzeugen. Ein verkohltes „Feldurteil“ bewies die Teilnahme des Kreisleiters als Beisitzer bei den Unrechtsurteilen der Nazis.

Der Kreisleiter nebst Gefolge im Januar 1945.

Foto: Archiv Alsdorf

Brisantes konnte aus verkohlten Schreiben der vorgesetzten Lüneburger Gauleitung ermittelt werden, deren Übermittlung immer noch erstaunlich gut funktioniert haben muss. So wurde z.B. in einem Schreiben vom 10. April 1945 befohlen, Männer und Frauen für ein mysteriöses „Freikorps Adolf Hitler“ abzustellen und mit je einem Fahrrad versehen nach Munsterlager zu entsenden. Dieser Befehl muss zumindest teilweise in die Tat umgesetzt worden sein, denn ein Durchschlag eines provisorischen Sonderausweises belegte, das ein Karl H. als „Bewerber“ für das Freikorps in Richtung Munsterlager in Marsch gesetzt wurde. „H. führt ein Fahrrad mit“ heißt es dort wörtlich – mit dem Fahrrad zum „Endsieg“!

 

Vereidigung des Volkssturms auf einem Saal der Stader Geest.

Foto: Archiv Alsdorf

Desgleichen wurde am 14. April 1945 die ausdrückliche „rücksichtslose Beseitigung“ von „Fremdvölkischen und Krieggefangenen“ befohlen, die „sich Anschicken, mit Raub und Plünderung über deutsche Dörfer, Gehöfte oder Ansiedlungen herzufallen.“ Dafür sollte der inzwischen in allen Orten mobilisierte Volkssturm eingesetzt werden, der allerdings privaten Jagdwaffen mitzubringen hatte. Es war jenes Wochenende, in der u.a. in Bremervörde „Evakuierungs-Transporte“ mit Tausenden von KZ-Häftlingen ankamen um von dort ins KZ-Auffanglager Sandbostel getrieben zu werden. Es kam zu vereinzelten Fluchtversuchen und zu regelrechten Jagden auf die Flüchtlinge, an der auch Zivilsten teilnahmen.

 Die Mangelwirtschaft zeigte sich überall. Auch das mehr als sinnlose Anlegen von Schützengräben und Panzersperren, eine der Hauptbeschäftigungen in den Wochen vor dem Ende, musste von Personen von „16 bis 60 Jahren“ mit privatem Werkzeug durchgeführt werden.

 Was im Einzelfall noch durchgeführt wurde, bleibt weitgehend unklar. Zehn Tage später, am 24. April 1945 war nach Angabe einer Augenzeugin die Kreisleitung bereits geräumt, der Kreisleiter geflohen. Am 1. Mai 1945 war in Stade mit dem Einmarsch britischer Truppen der Krieg zu Ende.

 

Unterhalb der Terrasse wurden die Archivalien verbrannt. Foto von 1989.

Foto: D. Alsdorf

 

Grabung nach dem Resten der Kreisleitung unter dem Terrassenpflaster 1989.

Foto: D. Alsdorf

 

Ausschnitt aus dem Befehl des Gauleiters, gegen "Plünderer und Diebe" rücksichtslos vorzugehen.

Foto: D. Alsdorf

 © D. Alsdorf 2013

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