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Das Fliegergrab von Tiste

 Mittelgroße Kiefern umstehen ein fast kreisrundes Wasserloch mitten im Wald. Mit seinen steilen Rändern wirkt es wie ein Krater, der direkt ins Erdinnere führt. Es ist still hier in der so genannten Klosterforst südlich von Burgsittensen an der Oste. Nur von fern tuckert ein Trecker übers Feld. Und man ist allein. Denn Spaziergänger verirren sich kaum in diesen Teil der dunklen Nadelholzwälder zwischen dem historischen Burgplatz von Burgsittensen und dem Ostedorf Tiste östlich von Sittensen. Das dicht angrenzende Moor steht unter Naturschutz und die meisten ehemaligen Waldschneisen sind mit Gestrüpp zu gewachsen.

 

Seit Jahren war ich nicht mehr dort. Doch manchmal, wenn ich durch Zufall in die Gegend von Sittensen komme, schaue ich vorbei – am einsamen Grab von Rudi – dem 21jährigen Flieger aus dem zweiten Weltkrieg.

 Dieses Mal komme ich mit einem besonderen Anliegen. Mit der Botschaft, dass immer noch an ihn gedacht wird. Von seiner Schwester, die ich endlich habe ausfindig machen können. Und die sein jungenhaftes Gesicht immer noch vor sich sieht, die immer noch seine Briefe aufbewahrt. Und der ich versprach, ihr Fotos der Absturzstelle zu schicken.

 Ich schaue auf das dunkle Wasser, in dessen Oberfläche sich ein Stück Himmelsblau spiegelt. Es ist braunes Moorwasser ohne Leben, nur auf der Oberfläche schwirren Insekten in der Sommerhitze. Ab und an steigen Blasen aus der Tiefe empor und erzeugen auf der Wasseroberfläche, wenn man genau hinschaut, einen kleinen öligen Film. Nimmt man einen der Zweige, die am Ufer überall herum liegen und stochert ein wenig in dem Schlamm herum, wird der Ölfilm stärker. Und ein übler Geruch breitet sich aus: Der Geruch nach fauligem Wasser und – Kerosin! Das Wasserloch im Wald ist keiner jener Bombenkrater, wie sie häufig im Osteland abseits der Wege anzutreffen sind, sondern das Grab eines Flugzeugs – und das seines Piloten!

Ich lasse mich am Rande des Kraters auf einem umgestürzten Baumstamm nieder und entfalte einen Brief. Er gehört zu jenen Erinnerungsstücken, die mir Rudis Schwester überlies:

„Es ist meine schwere Aufgabe“, so lese ich, „Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass Ihr Sohn Rudi am 6. August 1944 im Luftkampf mit amerikanischen Jägern für das Vaterland gefallen ist.“

 Unwillkürlich schaue ich in das kreisrunde Stück Himmel, das die Baumwipfel über dem Wasserloch frei geben. Von dort oben stürzte sie damals wie ein Komet herab, die Messerschmitt 109. In Flammen gehüllt, mit langer schwarzer Rauchfahne.

 Und einem Heulen, dass die Augenzeugen im nahen Tiste zeitlebens nie vergessen sollten. Dann bohrten sich mit ungeheurer Gewalt rund drei Tonnen Metall und Treibstoff tief in die Erde. Erdbrocken und Trümmer wirbelten durch die Luft. Dann wurde es wieder still.

 Grundwasser, vermischt mit Treibstoff und Öl quoll aus der entstandenen Wunde im Erdreich und als die ersten Menschen am Absturzort eintrafen, standen sie am Rande eines ausgezackten Kraters, auf dem ein brennender Ölfilm vom Ende eines Flugzeugs kündete.

 

Rudi (links) im Kreis seiner Kameraden. Sitzend auf dem Fahrwerksbein einer Me 109, mit der er am 6. August 1944 in den Tod stürzte.

 

Ich lese weiter: „Ihr Sohn Rudi startete am 6. August 1944 gegen Mittag mit einigen Kameraden der Staffel gegen einen amerikanischen Verband. Die Staffel wurde in schwere Luftkämpfe verwickelt, wobei Rudi von einem amerikanischen Jäger abgeschossen wurde. Es ist anzunehmen, dass Rudi sofort tot war, bevor das Flugzeug am Boden zerschellte.“

 

Rudi in einer Focke Wulf 190.

 

Und wenn nicht, frage ich mich. Ist er dann bei lebendigem Leibe verbrannt? Bei seinem Sturz aus vielleicht acht oder gar zehn Kilometern Höhe? Es sind jene Dinge, die in solchen Schreiben stets fehlen, um den Angehörigen nicht noch mehr Leid zuzufügen.

Ich falte das Schreiben wieder zusammen und lese noch den Namen des Verfassers. Es war ein Leutnant Hans Fritz, dem sich Rudi am Ende seines kurzen Lebens freundschaftlich verbunden fühlte. In seinem letzten Brief, verfasst am 30. Juli 1944 in Gütersloh, beschreibt Rudi seinen Schwarmführer als einen „guten Kerl, mit dem ich mich unterhalten kann, wie mit einem Kumpel.“ Leutnant Fritz ist einer von den Alten. Dem keiner etwas vormachen kann. Auch kein Gegner. Neun US-Jäger hat er nachweislich innerhalb eines dreiviertel Jahres über Frankreich abgeschossen: Vorwiegend Mustangs, eine Thunderbolt und eine Lightning. Eigentlich 12, doch drei Abschüsse wurden nicht anerkannt, weil es keine Zeugen gab, wie Rudi vermerkt.

Mit ihm, dem alten Hasen zusammen fliegen zu dürfen, muss für Rudi Auszeichnung wie Lebensversicherung gewesen sein.

 Als der junge Mann seinen letzten Brief schreibt, ahnt er nicht, dass er eine Woche später metertief im Erdreich von Burgsittensen ruhen wird. Rudi gehört zum Nachwuchs, der die Reihen, die die Invasion der Alliierten in die deutschen Luftwaffenverbände gerissen hatte, wieder schließen soll. Diejenigen, die das Inferno an der französischen Atlantikküste überlebt haben, wissen, das die „Neuen“  kaum die ersten drei Einsätze angesichts der Übermacht überstehen werden.

 So ergeht es auch Rudi. Beseelt von der Fliegerei hatte er sich wie Tausende damals freiwillig gemeldet und eine lange Ausbildungszeit durchlaufen. In seinem Brief fiebert der junge Mann seinem ersten Einsatz förmlich entgegen, der infolge des schlechten Wetters noch nicht stattgefunden hat. Dieser Brief vom 30. Juli soll für seine Familie das letzte Lebenszeichen sein.

 Denn das Wetter bessert sich und der Verband verlegt nach Burg im heutigen Sachsen-Anhalt. Rudi und die anderen Neuen der Gruppe erleben ihre Feuertaufe. Doch an die einfliegenden US-Bomberverbände, die Tag für Tag Städte in Trümmer legen, kommen die Deutschen gar nicht erst heran. Schon im Vorfeld werden die zur Abwehr aufgestiegenen Jäger von amerikanischen Jagdverbänden gestellt und in ausgedehnte Luftkämpfe verwickelt.

 

Der Steuerknüppel aus Rudis Maschine.

Den ersten Einsatz am 4. August über der Lüneburger Heide steht die 3. Staffel, der Rudi angehört, noch ohne Verluste durch. Am folgenden Tag, dem 5. August treffen die deutschen Verbände über dem Großraum Bremervörde/Zeven auf die amerikanischen Begleitjäger. In den sich schnell entwickelnden Luftkämpfen werden die ersten zwei Kameraden seiner Staffel tödlich abgeschossen.

 Einen der beiden, mit denen Rudi noch vor wenigen Tagen unbekümmert im Kino saß und lachte, legt bei Klein Ippensen nördlich von Heeslingen eine glatte Bauchlandung hin. Doch kaum ist der Pilot aus seiner Maschine geklettert, sind die amerikanischen Verfolger heran, zerschießen zunächst sein Flugzeug und jagen den Mann anschließend wie einen Hasen übers Feld. Den rettenden Waldrand erreicht der Kamerad von Rudi nicht mehr.

 Der zweite stürzt irgendwo bei Rotenburg brennend in die Tiefe. Wo genau, kann niemand in dem Gekurve erkennen. Rudi dagegen bleibt an seinem Leutnant dran und kann später nach der Landung auf der Schreibstube bestätigen, dass dieser im Großraum  Zeven zwei US-Jäger abschießen konnte.

 

Rudis Uhr

 

Sie waren also doch verwundbar – die schnellen amerikanischen Jäger, die silbern schimmernd und von ausgezeichnet ausgebildeten Piloten geflogen der deutschen Luftwaffe das Leben schwer machten. Entsprechend motiviert wird Rudi am nächsten Tag in seine Maschine geklettert sein. Erneut geht es in den Luftraum über Zeven. Doch dieser dritte Einsatz seines jungen Lebens endet tödlich. Hoch über Sittensen treffen deutsche und amerikanische Jäger aufeinander. Rudi hat keinen Blick für das grüne Tal unter ihm, keinen Blick für das sich windende und aus der Luft silbern schimmernde Band der Oste. Überall um ihn herum sind Freund und Feind in verbissene Kämpfe verwickelt – erregtes Geschrei im den Kopfhörern. Direkt neben ihm geht in Abwärtsspiralen eine amerikanische „Mustang“ mit schwarzer Rauchfahne in die Tiefe. Der Pilot steigt nicht aus. Wer mag die "Mustang" besiegt haben, mag sich Rudi noch gefragt haben - und hatte einen verhängnisvollen Wimpernschlag zu viel Zeit damit vertrödelt, ihren Sturz zu verfolgen. Aus dem Nichts heraus schlagen plötzlich von Geschosse in seine Maschine, prasseln gegen die Panzerplatte in seinem Rücken. Rudi blickt nach hinten und sieht einen amerikanischen Jäger dicht hinter sich - unablässig feuernd.  Es ist zu spät. Bruchteile von Sekunden entscheiden an jenem Tag über Sittensen über Leben und Tod.

 Flammen schlagen aus dem Triebwerk und gegen seine Beine. Heißes Öl spritzt gegen die Panzerscheibe vor ihm. Qualm erfüllt das Cockpit und nimmt dem Unglücklichen die Sicht. Verzweifelt schlägt Rudis Hand auf den Hebel für den Kabinenabwurf. Doch sie springt nicht ab, gibt nicht den Weg frei zurück ins Himmelblau, zurück ins Leben. Sein Flugzeug legt sich - nunmehr in Flammen gehüllt - auf die Seite und kippt über die Nase ab …

 Um 13.20 Uhr bohrt sich Rudis Flugzeug mit ungeheurer Wucht in die Erde.

 

Vom Brand geschwärztes Auslöseschloss für den Fallschirm ...

 

Ein Bergungskommando räumt in den folgenden Tagen die wenigen Trümmer und versucht, aus dem Morast sterbliche Überreste zu bergen. Immerhin reicht es für die Identifizierung. Fünf Tage später reist Rudis Mutter zur offiziellen Beerdigung in Stade an. Der Sarg ist verschlossen und wird vermutlich kaum mehr als einige Säcke aus Sand enthalten haben.

 Die Absturzstelle gerät in Vergessenheit, die Gegend wird später aufgeforstet. Erst im Jahre 1977 stößt der Verfasser im Zusammenhang mit historischen Recherchen auf das Wasserloch und kann die damit verbundene Geschichte rekonstruieren.

 Noch immer ist der Moorboden von Flugzeugteilen durchsetzt. 

 „Meine Mutter hätte das Grab später so gern einmal besucht“, schreibt mir Rudis Schwester, „aber wer keine Verwandte im Westen hatte, hatte keine Chance. Am Todestag ihres Sohnes am 6. August 1987 ist sie dann gestorben.“

Ende

 

 © Text / Fotos Archiv D. Alsdorf 2012

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