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Foto: Alsdorf

HOLTORFSBOSTEL 1945 

Tod an der Feldsteinmauer 

Es war ein sinnloses Selbstmordunternehmen, dass deutsche Soldaten kurz vor Kriegsende 1945 in den kleinen Dorf Holtorfsbostel nahe der Grenze zum Kreis Stade veranstalteten. Ein geradezu irrsinniger Angriff gegen britische Spähwagen endete tragisch. Innerhalb von wenigen Augenblicken standen Gebäude des Dorfes in Flammen und fünf Soldaten waren tot.  Eine Tragödie, die in Stade ihren Anfang nahm.

 

Foto: Alsdorf

Die Überreste der ehemaligen Funkmess-Stellung mit Tarnnamen „Stachelbeere“, kurz Gefechtsstand Lohberg genannt, liegen heute am Grund einer großen Sandgrube in Stade-Wiepenkathen. Geborstene Ziegelmauern, Betonfundamente – von Gebüsch bedeckt und vom Zahn der Zeit zerkleinert. Der Sand unterhalb des einstigen Barackenlagers wurde unlängst abgetragen, die Ruinen verrotten am Grund. Dort nahm die Tragödie von Holtorfsbostel ihren Anfang.

Vor dem 20. April 1945 stellte dort der Major im Generalsstab Cerener eine „Kampfgruppe“ auf, die den vordringenden Briten Widerstand entgegenzusetzen hatten. Rekrutiert wurde diese Einheit aus Angehörigen der in Auflösung befindlichen Technischen Lehr- und Versuchs-Kompanie, dem Fliegerhorstpersonal und sogar in Uniform gesteckten zivilen Fachingenieuren, die mit dem noch vorhandenen Luftnachrichtenpersonal aus den Lagern rund um Stade verstärkt wurde. Soldaten also, die über keinerlei Kampferfahrung verfügten und sich bereits innerlich auf ein Kriegsende vorbereitet hatten. Doch das Regime vergas keinen. Während das Inventar des Stader Gefechtsbunkers „Sokrates“ am Schwarzen Berg planmäßig zerstört wurde, wurden Büropersonal und Techniker an der Panzerfaust ausgebildet. Während sich bereits ganze Stäbe über die Elbe Richtung Schleswig-Holstein absetzten, wurden vom Stader Lohberg aus noch „Panzervernichtungstrupps“ Richtung Süden geschickt.

 

Foto: Alsdorf

Den ersten Trupp bildete offenbar Hauptmann Hans-Ernst Sammet mit seinem Adjutanten Oberleutnant Hans Hirche und weiteren drei Stader Soldaten. Hatte sich der Offizier, der mit seiner Frau in einer Dienstwohnung am Schwarzen Berg wohnte etwa freiwillig gemeldet, sozusagen als Vorbild für seine Leute? Oder wurde er gezwungen? Zum Beispiel durch Major Cerener oder durch den Leiter der Stader SD-Außendienststelle, Untersturmführer Otto Hapke?

 

Hauptmann Sammet

Foto: Sammlung Bohlmann

Der Trupp muss in der Nacht von 19. auf den 20. April 1945 in Richtung Wiegersen aufgebrochen sein. Dort wurde ihm von irgendeinem dort liegenden Kampfverband ein britischer Beute-Spähwagen zugewiesen, um mit diesem „trojanischen Pferd“ die Briten anzugreifen. Und aller Wahrscheinlichkeit auch ein Anführer in Form eines kampfeswilligen Offiziers, vielleicht von der regimetreuen Division „Großdeutschland“ beigeordnet. Denn nur so ist es zu erklären, dass die Stader Gruppe sehendes Auges in den sicheren Untergang fuhr.

 

Foto: Alsdorf

An das was dann geschah, erinnert sich heute noch die 87jährige Johanne Sternberg: Gegen Mittag des 20. April 1945 sah die damals 19jährige drei oder vier britische Spähwagen, die von Hollenstedt kommend, und in das kleine Dorf einfahren. Die Spähwagen verteilten sich im Dorf, während sich einer der Fahrzeuge gleich auf einem Hof am Ortseingang postierte.(Siehe obiges Foto.) Die Zeitzeugin bemerkte, wie vier Briten sofort aus dem Spähwagen sprangen und sich mit Maschinengewehren hinter die steinerne Hofmauer legten. Dann bog mit hoher Geschwindigkeit ein scheinbar weiterer britischer Spähpanzer, jedoch aus der Richtung Holvede/Sauensiek kommend in den Dorfweg ein. Darauf aufsitzend deutsche Soldaten!

 

Foto: Alsdorf

Kurz bevor dieses Fahrzeug den Ortsrand erreichte, eröffnete der Spähwagen auf dem Hof das Feuer. Der Beute-Spähpanzer erhielt sofort einen Volltreffer, stoppte und ging in Flammen auf. Die Besatzung sprang ab, die Briten hinter der Steinmauer eröffneten das Feuer. Zwei von den Deutschen abgefeuerte Panzerfäuste trafen eine Torfscheune und einen Bauernhof. Beide Gebäude gingen in Flammen auf. Dann war nach wenigen Sekunden alles vorbei. Der Spähpanzer brannte lichterloh, die Angreifer lagen regungslos verstreut auf dem Acker. Die britischen Soldaten saßen sofort auf und verließen umgehend das Dorf, um Richtung Hollenstedt zurück zu fahren.

 

Die Steinmauer vor 1945

Foto: Sammlung Alsdorf

Verstört näherten sich die Dorfbewohner dem Kampfplatz. Vier deutsche Soldaten lagen tot im Feld, ein fünfter war verwundet. Und auf dem Dorfweg stand der brennende Spähwagen. In der Nacht ließ sich der Verwundete, nach Johanne Sternbergs Erinnerungen auch ein Offizier, mit dem Pferdewagen nach Wiegersen und nicht etwa nach Stade bringen. Alleine dieser Umstand deutet schon darauf hin, dass die Stader dort einen neuen Anführer bekommen hatten, der die im Kampf unerfahrene Gruppe in den Untergang führte. Die Gefallenen wurden von den Dorfbewohnern in einem Gemeinschaftsgrab im benachbarten Regesbostel beigesetzt. Dieses Grab führte später dazu, das der Ort einen eigenen Friedhof erhielt.

Der ausgebrannte Spähwagen blieb auch nach Kriegsende dort liegen, wo er durch ein britisches Geschoss gestoppt wurde. Wilhelm Steffens erinnert sich, wie er sich den kreisrunden Einschuss vorn in dem Gefährt ansah. Niemand kam auf den Gedanken, dass sich noch ein Toter in dem schwarz geräucherten Wrack befinden könnte. Als dann Angehörige oder Kameraden nach Hauptmann Sammet suchten, der seit dem Gefecht als vermisst galt, wurden endlich seine sterblichen Überreste im ausgebrannten Spähwagen entdeckt und im Gemeinschaftsgrab in Regesbostel beigesetzt. Johanne Sternberg erinnert sich, wie nach dem Krieg eine Frau nach Regesbostel kam, um das Gemeinschaftsgrab zu besuchen. Der Spähwagen blieb noch sehr lange am Ort des Geschehens zurück. Irgendwann wurde er zu einer Sandgrube geschleppt und dort später von Schrottsuchern zerlegt.

 

Das Sammelgrab in Regesbostel.

 

 

 Mehr zum Thema in: Dieter-Theodor Bohlmann: „Sokrates“ – Reichsluftverteidigung im Stader Land, herausgegeben von der Kreissparkasse Stade, ISBN 978-3-933-996-32-5; im örtlichen Buchhandel oder bei der Kreissparkasse Stade erhältlich.

 

 

© D. Alsdorf 2015

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