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 Foto: D. Alsdorf

 

Der „Isern Hinnerk“

Annäherung an eine Sagengestalt

 

 

Burg Dannensee - Zeichnung Detlef Nordmann

 

Prolog

 

„Es ist ein warmer Sommertag. Von leisem Winde bewegt, erzittern Halm und Kronen, und goldige Flut wallt in leichten Wogen über dem Ährenfeld hin. Der Weg wird sandig. Spärlicher sind Wuchs und Grün. Die Vogelbeerbäume mit ihrer rot glänzenden Frucht weichen zurück. Birken ziehen sich in langer Reihe durch die Ebene hin. Links und rechts erfreuen Buchweizenfelder mit zart roter Blütenpracht das Auge des Wandernden. Und nun .- in breiter Fläche braunes Moor, ein weites schweigendes Totenfeld.

 Das ist der jedem Wanderer bleibende Eindruck, wenn er einmal von Beckdorf in das dortige Moor geht. Mitten in diesem Moor, abseits von befahrenen Wegen, dem Fremden verborgen, liegt – tiefer als die Umgebung – eine kleine Wiese. Von den Bewohnern der am Rande des Moores liegenden Ortschaften Kammerbusch, Revenahe, Wiegersen und Beckdorf wird die Stelle mit dem Namen „Tannensee“ bezeichnet. Noch jetzt bietet sie zur Winterzeit das Bild eines kleinen Sees.

 Eine leichte Anhöhe in ihrer Mitte ist von recht selbstbewusstem, breiten Busch und Wildrosenstrauch bewachsen. Die Rosen blühen so einsam, so schweigend, ein leises Zittern geht durch Blatt und Ranken, so oft ein Mensch ihnen naht. Die weit geöffneten Blüten schauen unaussprechlich ernst und treuherzig flehend den Fremden an. Rankende Zweige bergen die letzten, teuren Reste einer alten, längst verklungenen Zeit: Schutthaufen von groben, schweren Steinen und Ziegeln.

 Von Geschlecht zu Geschlecht pflanzt sich nur noch sagenhaft im Volksmunde die Kunde fort von einer einst stattlichen Burg, mitten im Moor gelegen, von einem Ritter, der sich in Lebensführung und Lebensstellung aus seiner Zeit heraushob und tief eingrub in die Erinnerung des Volkes. Es ist Heinrich von Borch, vom Volke wegen seiner eisernen Natur „Isern Hinnerk“ genannt.“

 (F.W. Wiedemann in: Buxtehuder Wochenblatt 1911)

 

So sahen Generationen die Burginsel im Dannensee (Anmutung).

Foto: D. Alsdorf

 

Der „Eiserne“

 

Wie aus kaum eine andere historische Örtlichkeit im Elbe-Weser-Dreieck hat der Burgplatz im so genannten „Tannensee“ (eigentlich „Dannensee“) bei Beckdorf im Landkreis Stade über Jahrhunderte hinweg die Fantasie der Menschen beflügelt. Märchen und Sagen umrankten ihn wie jenen, der sie angeblich bewohnte – den so genannten „Isern Hinnerk.“ Wenn man dem Volksmund Glauben schenken will, war er ein übler Raubritter, der auf seiner Burg nicht nur sagenhafte Schätze hortete, sondern sich mit Adel und Kirchenfürsten anlegte. Um seine Verfolger zu täuschen, ließ er seinem Pferd die Hufe verkehrt herum schlagen. Seine eigene Frau soll er gar im Backofen verbrannt haben. Ein Heer des Erzbischofs und seiner Verbündeten bereitete seinem Treiben schließlich ein Ende, indem sie sein Raubnest belagerten und mittels einer Wurfmaschine zerstörten. Den flüchtigen Ritter selbst fassten die Häscher, als aufgeregt umher fliegende Kiebitze sein Versteck in einem Torfhaufen verrieten.

 Wie viele Menschen in der Region hat auch mich der „Isern Hinnerk“ schon sehr früh in seinen Bann gezogen. Kaum acht Kilometer Luftlinie von seiner Burg in Harsefeld aufgewachsen, hatte ich schon in der Grundschule täglich eine großformatige Karte des Landkreises vor Augen, auf dem der Burgplatz eingetragen war. Mit dem verheißungsvollen kartografischen Zeichen für eine Burgruine. Meine Erwartungen an eine „echte“ Ruine wurden dann arg enttäuscht, als ich 1960 erstmalig im Beckdorfer Moor auf dem Burgplatz stand. Der Dannensee oder „Dannsee“, wie ihn die Leute vor Ort nennen, war verschwunden und von der sagenhaften Burg war ein grasbewachsener Schutthügel geblieben. Doch schon damals fragte ich mich, welche Persönlichkeit, sich hinter den Mythen verbergen mochte. Eine Rittergestalt, die sich immerhin über fast 700 Jahre hindurch im Bewusstsein der ländlichen Bevölkerung einbrannte hatte.

 

 

Das Wappen der von Borch

Foto: D. Alsdorf

 

 Den „Isern Hinnerk“, was hochdeutsch „Eiserner Hinrik1)“ heißt, hat es zu Beginn des 14. Jahrhunderts wirklich gegeben. Er hieß Hinrik von Borch, und war der älteste von sieben Söhnen des Ritters Hinrik III., der zur Horneburger Burgmannschaft gehörte. Die Familie derer von Borch soll aus der Gegend von Gyhum bei Zeven stammen und trug seit alter Zeit das dortige Freigericht vom Erzbischof zu Lehen2). Um das Jahr 1285 vermählt sich Hinrik III. mit einer namentlich nicht überlieferten Tochter des Ritters Daniel III. von Bliedersdorf, Burgmann auf Horneburg. Nach dem Tode ihrer Geschwister fiel das bedeutende Erbe derer von Bliedersdorf an die Söhne Hinriks III. Diese Besitzungen erstreckten sich überwiegend auf das Kirchspiel von Apensen und Bliedersdorf. Südwestlich von Apensen lagen die später den von Borchs (und vormals den von Bliedersdorf) gehörenden Dörfer „Kamerbusch“ (Kammerbusch), „Revena“ (Revenahe) und „Borle“ (Borrel). Und in unmittelbarer Nähe eine kleine Befestigung – Burg Dannensee!

 In einer 1771 erschienen Beschreibung des Kirchspiels heißt es:

„Kamerbusch, eine kleine halbe Meile von der Kirche gegen Westen, hat sechs Feuerstellen. Refenah liegt etwas weiter von der Kirche und hat ebensoviel Feuerstellen. Zwischen Kamerbusch und Refenah liegt die Dannen-See. Mitten in der derselben hatte Hinrich von der Borch eine feste Burg und die genannten beyden Oerter waren seine Vorwerke.3)“

 In der Revenaher Schulchronik heißt es, Hinnerk habe in Kammerbusch Schafe, in Revenahe Rinder sowie in Borrel Pferde gehalten4). Abseits aller Märchen über den „Isern Hinnerk“ haben wir hier Informationen, die offenbar der örtlichen Überlieferung entstammen. Sicher ist, dass die Dannensee-Burg nach historischer Überlieferung im Jahre 1311 zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Und Hinnerk, der erst nach 1285 geboren wurde, war zum Zeitpunkt des Untergangs von Dannensee ein junger Mann von höchstens 25 Jahren.

Was also machte den „Isern Hinnerk“, der nur kurze Zeit auf Dannensee lebte, zu einer derart schillernden Sagengestalt? Und – wenn man der einzigen Quelle, der „Historia Archiepiscoporum Bremsensium“, der „Geschichte der Bremer Erzbischöfe“, glauben will – zu einem Feind der Kirche?

 

Wirtschaftliche Gründe jedenfalls können es kaum gewesen sein, die den jungen Knappen in Konflikt mit seinem Landesherren brachten. Als ältester Sohn stand er vor der Nachfolge seines Vaters auf der Lehnsburg Horneburg. Die Burg war 1255 durch Erzbischof Gerhard II. auf den Ländereien des Klosters Harsefeld errichtet worden und mit stiftsbremischen Ministerialen besetzt worden, die durch Lehen an das Kloster Harsefeld gebunden waren. Zum Zeitpunkt von Heinrichs Geburt bestand die Burgmannschaft neben Hinrik III. von Borch aus den Rittern Heinrich von der Osten, Daniel von Bliedersdorf, Bartold, Friedrich und Hermann Schulte5).

Spekulativ bleibt nach wie vor die Verbindung des jungen Hinnerk zu Burg Dannensee, über die es keine Schriftquellen. Wenn man der Revenaher Überlieferung folgen will, verwaltete der junge Knappe in den genannten drei Dörfern, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch sehr klein gewesen sein müssen, den Viehbestand seiner Eltern, wobei seine besonderes Augenmerk vielleicht auf der Pferdezucht lag. Insofern liegt es im Bereich des Möglichen, dass die Ritter von Bliedersdorf in dem Dorf Borrel, dessen Name auf den nahen „Bärenwald“ zurückzuführen ist, eine Pferdezucht betrieben, die dann später als Erbe an die von Borchs fiel. Doch wem gehörte Dannsee?

Ein wichtiger Hinweis findet sich in dem um 1500 vom Bremer Erzbischof Johann Rode in Auftrag gegebene „Registrum Bonorum et Iurium Ecclesiae Bremensis“, eine Burg- und Dienstmannenliste, die sich auf ältere Quellen stützt6). Dort wird unter den Burgmannen der Horneburg ausdrücklich eine Familie von Dannensee genannt7). Da diese Familie urkundlich nicht weiter vorkommt, könnte sie sehr früh ausgestorben bzw. wieder in den Bauernstand zurückgefallen sein. Hinnerk könnte durch Einheirat in diese Familie in Besitz der schlichten Wasserburg gekommen sein.

Als im Jahre 1310 Hinnerks Konflikt sowohl mit dem Erzbischof wie den Rittern von Brobergen eskalierte, wurde der junge Knappe schon als „Isern Hinnerk“ bezeichnet. Einen Beinamen also, der als Deutung sowohl eine „eiserne“, also unbeugsame Haltung wie auch eine besonders kriegerische Einstellung zulässt. Doch in welche gewaltsamen Auseinandersetzungen mag der Horneburger geraten sein, der ihm diesen Beinamen einbrachte?

Im Sommer 1306, einem Zeitpunkt also, als Hinnerk höchstens 20 Jahre alt war, erhoben sich Bauern und kleine Adlige in den Elbmarschen beiderseits der Elbe. Es sollte der größte Aufstand werden, den die Marschenbewohner je unternommen hatten. Der Aufstand richtete sich gegen die Grafen von Holstein, aber auch gegen das Erzstift. Graf Gerhard von Holstein rief die benachbarten Fürsten zu Hilfe. Vor Ütersen kam es zu einer Schlacht, die mit der Niederlage der Aufständischen endete. Anschließend weitete sich der Feldzug auf Kehdingen aus, das verwüstet wurde. Der Traum nach Autonomie seitens der Marschenbewohner erstickte in Blut und Tränen.

Es ist durchaus möglich, dass Hinnerk seinen Vater auf diesem Heerzug begleitete und sich dabei vielleicht ausgezeichnete. Erwarb er sich das Amt des Vogtes von Vörde aus den Händen von Erzbischof Giselbert, der bald darauf starb? Der als Nachfolger bestimmte greise Heinrich von Golthorn verstarb ein halbes Jahr später, ohne die päpstliche Bestätigung erhalten zu haben. Während sich das Bremer Domkapitel nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen konnte und schließlich zwei Kandidaten an den päpstlichen Hof sandte, brachen im Erzstift anarchische Zustände aus. So forderten im Dezember 1308 Domdekan und Domkapitel von Bremen alle Geistlichen auf, gegen diejenigen die Exkommunikation, also den Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft und von allen Sakramenten zu verhängen, die geistliche Personen oder Kirchengüter angreifen. Sie sollten jene nachdrücklich auffordern, innerhalb von 15 Tagen Genugtuung zu leisten, da sonst ihre Exkommunikation namentlich bekannt gegeben wurden8).

 In dieser Zeit trat nun Hinnerk von Borch ins Licht der Geschichte, in dem er die wichtigste Burg im Erzstift, Burg Vörde (heute Bremervörde) besetzte. Die Gründe für diese Tat liegen völlig Dunkeln, zumal er offenbar isoliert handelte, also ohne Unterstützung seiner Familie bzw. der Burgmannen der Horneburg. Was also bewog den Horneburger, den auf Vörde sitzenden Vogt Giselbert von Wolde zu vertreiben und in seinem Amt abzulösen? Die Burg, unmittelbar an der Oste gelegen, war schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts von Sachsenherzog Lothar von Supplingenburg (dem späteren Kaiser Lothar) auf dem „Burgberg“ errichtet worden. Im Streit um das Erbe der Stader Grafen fiel die Burg zunächst an Herzog Heinrich des Löwen und 1219 an die Bremer Erzbischöfe. Die Feste kontrollierte die einzig bedeutende Furt über die Oste, über die der Handelsverkehr zwischen Bremen und Stade lief.

 Während im Erzstift die Ritter um ihre Macht rangen, starb im fernen Frankreich einer der Kandidaten auf den Erzstuhl, Florentius Brunkhorst, ein Neffe des verstorbenen Erzbischofs Giselbert. Sein Gegenkandidat Bernhard von Wölpe kehrte resigniert zurück nach Bremen. Papst Clemens V., der durch seine Mitwirkung an der etwa zeitgleichen Vernichtung des legendären Templer-Ordens in die Geschichte einging, vertage eine Entscheidung und reklamierte das Besetzungsrecht kurzerhand für sich. Im Februar 1310 ernannte er den ihm persönlich bekannten Dänen Johann Grand zum neuen Erzbischof. Jetzt reagierten die Ritter von Brobergen, die ihre Burg nur wenige Kilometer nördlich von Vörde ebenfalls an der Oste hatten. Am 7. April 1310, zu einem Zeitpunkt also, als der neue Erzbischof Johann Grand noch in Avignon weilte, schlossen sich die Ritter Gottfried III. und Johann I. von Brobergen, der Ritters Arnold von Stade, die Grafen Johann von Stotel, Johann und Christian von Oldenburg sowie einige weitere Bremer Ministerialen aus dem Erzstift und Herzog Erich von Sachsen-Lauenburg zu einem einjährigen Bündnis zur Rückeroberung von Burg Vörde zusammen.

In der Geschichte der Bremer Erzbischöfe heißt es dazu:

„Der Erzbischof Johann forderte von dem Ritter Heinrich von Borch die Feste Bremervörde, die dieser unrechtmäßig besetzt hielt. Seine Freunde (gemeint sind seine Verwandten) redeten ihm gut zu, dass er, der junge Mann, dem älteren und mächtigen nachgeben solle.

Aber Heinrich wurde ein Verächter Gottes und ein Feind der Geistlichen: er bedrängte die Kirchen, trat die Nonnen mit Füßen und schämte sich nicht der Gräuel, die er an Greisen und hohen Geistlichen verübte. Klöster plünderte er, Geistliche nahm er gefangen, das Land verwüstete er, selbst Ritter marterte er. Mit Wasser, Feuer, Eis und Schwert tötete er seine Opfer.

In Feindschaft gegen den Adel scheute er niemand, grausam gegen die Armen, wurde er überall gefürchtet, freigebig teilte er mit seinen Genossen und ermahnte sie, niemals die Vornehmen zu fürchten. All dies war seine Freude. Diesen Heinrich nun schreckte der Erzbischof auf und forderte, dass er sich ruhig verhielte.9)“

 Dieser Text, verfasst von einem Zeitgenossen aus dem Umfeld des Erzbischofs, gibt sicher ein Zerrbild wieder. Offenbar verband der Schreiber alle Rechtsverletzungen, die sich in der Sedisvakanz des Erzstuhls im Land ereigneten, einzig mit der Person des „Isern Hinnerk“ und ließ ihn zu einem wahren Teufel in Menschengestalt werden. Doch bleibt die Frage, was einen Knappen aus einer angesehenen Familie zu einem „Feind des Adels“ und „Verächter Gottes“ machen sollte? Der offenbar ohne Billigung seiner Familie handelte und „Genossen“, also Kampfgefährten um sich scharte, die er ermahnte, „niemals die Vornehmen zu fürchten“. War es doch das eingangs erwähnte Gedankengut der um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Marschenbewohner?

Vorausgesetzt, dass die Angaben aus der Chronik der Erzbischöfe zumindest im Kern der Wahrheit entsprechen, scheint es sich bei dem „Isern Hinnerk“ des Jahres 1310 um einen in seinem adligen Umfeld isolierten Einzelgänger zu handeln, der es wagte, mit einer auf ihm eingeschworenen Schar von Kämpfern zunächst den Brobergern und bald darauf dem neuen Erzbischof zu trotzen.

Oder haben wir es bei Hinnerk mit einem wahrhaft „Eisernen“ zu tun, der sich keineswegs den auf eine höchst umstrittene Art und Weise eingesetzten Erzbischof zu unterwerfen bereit war?

Die Chronik der Bremer Erzbischöfe berichtet weiter:

 „Und zunächst gehorchte der Ritter auch, aber bald ärgerte er sich, Bremervörde aufgegeben zu haben und wütete nur noch mehr. Er handelte sogleich wieder gegen seine Versprechen und Gelöbnisse und biss um sich wie ein toller Hund. Für diese Vergehen exkommunizierte ihn der Erzbischof, aber dieser kümmerte sich nicht darum.“

Hinnerk räumte auf Druck der vorstehenden Ereignisse noch im Winter 1310/11 die erzbischöfliche Burg und zog sich mit seinen Kampfgefährten nicht etwa auf die Horneburg zu seinen Verwandten zurück, sondern auf die ihm vielleicht tatsächlich gehörende Burg im Dannsee. Am 2. Februar 1311 kaufte eine Ideke (Ida) von Borch ein Haus in Stade10). Vermutlich handelte es sich um Hinnerks Ehefrau (aus der Familie von Dannensee?) und das Datum könnte den Zeitpunkt der Räumung der erzbischöflichen Burg dokumentieren.

 Was dann geschah, ist unbekannt. Wenn wir einen wahren Kern in der Chronik der Bremer Erzbischöfe annehmen, wird Hinrik von Dannsee aus weiter massiv gegen den Erzbischof agiert und diesen dadurch herausgefordert haben. In der Chronik heißt es weiter:

„Da verbündete sich der Bremer mit dem Herzog Otto dem Strengen von Lüneburg und Friedrich, Bischof von Verden und belagerte mit ihnen sofort Heinrichs Feste Tannensee.“

 Die Burg lag inmitten eines breiten Moorgürtels zwischen den Dörfern Revenahe, Kammerbusch und Beckdorf. Von der Westseite her war sie über einen 200 Meter langen Knüppeldamm oder Bohlenweg zugänglich. Dieser mündete am südlichen Seeufer in einer fast 40 Meter langen und etwa vier bis fünf Meter breiten Brücke, die in die Burg führte. Die langrechteckige, nach Norden ausgerichtete Burg von 55 Meter Länge und 35 Meter Breite war errichtet auf einer von Nordwesten, ins Moor und Moorsee vorspringenden Geestzunge, die vollständig von Wasser umgeben war. Zwei massive, wohl in Fachwerk gebaute und mit Ziegeln gedeckte Gebäude beherrschten neben drei weiteren Nebengebäuden die Anlage, wovon zumindest das wuchtige 9 x 9 Meter messende Torhaus eine Aussicht weit ins Land ermöglichte. Umgeben war die Burg von einer durchgehenden Palisadenreihe mit umlaufendem Wehrgang. Basis der Umwehrung bildete eine Holzkonstruktion, die im Innern möglicherweise mit Torfmaterial gefüllt war.

 Es bedurfte seitens des Erzbischofs immerhin einer Koalition mit benachbarten Fürsten, um Dannensee zu belagern. Ein Sturm über das Moor schien unmöglich. Vermutlich glaubte Hinnerk zunächst an einen vielleicht nur begrenzten Angriff schwacher Kräfte, denen er sich durch Verschanzen in seiner Burg zu entziehen glaubte. Als Nahrungsquelle diente das im Burghof zusammen getriebene Vieh und Wasser gab es im Überfluss. Eine Belagerung war teuer und daher nicht auf ungewisse Zeit auszudehnen.

 Erzbischof Johann musste daher ein schnelles Ende suchen. Und schuf dafür eines der gefürchteten Belagerungsmaschinen herbei. Ein Hebelwurfgeschütz, eine so genannte Blide. Schon ihr Anblick veranlasste in jener Zeit manche Burg zur Aufgabe. Es spricht für den „Eisernen“, dass er sich nicht fügte, sondern dem Steinhagel widerstand, der über Tage hinweg auf seine Burg niederging. Aus einer Entfernung von 200 Metern wurden ca. 50 Kilo schwere Steine Richtung Burg geschleudert. Zunächst mit dem geringen mitgeführten Vorrat, danach mit lokalem Material. Bauern der umliegenden Dörfer wurden zusammen getrieben, um in den Gemarkungen nach Steinen zu suchen und Richtung Kampfplatz zu karren. Dort wurden sie von Steinmetzen an mindestens zwei Stellen, durch grobes Behauen auf das nötige Gewicht gebracht.

Der Bremer Chronist weiter: „Sie drangen auf den Raubritter ein mit Minen und Waffengewalt und dem abscheulichen Raubnest ward hart zugesetzt, bis es schließlich durch Wurfmaschinen zerstört wurde.“

 Wie viele Tage die Belagerung der Dannsee-Burg dauerte, ist nicht überliefert. Tatsache ist, dass mindestens 1000 Steine in Richtung Burg geworfen wurden, von denen eine große Anzahl ihr Ziel verfehlte und in den See fiel. Archäologisch nachgewiesen ist, dass die Burg neben dem Stein-Bewurf vor allem durch ein Großfeuer zerstört wurde.

 Als jeglicher Widerstand gebrochen und die Angreifer sich schließlich an den brennenden Trümmerhaufen herangearbeitet hatten, war die Burg verlassen. Im Schutze der Dunkelheit hatte sich Hinerk mit den Resten seiner Mannschaft (wohl über eine den Angreifern unbekannte Untiefe an der Nordwestseite der Burg) abgesetzt und war auf die Horneburg zu seiner Familie geflohen.

Dazu der Bremer Chronist: „Darauf ward die Feste Horneburg, in der sich der eiserne Heinrich befand, durch drei Schanzen eingeschlossen. Da wurde Heinrich, als er einsam umherirrte, gefangen, nach Bremervörde geschleppt und ins tiefste Verlies geworfen. Seine Gesellen wurden in alle Welt zerstreut, so wollte es Gottes Ratschluss, weil sie auf schlechten Boden Wurzel gefasst hatten wie das Rohr des Schilfes.“

 Die Legende erzählt, dass aufgeregt umher fliegende Kiebitze im Moor bei Bargstedt das Versteck Heinrichs verrieten. Während er im Verlies zu Vörde einsaß, wurde seine Verwandtschaft wie die übrigen Burgmannen von der Horneburg verbannt. Der Grund war wohl darin zu suchen, dem Flüchtenden Unterschlupf gewährt zu haben. Als neuen Vogt setzte der Erzbischof den Verdener Ritter Otto Schucke ein.

Ein Jahr nach diesen Ereignissen griffen die verbannten Burgmannen der Horneburg Vörde an. Ziel des Überfalls war die Befeiuung des Gefangenen.. Die Chronik der Erzbischöfe:

„Sie verwüsteten die Dörfer, steckten Bremervörde in Brand und raubten es aus und schonten nicht einmal bettelarme Leute. Wie sich unsere Besatzung hielt, wie sie sich in die obere Burg zurückzog, ohne den heran dringenden Feinden zu schaden, will ich hier lieber mit Schweigen übergehen. Alls alles wieder in Ordnung war und die Feinde sich zerstreut hatten, kehrte der Erzbischof nach Bremen zurück.“

 

 

Theaterspiel auf historischer Stätte 2010: Der Erzbischof droht dem Hinnerk.

Foto: D. Alsdorf

 

 

 Die Gegner des Erzbischof Johann, der durch seine Geldgier, Willkür und Rechtsverachtung nicht nur Edle, Ritter und Knappen sowie die Städte Bremen und Stade gegen sich aufbrachte, sonder auch seine ganze Kirchenprovinz, nämlich das Domkapitel von Bremen, Hamburg, Lübeck, Ratzeburg und Schwerin formierten sich zum offenen Widerstand. Inwieweit Heinrich wieder persönlich daran beteiligt war, muss offen bleiben. Zwar ist überliefert, dass er erst 1316 durch den Administrator des Erzstifts, Johann von Lüneburg, aus der Haft entlassen wurde, doch wird er bereits im am 16. März 1315 als einer jener genannt, die ein Bündnis offen gegen den Erzbischof bildeten. Neben Hinnerk und acht Knappen aus der Familie von Luneberg waren dies seine Brüder Daniel, Iwan, Lüder und Gottfried, die inzwischen, im Gegensatz zur Belagerung von Dannensee, aktiv im Widerstand gegen den Landesherren standen11).

Hintergrund war der am 6. Dezember 1314 gefällte Schiedsspruch wischen dem Erzbischof und dem Bremer Domkapitel, Adel, Ministerialen, Ritter und Knappen des Erzstifts sowie den Städten Bremen und Stade. „wegen des Streits um Rechtsetzungen, Gewohnheiten, Rechten, Freiheiten, Schulden, Schäden, Beraubungen und anderem mehr.“ Darin wird u. a. gefordert, dass „alle Parteien diejenigen Rechte genießen, die sie zu Zeiten Erzbischofs Giselberts und dessen Vorgängern hatten“. Auch soll Johann „alle entfremdeten Güter zurückgeben.“ Womit auch die Horneburg gemeint war12).

Ritter Otto Schucke räumte ohne Erlaubnis seines Herren die Horneburg und stellte sie ihren Besitzern wieder zur Verfügung.

 Die Chronik der Erzbischöfe vermerkt dazu: „Als der Erzbischof später einmal nach Bremervörde kam, brachte ihm das Missgeschick großen Schmerz, denn Otto Schucke, der den Anlass zu dieser Wendung der Dinge gab, wurde ihm untreu und übergab heimtückisch die Feste Horneburg den Freunden des eisernen Heinrich, die den Umsturz liebten und das Kreuz hassten.“

 Unklar bleibt in diesem Zusammenhang die Verhaftung des Vörder Vogtes Adam Parleke. Am 6. Dezember 1314 jedenfalls war er Gefangener des Erzbischofs, der von einem Schiedsgericht aufgefordert wurde, ihn gegen Stellung von Bürgen zu entlassen und ihn während seiner Dienstzeit entstandenen Ausgaben zu ersetzen13). War Heinrich zu jenem Zeitpunkt wieder auf freien Fuß? Und die Verhaftung Parlekes eine Reaktion darauf? Oder spielten hier noch die Zerstörung Vördes und eines Teiles der Burg durch die Horneburger eine Rolle? Jedenfalls verkaufte Ideke von Borch im Juli 1314 ihr Stader Haus und zog vermutlich auf die Horneburg zu ihren Schwägern14).

Am 26. Oktober 1315 traten die fünf Borch-Brüder wieder gemeinsam auf. In Anwesenheit ihres Vaters verkauften im Stader Georgskloster sechs Morgen Land an das Kloster Harvestehude15). Es ist zugleich die letzte Erwähnung von Hinnerks Vater, von dem angenommen wird, dass er bald darauf starb.

Im Jahre 1316 verließ Erzbischof Johann fluchtartig Bremen und zog schließlich an den päpstlichen Hof nach Avignon und starb dort 1327. Zuvor hatte das Bremer Domkapitel versucht, ihn für wahnsinnig zu erklären und damit loszuwerden. Doch Papst Clemens V., der Johann persönlich kannte und schätzte, verhinderte dies. Noch im gleichen Jahr wurde Hinrik vom Administrator des Erzstifts, Johann von Lüneburg, offiziell aus der Haft entlassen.

Hinrik wurde rehabilitiert und erhielt vom Administrator als Entschädigung für seine Haft und die Zerstörung Dannensees Amt und Burg Ottersberg. Allerdings behauptet eine Anklageschrift des Papstes Johannes XXII. aus dem Jahre 1320, dass sich Hinnrik nach seiner Freilassung gewaltsam die Burg Ottersberg und andere Tafelgüter des Erzbischofs angeeignet habe. Auch die Burg Langwedel soll er widerrechtlich besetzt haben.16)

Während Hinrik sein Amt auf Ottersberg ausübte, wurden seine jüngeren Brüder Daniel und Iwan zu Rittern geschlagen. Wieder ging an Hinnerk die Ritterwürde vorbei, was als Folge seiner Taten zu werten ist. Daniel wurde Vogt der Burg Haseldorf, die er unter Johann von Lüneburg wieder erbaute17). Ritter Iwan blieb, wie seine übrigen Brüder, Burgmann auf der Horneburg.

Wie lange Hinrik in Ottersberg blieb, ist unklar. Vermutlich führte spätestens der Amtsantritt von Erzbischof Burchard im Jahre 1327, der wieder für geordnete Verhältnisse im Erzstift sorgte, zu einem Wechsel.18) Im Jahre 1320 erwarb Abt Theodericus aus dem Kloster Harsefeld von Hinrik den Zehnten von Bardesfleth im Alten Land19). Was danach aus dem „Eisernen“ wurde, ist unklar. Es ist anzunehmen, dass er auf die Horneburg zurückkehrte, um sich dort als Burgmann in die Reihe seiner Brüder einzugliedern. Vor 1331 starb sein Bruder Daniel. Im Januar 1337 jedenfalls wird er als Burgmann und Knappe in einer Urkunde mit seinen Brüdern erwähnt - den Rittern Iwan und Gottfried. Ein Jahr später übertrug ihm sein Onkel Iwan von Bliedersdorf und Heinrich Knoop, des Iwan Schwestersohn, das heute nicht mehr vorhandene Dorf Ludelmesdorp vor den Toren Buxtehudes. „Mit dem Untergericht sowie andere bewegliche und unbewegliche Güter“20). Noch bis 1349 lässt sich Hinrik nachweisen, dann verliert sich endgültig seine Spur. Er hinterließ keine Nachkommen. Wo der legendäre Knappe seine letzte Ruhe fand, ist nicht überliefert. Vielleicht wurde er wie wohl die meisten Horneburger Burgmänner im Kreuzgang des Harsefelder Klosters bestattet. Ohne die Ritterwürde jemals erlangt zu haben.

 

 

   

Rekonstruktion nach den Grabungsbefunden.

 

Fotos: D. Alsdorf 

 

 Die Burg

 

Burg Dannensee wurde nach ihrer Zerstörung nicht wieder aufgebaut. Nachdem der schwelende Trümmerhaufen erkaltet war, machten sich die Bauern der umliegenden Dörfer über die Überreste her und schleppten alles noch Verwertbare noch von der Insel. Vielleicht haben sogar die verbannten Horneburger Burgmannen alles Brauchbare, vor allem die unversehrt gebliebenen Backsteine - damals hoch begehrt und noch relativ selten -  abtransportiert. Übrig blieb wohl schon damals nach kurzer Zeit lediglich ein Schutthaufen aus zerbrochenen Ziegeln und angekohlten Balken, übersäht mit Steingeschossen. Spätestens nachdem die letzten Reste der hölzernen Brücke vermodert und in den See gestürzt waren, blieb die Burginsel sich selbst überlassen.

Als 1769 Landvermesser des hannöverschen Ingenieurkorps die Gemarkungen vermaßen, wurde auch der Dannensee mit der Burginsel in ihr Kartenwerk, der Kurhannoverschen Landeaufnahme, aufgenommen. Damals war die Burginsel noch vollständig von dem großen Moorsee umschlossen. Im Jahre 1841 stellte der Königlich Hannoversche Forstrat Johann Karl Wächter im Auftrage des Historischen Vereins für Niedersachsen ein Verzeichnis der „vorchristlichen Denkmäler“ auf und besuchte in diesem Zusammenhang auch den Dannensee. Von ihm stammt die erste Beschreibung der Anlage21):

Aus der Mitte des Sees ragt ein mit Gras bewachsenes ungleichseitiges Viereck hervor, auf welchem man Reste eines Gebäudes (eingerammte Pfähle, Ziegelsteine) findet. Von der Südseite hat eine Brücke nach der Burg geführt, die Köpfe der Pfähle, worauf die Brücke geht, ragen noch aus dem Wasser hervor.“

 Eine erste Ausgrabung“ fand 1859 statt, als der See infolge der Moorentwässerung nunmehr während der Sommermonate sein Wasser verlor und „ein trockenes, etwa neun Fuß tiefes Bett von weißen Sande“ freigab. Die Ausgräber waren der Bargstedter Pastor Wiedemann und sein Harsefelder Kollege Leyding. Wiedemann schrieb später22):

„Zuerst wurde die Decke von Heide und Gras, welche die Trümmer überwucherte, abgehoben und die Fundamente der Burg bloßgelegt. Sie bestanden aus eichenen, 1 ½ Fuß im Durchmesser haltenden Pfählen, welche reihenweise standen, so dass man ohne Schwierigkeiten die einzelnen Wände des Hauses verfolgen konnte, welche sie getragen hatten. Das Haus hatte aus zwei Teilen bestanden, welche unter einem rechten Winkel zusammenstoßen. Es war sehr leicht, die Stelle zu finden, auf welcher die Belagerer sie 1311 angegriffen hatten. Sie ward durch große auf sie geschleuderte Steine zerstört. Diese Steine fanden wir wieder, einen großen Haufen an der Ecke des Hauses, alle von ungefähr gleicher Größe, 2 bis 2 ½ Fuß im Durchmesser haltend. Auf und neben ihnen waren die Trümmer zusammengestürzt. Holz, Backsteine und Dachziegel, Bretter und Türpfosten, eine wüste Masse.

Außer dem Herrenhause fand man mehrere kleine Nebengebäude, offensichtlich Viehställe. Unmittelbar am Rande des Sees fanden wir die Grundlagen eines schmalen, aber 70 Fuß langen Gebäudes, welches eine Scheune gewesen war. Ein Backofen ward aufgefunden. Er war nach Form und Größe wie die unsrigen. Die ganze Insel war von einer Palisadenreihe eingefasst, welche unmittelbar Pfahl an Pfahl stand. Diese Pfähle waren aber nur noch so weit sichtbar, als sie in der Erde saßen, den oberen Theil hatten die Jahrhunderte vernichtet. Nur wenige fanden sich noch unversehrt, sie hatten einen ½ Fuß im Durchmesser, Erle und Birke. Sie hatten die Brustwehr der Insel gebildet und reichten einem erwachsenen Mann bis an die Schulter. Wir entdeckten auch einige Pfahlreihen, welche in den See hineinführten und die Vermutung einer Brücke nahe legen.“

 

Wiedemann schrieb 1911 im Buxtehuder Wochenblatt:

„Die Burg war auf Eichenpfählen von 40 bis 50 cm Durchmesser erbaut. Leider sind diese Grundpfosten von den Bauern bis auf einen entfernt.“

Was gut beobachtet war. Bei der archäologischen Grabung 2003 wurde tatsächlich nur noch einer der mächtigen angespitzten Eichenpfähle gefunden.

Schon damals fiel auf: „Ein gepflasterter oder sonst fester Hof, wie man ihn z.B. die ähnlich angelegte Burg im Flögelner See aufwies, fehlte. Auch von Glasscherben war nichts zu entdecken. Die Fenster werden als aus Fellen oder geölten Papier bestanden haben. Zur Deckung hatte man gebrannte Pfannen benutzt, die unseren alten glichen, aber in ihrer ganzen Ausführung massiger und grober waren. Außerdem standen dort noch kleinere Gebäude, Viehställe und ein Backofen, der erst vor wenigen Jahren abgebrochen. Er glich dem unserer Bauern. Die ganze Insel war von einer mannshohen Palisadenreihe umgeben. Sie bildete die Brustwehr, war nach Kammerbusch hin besonders fest und war nur an der entgegensetzten Seite unterbrochen, weil dort das Moor breit und tief genug war...“

 

Diese Angabe ist insofern interessant, weil somit die gesamte Ostseite der Burganlage damals nicht mehr obertägig erkannt werden konnte. Besonders diese Seite wurde, das haben die Grabungen ergeben, bei der Belagerung zerstört, wobei die Palisade abbrannte und Richtung See stürzte. Dass die Palisade an der Westseite nun besonders „fest“ war, konnte durch die Grabung nicht nachgewiesen werden. Ob die Befestigung tatsächlich nur „mannshoch“ war, erscheint nach der Feststellung von einem zumindest teilweise vorhandenen Wehrgang über einer Holzkonstruktion eher zweifelhaft. Eine nur „mannshohe“ Höhe der Palisade hätte ohne zusätzliche Barrieren keinerlei Nutzen gehabt, da sie bei einem Angriff von der Seeseite leicht hätte überwunden werden können. Denkbar ist eher, dass der Zeitzeuge lediglich die Reste des inneren Teils der Umwehrung gesehen hat, die in der Tat, wenn man eine Gesamthöhe der Umwehrung von drei bis vier Metern annimmt, lediglich „mannshoch“ war.

Sowohl Wiedemann wie auch die Landbevölkerung glaubten damals noch an eine reine Seeburg, also ohne feste Brücke:

„Der unmittelbare Eingang war noch besonders gesichert durch eine Art Aufzug oder ein anderes Hemmnis, denn nach dorthin zogen sich auf kurze Strecke zwei Reihen senkrecht stehender Pfähle. Man will darin auch die Pfosten eines langen, schmalen Speichers erkennen, was aber undenkbar scheint, weil dieser dann außerhalb der Palisaden gestanden hätte.“

 Wie wir heute wissen, handelt es sich hierbei um die 2003 wieder aufgefundenen Brückenreste. Bei Abtragung der Flächen fiel auf, dass die Burg nicht auf einer reinen Insel, sondern einer von Nordwesten von der Renenaher Geestkante aus ins Moor reichenden Sandrücken stand.

 „Das Beckdorfer Moor hat durchweg eine Tiefe von drei bis vier Metern. Nur an der Westseite, nach Kammerbusch hin, dringt ein Sandrücken, ½ bis einen Meter unter der Oberfläche liegend, bis fast zur Mitte des Moores vor, bis zu der Stelle, die ich schon früher als Tannensee bezeichnete. Hier hebt er sich in rundlicher Kuppe und bricht dann plötzlich ab. Diesen Platz wählte „Isern Hinnerk“ für seine Burg. Recht leicht bot sich eine natürliche Befestigung. Die äußere Lage schützte vorzüglich, Graben und Mauer ersetzte das Moor. Der Weg an die Geest hielt Heinrich verborgen. Er machte ihn zu Pferde. Der Boden war auch auf jenen natürlichen Weg, den der Sandrücken bot, äußerst weich.“

 Ansonsten nahmen die Menschen an, dass die Burg nur mittels eines Bootes zu erreichen war.

„Beim Torfgraben sind in der Nähe der Burg zwei Kähne aufgefunden. Von den zuerst bloßgelegten berichtet Wiedemann, dass er nach Wiegersen gebracht, dort aber zerstört ist. Der zweite wurde vor etwa 40 Jahren im See ausgegraben. Unglücklicherweise lag der aus Bohlen gezimmerte Kahn auf der Grenze zweier Besitztümer. Die Bauern kamen bald auf die rettende Idee, „datt Ding too deelen“. So heizte das feste Eichenholz zwei Kaffeekessel zugleich. Ich fragte nach Aussehen, nach Form und Länge des Kahnes: „Dor kunn hee sik nich mehr opp bedenken“. So ist auch dieses Stück Altertum der Unwissenheit zum Opfer gefallen. Das sind die letzten Erinnerungen an eine einst bedeutsame Burg. Es ist, als ob rings das Moor traure.“

 In der Tat begann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine umfassende Verwertung des Dannensees und seiner Überreste. Vom nunmehr trockenen Seeufer aus wurden Torfstiche ins Moor getrieben, die auf dem Burgplatz herumliegenden Steingeschosse für Straßenbauzwecke und Brunnenbau abgefahren. Nachdem alle sichtbaren Steine entfernt waren, begannen die Landwirte, diese im Untergrund der Wiese, des ehemaligen Seegrundes, mittels Stangen zu sondieren. In jahrzehntelanger Arbeit trug der Beckdorfer Heimatforscher Hinrich Prigge Informationen zu den Steinfunden zusammen und konnte schließlich rund 800 entfernte Geschosse nachweisen. Prigge versuchte, wie vorstehend schon erwähnt, durch die Lageorte der Steine nachzuweisen, dass die Burg von der Südseite her beworfen wurde und dass ein weiteres Wurfgeschütz aus der Burg heraus gegen eben die erzbischöfliche Blide agiert haben soll. Heute wissen wir, dass lediglich ein Hebelwurfgeschütz von der Westseite aus einer Entfernung von 200 Metern die Burg bewarf.

 Das Gelände blieb für lange Zeit unzugängliche Viehweide und wurde nur zuweilen von Schulklassen oder interessierten Wanderern besucht. Die Burg und damit die Sagen um den „Isern Hinnerk“ gerieten ins Vergessen. Um das Jahr 1970 wurde sogar der mächtige Schuttberg, den die Burg immer noch bildete, abgefahren. Ein Teil der Fläche wurde sogar zu Ackerland umgewandelt.

 

 

Freilegung 2003.

Foto: D. Alsdorf

 

Im Jahre 2001 gelang es der Gemeinde Beckdorf, im Zuge des Ankaufs von Ausgleichsflächen für ein Neubaugebiet das Grundstück des Burgplatzes zu erwerben und damit endlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch was sollte man Besuchern des Platzes zeigen? Obertägig waren mit Ausnahme von zwei knorrigen Eichen keine Spuren mehr erkennbar. Die Angaben Wiedemanns waren zu vage, um eine wie auch geartete Rekonstruktion auf der heutigen Oberfläche vorzunehmen. Im Jahre 2003 wurde von der Stader Kreisarchäologie das Burgareal archäologisch untersucht23).

 Touristische Hinweise

Der Burgplatz ist nach Abschluss der Untersuchungen und Markierung der Gebäudegrundrisse öffentlich zugänglich. In der Ortsmitte von Beckdorf ist die Zufahrt ausgeschildert („Isern-Hinnerk-Weg“). Im „Beekhoff“ in Beckdorf ist eine kleine Ausstellung mit Funden der Grabung sowie einem Modell der Burg zu sehen. Im Außengelände steht ein funktionstüchtiger 1:1 Nachbau jener Blide, die 1311 die Dannsee-Burg zerstörte.

 

Weitere Informationen zum „Isern-Hinnerk“ und der Dannsee-Burg: www.kranzbinder.com

 

Anmerkungen:

1) Schreibweise des Namens („Hinrik“) nach Artur Conrad Förste „Die Minsterialen der Grafschaft Stade im Jahre 1219 und ihre Familien; Stade 1975, S. 65.

2) Trüper, Hans G.: Ritter und Knappen zwischen Elbe und Weser; Landschaftsverband Stade 2000, S. 321, Anmerkung 1359. Förste sieht die Herkunft der Familie in Burg am linken Ufer der Lesum, s. Förste, A. C.: „Die Abstammung des Geschlechts v. Dürung von den v. Borch auf Horneburg; in: Stader Jahrbuch 1970, Stade 1970, S. 102.

3) Pratje, Johann Hinrich: Altes und Neues aus den Herzogtümern Bremen und Verden, Band 3, Stade 1771, S. 149

4) Bredehöft, Klaus: „Inseln im Moor. Aus der Geschichte von Revenahe-Kammerbusch“, Kammerbusch 1984, S. 12

5) Trüper, a.a.O. S. 498

6) Trüper, a.a.O. S. 490/491

7) Trüper, a.a.O. S. 499

8) Urkunden-Regesten-Nachrichten über das Alte Land und Horneburg, Band II, Jork 1986, (künftig abgekürzt: RRN) Nr. 1308

9) Strunk Hermann, Quellenbuch zur Geschichte des Erzstifts Bremen, Bremerhaven 1925, S. 49

10) Trüper, a.a.O. S. 328

11) URN, Nr. 676

12) URN, Nr. 672

13) Trüper, a.a.O. S. 329

14) Trüper, a.a.O. S. 328

15) URN, Nr. 684

16) Trüper, a.a.O. S. 328

17) Trüper, a.a.O. S. 446

18) Trüper, a.a.O. S. 328

19) URN, Nr. 736

20) URN, Nr. 1037

21) Wächter, J. K.: Statistik der im königreich Hannover vorhandenen heidnischen Denkmäler, Hannover 1844, S. 64.

22) Wiedemann, F. W.: „Geschichte des Herzogtums Bremen, Stade 1864, S. 238 ff.

25) zu den Ausgrabungsergebnissen siehe Literaturverzeichnis.

 

© D. Alsdorf 2010

 

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