keyvisual



Willkommen!
AKTUELLES
MEINE BÜCHER
NEU: Anna Brümmer
Geschichten II
Geschichten I
 Ufergeflüster
Anna aus Blumenthal
Abels Blut
Isern Hinnerk
Anthologien
Harsefelder Jahrbuch
BERICHTE
Dampfpflug
Margaretha's Grab
Vermisst!
Werkstattflug
Brandgrube
Absturz 1962
Starfighter
Karlstein
Mauerfall
Fliegergrab
Holtorfsbostel
Kreuzsteinsuche
Bräutigamseiche
ALEXANDRA
ÜBER MICH ...
Gästebuch
Sitemap
Impressum

 Margarethas letzter Wille

 

 

 2009/2010 musste ein Teil des uralten Oldendorfer Kirchhofs einem Verbrauchermarkt weichen.

Foto: Alsdorf

 Die Ortsmitte von Oldendorf, dem „Alten Dorf“ zwischen Oste und Schwinge hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Das betrifft vor allem den Bereich rund um die Kirche. Durch den Abriss eines Traditionsgasthofes im Schatten des Kirchturms wie den Verlust des benachbarten Organistenhauses infolge eines Großbrands entstand eine große Brachfläche, die 2010 mit einem Verbrauchermarkt nebst großen Parkplätzen bebaut wurde. Dort, wo über 1000 Jahre lang die Verstorbenen des gesamten Kirchspiels zur letzten Ruhe gebettet wurden und wo den ersten Schülern von gestrengen Organisten das Lesen im Katechismus gelehrt wurde, herrscht nun tagsüber geschäftiges Treiben. Vergangen und vergessen sind jene, die dort einst begraben und auf eine Auferstehung gehofft haben. Eine von ihnen war Margaretha Rademaker und dies ist ihre Geschichte.

 

Sargschild der Margaretha Rademaker.

Foto: Alsdorf

Wir wissen nicht, wie sie aussah, die Margaretha Rademaker aus Oldendorf. Man darf annehmen, dass sie stets in der traditionellen Tracht zum sonntäglichen Kirchgang erschien. Denn Margarethas Zeit war auch die Blütezeit der ländlichen Trachten. Und man darf vermuten, dass sie zumindest im Alter eine fromme Frau war. Damit befand sie sich mit den meisten älteren Frauen des Dorfes in bester Gesellschaft. Während die weibliche Jugend begann, sich über die strenge Kleiderordnung der Vergangenheit hinwegzusetzen und städtische Kleidung und Lebensart für sich entdeckte, waren es die Alten, die die Tradition der Trachten lange aufrecht hielten. Und auch die Mehrzahl der sonntäglichen Kirchgänger bildete. Während sich die Männer, wie zeitgenössische Organisten und Pastoren beklagten, sich lieber zum einem Schwätzchen in den zahlreichen Wirtshäusern trafen, lauschten die Frauen schon eher den Predigten des Pastors. Margaretha Rademaker, soviel ist gewiss, gehörte zu dieser Gruppe. Und nicht nur das. Sie wünschte sich ganz offensichtlich im Angesicht des Todes, dass ihr Grab südlich der Kirche nie gestört würde. Das sie in der vertrauten Oldendorfer Erde, die schon ihre Vorfahren aufnahm, für Ewig ruhen wollte. Auch das hat sie uns indirekt mitteilen wollen. Und ihre Familie tat damals alles, um ihr diesen Wusch zu erfüllen. Und fast schien sich durch glückliche Zufälle ihr letzter Wille zu erfüllen. Doch fast 143 Jahre später, im Jahre 2010, wurde Margarethas Grab dennoch gestört.

 

Spruchplatte der Margaretha Rademaker.

Foto: Alsdorf

 

Margaretha erblickte am 23. September 1804 als Tochter des Schmieds Claus Hilk und seiner Ehefrau Lucie, geborene Elfers, in Oldendorf das Licht der Welt. Zeit ihres Lebens sollte sie ihrem Heimatdorf treu bleiben. Am 28. Oktober 1825 heiratete sie den Anbauer und Schmied Hinrich Rademaker, Sohn des Häuslings Harm Rademaker in Oldendorf.

 

Strahlenkranz des "Auges der Vorsehung".

Foto: Alsdorf

Margaretha gehörte zu jener Generation, die Zeuge eines ungeheuerlichen Aktes wurde – der Hinrichtung eines Liebespaares unweit ihres Dorfes! Tausende von Schaulustigen eilten an einem Sommertag des Jahres 1835 aus allen Landesteilen heran, um draußen bei Himmelpforten den letzten Aktes eines Dramas zu verfolgen, dass wenige Jahre zuvor mit einer Zwangsheirat begann. Am Ende waren drei Menschen tot. Der brutale Ehemann und das junge Liebespaar aus dem Nachbardorf. Wie viele Frauen wird sich auch Margarethe so ihre Gedanken über das Geschehen gemacht haben. Über die immer noch praktizierten arrangierten Ehen und über brutale Ehemänner. Und wohl zeitlebens die schrecklichen Bilder der Hinrichtung nicht mehr aus dem Kopf bekommen haben. (Siehe meine Bücher Anna aus Blumenthal und Abels Blut.)

 

Freilegung des Grabes 2010.

Foto: Alsdorf

Nach allem, was wir wissen, führte Margaretha später ein erfülltes Leben, brachte mehrere Kinder zur Welt und war damit fest integrierter Bestandteil der meist bäuerlichen Bevölkerung ihres Dorfes. Eines aber unterschied sie von der Mehrheit der Oldendorfer Frauen: Margaretha schrieb Gedichte und machte sich Gedanken über das Jenseits. Als sie Ende Februar 1867 das Ende fühlte, muss sie mit zitternder Hand noch auf dem Sterbelager zur Feder gegriffen und einen letzten Gruß an ihre Nächsten formuliert haben:

 

„Lebt alle wohl, mein Gatte, Kinder und meine Lieben,

Um mich dürft ihr euch nun nicht mehr betrüben.

Ich habe ausgekämpft – das Ziel errungen.

In Christo Blut und Tod die Seligkeit gefunden.“

 

Und sie bat ihren Gatten, den Vers in eine Tafel gravieren zu lassen und auf ihren Sarg nageln zu lassen. Und nicht nur das – auch eine Tafel mit ihrem Namen erbat sie sich ins Grab. So, wie es bei den Adligen der Brauch war, aber das lag damals schon 100 Jahre zurück. Doch deren Särge standen in den Mausoleen und wurden nicht in der Erde begraben. Was mag sich Margaretha dabei gedacht haben? Wollte sie die Totengräber mahnen und abschrecken, wenn sie in ferner Zukunft beim Kuhlengraben auf ihr Grab treffen würden? Und damit die Hoffnung verband, dass sie ihre ewige Ruhe respektieren? Was die Oldendorferin zu ihrem durchaus einmaligen Wunsch veranlasste, können wir nur vermuten. Wurde sie, vielleicht schon in der Jugend Zeugin, wie rüde die Kuhlengräbern mit den Gebeinen der Verstorbenen umgingen? Verstand sie zeitlebens nicht, wieso die Gräber der 1835 Gerichteten in Himmelpforten nicht gekennzeichnet und so schnell vergessen wurden?

 

Graben im Tempo der Baggerschaufel.

Foto: Alsdorf

Als Margaretha am 7. März 1867 die Augen schloss, ließ ihr Gatte Hinrich sie gemäß des allgemeinen Brauchs in ihrer Sonntagstracht einsargen und reiste wohl eigens nach Stade oder Bremervörde, um einen Zinngießer aufzusuchen, um den letzten Wunsch seiner geliebten Frau zu erfüllen. Tatsächlich muss er einen jener Graveure gefunden haben, die noch Beschläge und Tafeln aus alter Zeit auf Lager hatten.

 

Stundenglas vom Sarg der Margaretha.

Foto: Alsdorf

Als Margaretha wenige Tage nach ihrem Tode in der Oldendorfer Kirche aufgebahrt wurde, funkelten im Lichte der Kerzen die silberfarbenen Beschläge, die den schwarzen Sarg zierten. Und auf dem Deckel prangte, wie es die Verstorbene wünschte, eine gravierte Schriftplatte mit ihrem letzten Vers. Und jene, die in den ersten Reihen saßen, konnten sogar die große rechteckige Platte lesen, auf der in geschwungener Kursivschrift stand:

 

„Hier ruhet

Frau Margaretha Rademaker, geborene Hilk.

Gestorben am 7. März 1867.

Sanft ruhe ihre Asche!“

 

Die Platte wurde bekrönt mit dem „Auge der Vorsehung“, einem Strahlenkranz, das ein von einem Dreieck umschlossenes Auge zeigt und die Trauergemeinde an die ewige Wachsamkeit Gottes erinnern sollte. Und an die allgegenwärtige Macht der Vorsehung.

Auf dem Unterteil des Sarges war die Tafel mit dem oben zitierten Vers angebracht, flankiert von einem Lorbeerzweig als Symbol des nunmehr erlangten Friedens und einer Sanduhr. Letzteres Symbol sollte die Nachwelt an die verrinnende Zeit erinnern und diese sinnvoll zu nutzen. Alles in allem eine beeindruckende Botschaft der Verstorbenen an die Trauergemeinde ihres Dorfes. Und dauerhaft dazu. Denn die Schriftplatten aus einer Blei-Zinnlegierung würden die Zeiten überdauern.

 

Margarethas Grab

Foto: Alsdorf

Zweieinhalb Jahre nach Margarethas Tod wurde auch Gatte Hinrich an ihrer Seite bestattet. Ohne Vers und Schrifttafel. Und fast genau vier Jahre später wurde am Rand des Dorfes ein neuer Friedhof eingeweiht, der alte Totenacker rund um die Kirche für immer geschlossen.

 Über die Totenhügel an der Oldendorfer Kirche wucherte bald das hohe Gras. Aus der noch sehr lange das zwei Meter hohe gusseiserne Kreuz hervorragte, das Schmied Hinrich hatte gießen lassen. Denn in jener Zeit begann in den Dörfern die Ära der eisernen Grabkreuze. Auf einer kolorierten Postkarte, kurz nach 1900 entstanden, ist das schöne Grabmal noch zu sehen.

Wer also sollte jemals Margarethas Ruhe stören?

 

Doch 1914 zogen Oldendorfs junge Männer ins Feld – der erste Weltkrieg begann. Und als er endete, verschwand neben vielen anderen auch Margarethas Kreuz, um Platz für ein riesiges Kriegerdenkmal zu machen. Und dennoch, das tiefe Loch, das die Oldendorfer für das Fundament in ihren einstigen Kirchhof gruben, verschonte das Grab Margarethas. Und auch, als wenige Jahrzehnte später die Menschen erneut die vielen Toten des nunmehr zweiten Weltkriegs betrauerten und ein weiteres Denkmal aufstellten, wurde die Ruhe der Frau nicht gestört. Fast schien es also, als ob der Wunsch der längst vergessenen Margaretha Rademaker über Generationen hinweg durch Zufall in Erfüllung gehen sollte. Fast! Denn am 25. August 2010, 143 Jahre nach Margarethas Tod, wühlte sich ein Bagger in das alte Totenfeld!

 

Baggerarbeiten auf dem Kirchhof zu Oldendorf 2010.

Foto: D. Alsdorf

Bereits ein Jahr zuvor hatte sich auf der Fläche neben dem alten Kirchhof ein Team der Kreisarchäologie festgesetzt. Die Oldendorfer hatten beschlossen, das Gelände des vor Jahren abgebrannten Organistenhauses mit einem großen Verbrauchermarkt zu bebauen. Und wie es bei Großprojekten solcher Art häufig der Fall ist, nahmen die Planungen wenig Rücksicht auf historische Stätten. So sollten nicht nur das Grundstück der Organisten, sondern auch erhebliche Teile des alten Kirchhofs dem geplanten Markt weichen. Während also das Archäologenteam den Kampf gegen die Zeit und die alles verschlingenden Bagger aufnahm, war es, als halte Margaretha ihre schützende Hand über den alten Gottesacker. Und tatsächlich stoppten sowohl die Ausgrabungen wie die Bagger kurz vor ihrem Grab. Denn die Kriegerdenkmäler stellten sich den Planungen in den Weg. Als dann Mitte 2010 auch dieses Hindernis aus dem Weg geräumt war – die Denkmäler wurden auf den neuen Friedhof umgesetzt – wuchs unmittelbar neben Margarethas Grab der Verbrauchermarkt in die Höhe. Und wieder hatten die Baumaßnahmen das Grab um wenige Meter verschont!

 

Foto: Alsdorf

Doch ein Wunder sollte es nicht geben. Nunmehr wurde der Rest des einstigen Gottesackers selbst überplant. Ein Dorfplatz sollte zwischen Markt und Kirche entstehen, mit gepflasterten Wegen und Bänken. Dafür wurde das Gelände zunächst um rund einen Meter abgebaggert. Die Baggerschaufel schrammte knapp über den Strahlenkranz des Auges der Vorsehung und verbog die Strahlen. Margarethas Grab war entdeckt. Und tatsächlich verzichteten das Ausgrabungsteam, als sie die schon mürben Zinnschilder freilegten und entzifferten, auf eine weitere Freilegung oder gar Bergung der Überreste. Das Grab wurde wieder geschlossen, eine Auflage verbot ein weiteres Abtragen des Bodens. Die Gräber des verbliebenen Kirchhofs sollten erhalten bleiben. Trotzdem wurde das gesamte Gräberfeld mit dem Detektor nach weiteren Sargschildern abgesucht. Doch es wurde kein weiteres derartig geschmücktes Grab gefunden.

 Kaum waren die Ausgräber abgerückt, rückte ein Säge-Trupp mit schwerem Gerät an, um am Rande des Kirchhofs einige Bäume, die offenbar zu dicht am neuen Markt standen, zu fällen und die Stämme entfernen. Da es tagelang stark geregnet hatte, versanken die Reifen der Fahrzeuge sofort im viel zu weichen Erdreich des Gottesackers – und zermalmten Margarethas Grab!

 Der Dorfplatz wurde trotzdem gebaut. Etwa dort, wo Margarethas geschundenes Grab liegt, steht heute eine Bank. Eine ursprüngliche Planung sah zunächst ein Altenheim in jenem Bereich vor. Dann wären über Margarethas Grab alte Menschen gegangen, hätten im Schatten der alten, nun verschwundenen Eichen geruht. Und vielleicht hätten sie Margaretha aus der Tiefe gelauscht – wenn sie erzählt hätte, von den alten Zeiten – und ihrem letzten Wunsch.

 

© D. Alsdorf 2015

 

 

 

 

 

Top