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Foto: D. Alsdorf

12. November 1989 - an der schon reichlich angeknabberten Mauer.

 

  

Einmal Mauerfall und zurück

 

11. November 2009. Ja, ich war dabei als die Mauer fiel. Zumindest in der Nähe. Vor genau 20 Jahren war ich für ein Wochenende an der Berliner Mauer und erlebte eine Stadt im Ausnahmezustand.

 Es ist eine schon lange vorher gebuchte Busfahrt, die mich am 11. November 1889 in die Mauerstadt führt. Eine Schnuppertour für einen Berlin-Muffel. Mit nur einer Übernachtung, Stadtrundfahrt und zurück. Tatsächlich ist es mein erster Berlin-Besuch, weil mich die Grenz-Schikanen stets abgeschreckt hatten. Nun also geht es gen Osten. Im Bus herrscht schon Wende-Stimmung. Alle haben die euphorischen Bilder vom Brandenburger Tor im Kopf. Feiernde Menschen auf der Mauer und Trabbis auf dem Ku’damm. Kaum zwei Tage her. „Ob sie noch kontrollieren?“, fragen sich die Leute im Bus. Machen sie. Ein DDR-Grenzer mit versteinertem Gesicht kontrolliert sorgsam, durch die Sitzreihen schreitend, die Pässe der Transitreisenden. Hier, am Transitübergang Gudow ist die Wende noch nicht angekommen. Kaum in Berlin hält mich nichts mehr im Hotel. Stadtplan raus und grob die Richtung zum Brandenburger Tor navigiert. Als Berlinneuling habe ich keine Vorstellung davon, wie unendlich weit es zu Fuß vom Ku’Damm zur Mauer ist. Sehr weit, wie ich alsbald feststelle. Es wird dunkel und zudem bitterkalt. Tatsächlich wimmelt es auf den Straßen von Trabbis und Wartburgs und wahre Menschenmassen bevölkern die „Straße des 17. Juni“ Richtung Berliner Tor. Überall wird gefeiert. Ein Berliner erklettert einen der Lichtmasten und hängt über das Straßenschild ein Pappschild mit der Aufschrift „Straße des 9. November“. Als ich endlich das Brandenburger Tor erreiche, ist die Endtäuschung groß: Wo sind die feiernden Menschenmassen? Auf der Mauer stehen DDR-Grenzsoldaten und davor, auf Westberliner Seite sind Mannschaftswagen der Polizei postiert, das gesamte Vorfeld mit Sperrgittern verstellt. Ist die Maueröffnung schon wieder vorbei? War alles nur ein schöner Traum, der sich angesichts der aufmarschierten Staatsmacht beider Seiten in Luft auflöst? Niemand der vielen verstört vor dem Gitter stehenden Touristen weiß genaues. Waren die Russen ausgerückt? Stehen auf der anderen Seite der Mauer schon die Panzer? Ein Mann versucht zu beruhigen. „Seht die Grenzer auf der Mauer“, ruft er den Ratlosen zu. „Die haben keine Waffen!“

 

 

Foto: D. Alsdorf 

Ostgrenzer auf der Mauer - frierend - ohne Waffen!

 

 

Foto: D. Alsdorf

"Kanalisieren" der Besucherströme aus dem Osten.

 

Tatsächlich – außer Handschuhe gegen die klirrend kalte Novembernacht sind keine „Kalaschnikows“ zu sehen. Aufgebrachte Menschen diskutieren mit der Polizei. Von Deeskalation ist die Rede. Davon, dass sich am Vorabend die Lage am Tor bedrohlich zugespitzt hatte und es „Mauerspechten“ fast gelungen sein soll, ein Mauersegment heraus zu brechen. Außerdem sollen 400 Leute über die Mauer von West nach Ost in Richtung Berliner Platz vorgedrungen sein. DDR-Wasserwerfer seien aufgefahren, ihr Einsatz im letzten Moment aber verhindert worden. Niemand will Regimetreuen Kräften auf der anderen Seite einen Vorwand liefern, die friedliche Revolution gewaltsam zu beenden. Das sehen alle ein. Randale gibt es nicht.

 

Foto: D. Alsdorf

 Flanieren an der Noch-Mauer.

   

Foto: D. Alsdorf

DDR-Besucher kehren zurück nach Ostberlin - während Fußgänger nach Westen strömen.

 

Foto: D. Alsdorf

Ein Loch in der Mauer - den Ostgrenzern ist die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben.

 

In aller Frühe des 12. November stehe ich wieder an der Mauer. Noch immer ist sie vor dem Brandenburger Tor weiträumig abgesperrt. Schade. Dafür bietet sich abseits der Polizei Richtung Potsdamer Platz ein unglaubliches Bild: Dicht an dicht stehen unzählige Menschen an der Mauer und schlagen mit Hammer und Meißel Brocken aus dem mit Graffiti übersäten Beton. Als ich wage, ein winziges Stück Mauer aufzuheben, werde ich rüde zurückgewiesen.“ Suche dir selbst einen Hammer“, heißt es gereizt. Hier wird gearbeitet. Mit ernsten Gesichtern ackern die Leute, als wäre das, was da aus der Mauer fällt, nicht schöder DDR-Beton, sondern Souvenirs. Um sie  gewinnbringend an die tausenden von Menschen zu verkaufen, die mittlerweile in Scharen in die Stadt strömen. Die Preise sind hoch, niemand weiß schließlich, wann die DDR-Grenzer jenseits der beständig wachsenden Mauerlücken dem Spuk ein Ende bereiten. Und Gerüchte schießen wie das Mauerunkraut aus dem Boden. Vor einer frisch aus der Mauer gebrochenen Lücke, einer jenen stets wachsenden Grenzübergänge stehen frierende DDR-Grenzer und verstehen die Welt nicht mehr. In endlosen Kolonnen strömen Ost-Berliner in den Westen. Zu Fuß und mit Auto erkunden sie den Westen. Passkontrollen gibt es nicht mehr. Ebenso selbstverständlich kehren sie zurück. Rund um den Ku’damm drängen sich die Massen. Im „KaDeWe“ ist kein Reinkommen. Über Megaphone werden den Besuchern jene Adressen genannt, wo sie die 100 DM Begrüßungsgeld abholen können. Endlose Schlangen bilden sich vor den Banken und Ausgabestellen. Der Autoverkehr bricht zusammen.

Es ist Sonntag und trotzdem haben die Geschäfte geöffnet. „Zehn zu eins“ heißt es an vielen Orten. Zu diesem Umtauschkurs nehmen viele Geschäfte auch Ostmark an. Fliegende Händler nutzen die Gunst der Stunde. Entlang der Mauer stehen sie und bieten vom Container aus die unterschiedlichsten Waren an. Nahe des Potsdamer Platzes sehe ich, wie aus einem Wagen gelbe Gegenstände in die sich davor drängenden Massen geworfen werden. Es sind tatsächlich Bananen – man fasst es nicht! Die Zeit drängt. Der Bus wartet. Am Grenzübergang Gudow das übliche Prozedere. Wieder steigt ein Grenzer in den Bus. „Die Pässe!“, heißt es lapidar. Als er bierernst die Stempel drückt und die Leute im Bus sich lauthals über die hier offenbar noch nicht angekommene Wende unterhalten, huscht für einen kurzen Moment ein Lächeln über das blasse Jungengesicht. Also doch, denke ich. Und im Walkman singt Nena ihr „Wunder geschehen …“

 

Foto: D. Alsdorf

Blumen im Beton. 

 © D. Alsdorf 2009

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