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"Cord Meyer nebst dritter Ehefrau ." (Spielszene)

Foto: D. Alsdorf

 

Der Mörder aus dem Moor

Irgendwo unter dem hohen Gras des alten Kirchhofs der Kirche von Burweg-Horst ruht er in einem unbekannten Grab: der Bauer Cord Meyer, aus Blumenthal an der Oste. Eine mehr als zwielichtige Persönlichkeit, die etliche, teils schwere Verbrechen beging und schließlich selbst einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Begangen von seinem eigenen Sohn Claus und seiner dritten, frisch angertrauten Ehefrau Anna. Die Täter vertrauten später Pastor Ruperti aus Osten ihre Motive an:„Der, den wir aus dem Wege schafften, quälte uns so grausam, seine Worte waren so bitter, seine Behandlung so empörend, seine Härte gegen uns stieg endlich bis zu solchen Höhe, dass unsere Geduld weichen, und wir zu dem Mittel greifen mussten, das allein die Befreiung von solchen Qualen verhieß.“

Oualen, die für die Mörder Anna und Claus allerdings erst nach über zwei Jahren Haft ihr blutiges Ende fanden. Am 24. Juli 1835 wurden sie in Himmelpforten für ihr Vergehen an ihrem Peiniger öffentlich hingerichtet. (Vgl. dazu den Aufsatz „Kinder sehen Annas Hinrichtung“ im Allgemeinen Haushaltungskalender 2007 und dem historischen Roman „Anna aus Blumenthal“, beide vom Verfasser).

 

 

Die Kirche zu Burweg-Horst.

Foto: D. Alsdorf

 

Der Verbrecher Cord Meyer war ihnen zum Schicksal geworden. Sowohl seinem Lieblingssohn Claus, wie seiner dritten Ehefrau Anna, die vor Gericht beteuerte, „…dass sie zu der Heirat mit dem umgebrachten Cord Meyer beredet sei.“ Wörtlich protokollierte damals dem Himmelpforter Amtsschreiber: „Dabei bemerkte sie noch, dass wenn sie Cord Meyer nehme, so hätte sie demselben niemals ihre Hand gegeben.“

 Wenn sie denn jemals eine Wahl gehabt hätte. Doch Vormund wie Mutter hatten angesichts Cords Versprechen, der alten wie blinden Mutter ein Altenteil einzuräumen, über Annas Kopf hinweg leichtfertig eine Heirat eingefädelt, die in einer Tragödie endete. Das Gericht stellte später fest: „Etwas nach Michaelis 1832 hat sie sich, hauptsächlich wohl auf den Wunsch ihrer alten blinden Mutter mit Cord Meyer, einem Mann von 55 Jahren und zum zweiten Mal Witwer, verheiratet. Wenn gleich damals Verwandte und Freunde ihr zugeredet haben mögen, so ist anzunehmen, dass sie aus freien Stücke dem Cord Meyer die Hand gereicht hat. Wechselseitige Neigung hat diese Verbindung nicht gemacht. Vielmehr ist es eine Partie, die wie so häufig auf dem Lande, von den Freunden und Verwandten der Beteiligten, welche sich selbst kaum gesehen, nach Konvenienz zu Stande gebracht wird.“

 Nach nur vier Monaten war die Ehe am Ende. Cords Sohn Claus beichtete später Pastor Ruperti: “Die unglücklichen Umstände, unter welchen wir geboren wurden und aufwuchsen, haben es so gefügt, dass wir nicht anders handeln konnten. Wären andere Schicksale uns begegnet, wahrlich, wir hätten nimmer solche Taten vollführt.“

 

 

Bis 2010 konnte man noch die flachen Reste der Meyer-Wurt im Bützflether Moor erkennen.

Foto: D. Alsdorf

 Wer war dieser Cord Meyer, dessen offenbar sadistische Verhalten seine eigene Familie zu einem Mord trieb? Was waren das für „unglückliche Umstände“, die letztendlich nicht nur ihn, sondern Familie und Hof in den Abgrund stürzten?

 Die Spur von Cord Meyer führt zurück in seine Heimat, ins Bützflether Moor bei Bützfleth. Dort sind noch heute die Reste der verlassenen Meyer-Wurt zu sehen. Cords Vorfahren gehörten zu den alteingesessenen Familien „am Mohr“, wie jene Gebiete am Ostrand des Kehdinger Moores früher bezeichnet wurden. In unvorstellbar harter Arbeit hatten sich die Menschen dort ihren Lebensraum dem lebensfeindlichen Moor abringen müssen und sich mit dem Verkauf von Brenntorf eine bescheidene Existenz geschaffen. Bereits 1581 wird ein Hynrich Meyer erwähnt, 1637 ein Johan Meyer. Die Meyer-Wurt gehörte zu jenen auseinander gezogenen Wohnplätzen der ersten Gründungsphase am damaligen Ostrand des Kehdinger Moores, die heute noch deutlich erkennbar wie isolierte Inseln inmitten der Weiden erscheinen.

 

Torfstechen im Bützflether Moor.

Foto: Archiv Alsdorf

 Cords Vater Simon wurde 1734 geboren. Sein Vater war Claus Meyer, der seit 1730 mit Anne von Bargen verheiratet war. Simon heiratete 1758 Trine Braack, die fünf Kindern gebar, von denen zwei Mädchen schon früh starben. Die Kindersterblichkeit war, wie die Kirchenbücher noch heute eindrucksvoll belegen, sehr hoch und für die harten Lebensbedingungen damaliger Zeit keinesfalls ungewöhnlich. Aber auch viele der Frauen starben früh. Die harte Landarbeit und ständigen Schwangerschaften forderten ihren Tribut. Als Trine 1769 im Alter von nur 36 Jahren starb, ging Simon umgehend eine neue Ehe mit Christine Haak aus Burweg ein. Neun Monate nach der Hochzeit gebar Christine ihren ersten Sohn Hinrich. Bald folgten Trine, Cord und schließlich Alheid.

 

Gewehrkugeln aus Blei von der Meyer-Wurt.

Foto: D. Alsdorf

 

Cords Halbbrüder aus erster Ehe, Claus und Daniel, verheirateten sich in die Nachbardörfer. ohne dass einer die Hofnachfolge antrat. Offenbar wurde damals im Moor das so genannte „Jüngstenrecht“ praktiziert, dass dem jüngsten Sohn die Nachfolge zustand. So hielten Cords Vater Simon und wohl auch Großvater Claus auf der Wurt die Zügel fest in der Hand. Im August 1774 starb Großvater Claus überraschend nach einen Pferdetritt in den Unterleib mit 63 Jahren. Vermutlich übernahm erst jetzt Simon offiziell den Hof, so das Hinrich und Cord, die Söhne aus zweiter Ehe, ihr Glück und Auskommen wie viele junge Männer jener Zeit ihr Glück auf See versuchten. Vermutlich verdingten sich beide auf einem Walfänger, wobei Cord offenbar dort das Schlachterhandwerk erlernte, was sein späteres Leben prägen sollte. Ende August 1796 kehrte er mit einer traurigen Nachricht heim. Sein Bruder Hinrich war im Juni in der Nähe des Nordkaps über Bord gefallen und ertrunken. Hatte Cord seine Hände dabei im Spiel?

 1801 starb Cords Großmutter Anna im Alter von damals ungewöhnlichen 94 Jahren, was den Pastor zu folgenden Bemerkungen im Kirchenbuch veranlasste: „Ist fast in ihrem Leben nicht krank gewesen, hatte ein phlegmatisches Temperament, hat 44 Jahre im Ehestande, 26 Jahre im Witwenstand gelebt, darin hat es ihr an unterhalt und Verpflegung von Kindern und Kindeskindern nicht gefehlt. War Mutter von zehn Kindern, wovon aber bey ihrem Ende nur noch drei lebten; aber Großmutter von 40 und Ältermutter von 90 Kindern.“

 Wie hart die Lebensverhältnis im Moor waren, schildert eindrucksvoll eine Beschreibung aus dem Jahre 1880: „Die Gemeinde Bützflethermoor, etwa eine Stunde westlich vom Kirchdorfe Bützfleth belegen, bestehend aus annähernd fünfzig Wohnsitzen, erstreckt sich von Süden nach Norden. Der Grund und Boden besteht zu weit größten Teil aus Moorländereien und niedrigen Weiden, und sind daher neben der Torfindustrie Kartoffeln und Roggen die hauptsächlichsten Erzeugnisse. (…) Reichlich zwanzig Minuten unterhalb der Häuserreihe läuft parallel mit dieser ein Feldweg, auch der Landerweg genannt, welcher in einer Abzweigung unter dem Namen Moorweg nach Bützfleth führt. Dieser ist der einzige, nach auswärts gehende Weg. Jeder einzelne hiesige Bewohner muss aber um an diesen zu gelangen seine eigenen Grundstücke als Fahrweg benutzen und zwar bei nassen Zeiten oft drei bis vier solcher Weidenstücke nach einander vernichten. Abgesehen von dieser schon höchst unangenehmen Situation würde der hiesige Landmann sich schon zufrieden geben, wenn er auf diese Weise nur immer fortkommen könnte. Zur Sommerzeit, vorausgesetzt, dass der Sommer ein trockener ist, bietet der Moor- sowie der Landerweg sehr bequeme Verkehrsstraßen, wenige Regenschauer aber vermögen  schon, diese Wege mitsamt den ganzen daran liegenden Wiesen und Weiden unter Wasser zu bringen und einem See gleich zu machen. Wenn solches im Sommer auch äußerst selten geschieht, so bringt doch der Herbst in der Regel mit Anfang Oktober schon Wasser in Menge und bleibt solches dann meistens bis April stehen. Was soll der hiesige Bewohner dann aber anfangen? Der Herbst ist eben, der ihm das gibt, wovon er leben soll. Korn und Kartoffeln können erst jetzt verkauft und abgegeben werden, der Torf ist selten vor dieser Zeit ordentlich trocken und brauchbar. So ging es schon manches Jahr und wird noch wiederum manches Jahr so gehen, wenn solchen Bedrängten nicht endlich geholfen wird. Schlechte Ernten und dann obendrein solche Zustände, das halten solche Gemeinden nicht aus, und wohl an manches, sonst ehrlichen Mannes Tür klopft dann der Gerichtsvollzieher, um mit eisernen Arm des Gesetzes das zu erzwingen, was in solchen Falle ohne Verschulden des Betroffenen nicht bezahlt werden konnte.“

 

Das Raubnest: Das war einst das Haus des Cord Meyer im Bützflether Moor. Nach seiner Übersiedlung nach Blumenthal verkaufte er es an seinen Nachbarn Jagemann, der es auf seiner Hofstelle wieder aufbaute. Es wurde bereits vor Jahren leider abgerissen.

Foto: Archiv Alsdorf

 Waren Missernten und die geschilderten naturräumlichen Bedingungen auch der Grund für den Niedergang des Meyer-Hofes? War es die Mitgift von immerhin sechs Kindern, die zwangsläufig zum Verkauf von Land führte? Oder war es die schlechte Wirtschaft, die Cord ab Februar 1804 zu führen begann, nachdem er im Alter von 27 Jahren die erst 18jährige Abel Cathrine Bösch aus der Nachbarschaft heiratete? Wurde der Vagabund Cord von seinem greisen Vater Simon, der zu jenem Zeitpunkt immerhin 70 Jahre alt war, zur Hofnachfolge genötigt? Es fällt auf, dass der 70. Geburtstag von Simon (14. Feb 1734) fast mit dem Hochzeitsdatum seines Sohnes Cord (10. Februar 1804) zusammenfällt, was sicher kein Zufall ist. Während die Eltern Simon und Christine aufs Altenteil gingen, versuchte sich Cord als Bauer. Die vermutlich arrangierte Hochzeit mit Abel Cathrine vom Bösch-Hof brachte ihm sicher eine üppige Mitgift und Aussteuer ein, die ihn zunächst gut über wirtschaftliche Schwierigkeiten hinweg halfen. Nacheinander gebar Abel drei Söhne (1805 Simon, 1808 Hinrich) und 1810 schließlich Claus, der später seinen Vater töten sollte. Nebenbei scheint Cord immer wieder zur See gefahren zu sein und die Geschicke auf dem Hof seinem alten Vater überlassen zu haben. 1808 wird er in einer Liste als „Matrose“ bezeichnet, mit unbekanntem Aufenthaltsort. 1810 ist er jedenfalls wieder im Lande und wird in einer Liste als „Schlachter“ und Besitzer einer Grützmühle bezeichnet. Es war die „Franzosenzeit“, die nicht nur neue Steuern einführte, sondern auch junge Männer für den Kriegsdienst aushob. Flüchtete Cord vor den Franzosen oder heuerte er gar bei den Besatzern an? Spätestens der Tod seiner Eltern - Christine im Jahr 1810 und sein Vaters Simon drei Jahre später – machte ihn zum alleinigen Bauern auf dem Hof. Es ist sicher kein Zufall, dass wenig später Johann Mau und Johann Öhlers ihre Höfe rund hundert Meter westlich auf Meyers Land begründeten. Hatte Cord das Land verkauft oder verpachtet? Mau übernahm vermutlich sogar das Altenteilerhaus der verstorbenen Eltern und ließ es auf sein Grundstück versetzen.

Ausschnitt aus dem Bützflether Sterberegister des Jahres 1816 mit Notiz der Sterbefälle auf der Meyer-Wurt.

Foto: D. Alsdorf

 Das Jahr 1816 brachte Cords Familie Leid und Tränen. Ende Januar starb die vier Wochen alte Tochter Anne Mette an Epilepsie. Ende Juli starb Stine Ahlheid im Alter von drei Jahren. Den Tod ihrer Ältesten verwand die todkranke Mutter nicht mehr. Keine zwei Wochen, nachdem die Familie auf dem Bützflether Kirchhof die kleine Stine Ahlheide begraben hatte, starb auch die Mutter – an „Auszehrung“, wie das Kirchenbuch vermerkt. Im Alter von nur 30 Jahren. Der Begriff fasste damals alle „zehrenden“ Krankheitssymptome zusammen, wovon vor allem die Tuberkulose, damals Schwindsucht genannt „mehr Opfer forderte, als Krieg und Krankheit zusammen“, wie es damals hieß. Ursachen waren vor allem die unhygienischen und gesundheitsschädlichen Lebensumstände, die damals in den von stickigem Torfrauch der Herdfeuer erfüllten Häusern herrschten.

 

 Wirtschaftlich ging es offenbar bergab. Bezeichnenderweise ließ Anfang November 1818 der greise Vater der verstorbenen Abel Cathrine, Hinrich Bösch, seine bereits 1806 mündlich vollzogene Hofübergabe an seinen Sohn Peter schriftlich fixieren. Unter ausdrücklicher Teilnahme seines Schwiegersohnes Cord! Dieser monierte, dass Hinrich angeblich den Vertrag damals schon nach einem Jahr widerrufen hatte, was der Genannte bestritt. Hinrich polterte, „dass es ihm (Cord) frei stehe, mit den Seinigen als Vater zu machen, was ihm beliebe, sobald er seinen Kindern nur, der nach den Gesetzen ihren gebührenden Pflichtteil gebe und diesen würde seine Tochter Abel Cathrine, des Cord Meyer Ehefrau, bei weitem erhalten haben.“ Nur sieben Wochen später, also weit vor Ablauf des Trauerjahres, heiratete Cord auf der Diele seines Hofes Cathrine Schröder, Tochter des Johann Schröder aus dem Drochterser Moor. Das Paar bekam vier Kinder: Cathrine Margarethe (geb. 1818), Johann (geb. 1820) und Daniel (geb. 1822), Ahlheid (geb. 1825) Ein fünftes Kind, ein Junge, kam 1828 tot zur Welt.

 Aus den dokumentierten Worten von Hinrich lässt sich sowohl die Trauer über den frühen Tod seiner Tochter wie auch Zorn über die unverhohlene Gier seines Schwiegersohnes ableiten. Oder steckte noch mehr hinter seinen Worten? Vielleicht was die Behandlung seiner Tochter durch ihren Ehemann betraf? Wir wissen es nicht. Ein Jahr später war Hinrich tot.

 Tatsächlich scheint Cords neue Frau Cathrine einen besonderen Einfluss auf ihren frisch angetrauten Ehemann gehabt zu haben. Das Gericht stellt später fest: „Das Gerücht geht, das Cord Meyer, wie derselbe noch auf dem Bützflether Moor gewohnt, sehr viele Diebstähle verübt habe, dass derselbe mit mehreren Einwohnern vom Bützflether Moore im Komplott gestanden und mit diesen die Diebstähle ausgeführt habe. Indessen, es fehlen die Indizien.“ Claus behaupte später vor Gericht, dass es ausdrücklich seine Stiefmutter Cathrine war, die seinen Vater zu Verbrechen aller Art ermuntert hat. Tatsächlich wurde Cord bereits im Jahre 1820, also vier Jahre nach seiner Heirat mit Cathrine, zu einer achtwöchigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er eine auf dem Himmelpforter Markt entlaufene Kuh stahl. „Die ersten und letzten acht Tage bei Wasser und Brot“, wie das Amt Drochtersen vermerkte.

 

Über die folgenden Jahre gibt bislang keine Angaben. Erst ab Herbst 1827, als sein Sohn Claus für ein Jahr auf den elterlichen Hof zurückkehrte, gibt es durch seine später im Gefängnis gemachte Aussagen weitere Details. Amtsassessor von Schulte protokollierte einen kurios anmutenden Ochsendiebstahl von einer Weide, dessen Durchführung wohl typisch für die Räubereien des Cord Meyer gewesen sein müssen. „Der Angeklagte gesteht, damals 17 Jahre alt, diesen Diebstahl mit seinem Vater verübt zu haben. Sie sind am Tage vor dem Diebstahl, am 25. Oktober 1827 auf dem Himmelpforter Herbstmarkte gewesen, ohne jedoch ein Stück Vieh, wie sie die eigentliche Absicht gehabt haben wollen, zu kaufen. Sein Vater teilte ihm hier den Plan mit, bevor sie nach Hause gehen ein jeder einen Ochsen von der Weide des Hermann Schmoldt zu Ritsch und des Claus Eilsmann zu holen, wozu sich der Angeklagte, dem der Erlös aus dem zu verkaufenden Häuten versprochen wird, sich auch bereit finden lässt. Nachdem sie einen älteren Bruder des Angeklagten – Hinrich – mit dem Auftrage nach Hause geschickt haben, um dort zu bestellen, dass sie mit einem auf dem Markt gekauften Ochsen bald nachkommen würden, begaben sie sich gegen Abend nach Ritsch, wo sie gegen 11 Uhr auf der Weide des Hermann Schmoldt ankommen. Die Ochsen sind aber hier so wild, dass es ihnen nicht gelingen will, einen derselben einzufangen und entschließen sich am Ende dazu, einen Ochsen den sie von der Weide gejagt, vor sich her nach ihrer Wohnung zu treiben. Gegen drei Uhr morgens kommen sie zu Hause an, worauf sein Vater den Ochsen sogleich mit Hilfe seiner Ehefrau schlachtet. Als das Schlachtgeschäft beendet, um etwa sechs Uhr morgens, bringt der Angeklagte in Gefolgschaft seines Vaters die abgezogene Haut zu Wagen nach Stade, wo sie dem Lohgerber Hortkamp für acht Taler, vier Schilling, die der Angeklagter erhält, verkauft sein soll.“

 

"Cord Meyer und seine Bande " (Spielzene).

Foto: D. Alsdorf

 

Doch es blieb nicht nur bei reinen Diebereien. Ebenfalls um diese Zeit beging Cord zusammen mit einem Peter Schröder bei der Barnkruger Mühle einen Raubmord an den Schiffer Körner. Im November 1827 überfiel Cord, zusammen mit Peter Schröder, Luneberg Meyer und Claus Jens in der Nacht die Witwe Ney in Hörne vor Stade, wobei diese, wie es Claus überlieferte, ausgeraubt und „grob misshandelt“ wurde. Zusammen mit Claus Jens ermordete Cord wenig später eine „Frau Schütte zu Grauerort“.

 Waren es solche und weitere Taten, die Cord im Frühjahr 1830 veranlassten, den Hof seiner Vorfahren aufzugeben und sich um den Erwerb eines Hofes in Blumenthal zu bewerben? Suchte er die Nähe seines Schwagers Jacob Wohlers, der dort bereits seit geraumer Zeit der Schulmeister war? Im Frühjahr 1830 siedelte die Familie aus dem Moor hinüber nach Blumenthal an die Oste und bezogen den ehemaligen Hagenahschen Hof am Stellberg. Ein Hof, das noch nach dem Meierrecht bewirtschaftet wurde zum Gut Laumühlen jenseits der Oste gehörte. Doch auch hier gab es Probleme. Cord war nicht in der Lage, seine fälligen Abgaben zu entrichten. Auch mit der Bezahlung seines erworbenen Hofes haperte es, weil es ihm nicht gelingen wollte, seine Ländereien im Moor so schnell zu veräußern.

 Ende September 1830 kehrte Claus, der zuvor als Knecht in Neuland gedient hatte, zu seiner Familie zurück um fortan wieder auf dem väterlichen Hof zu arbeiten. Nach einigen Monaten sollte er wieder stehlen, diesmal im Haus seines Onkels. Zu Beginn des Jahres 1831 war es Cords Schwager Jacob Wohlers gelungen, einen Hof in unmittelbarer Nachbarschaft zu erwerben. Eine der Stuben im Hause der Wohlers war zu jenem Zeitpunkt noch an die Himmelpforter Krämerswitwe Hahn vermietet, die zwar schon von den Wohlers hinausgedrängt war, ihr Eigentum aber noch nicht abgeholt hatte. Vor allem auf einen in der Stube stehender Koffer, mit vermeintlich wertvollen Inhalt hatte Claus Stiefmutter ein begehrliches Auge geworfen. Claus ließ sich überreden, diese Truhe in der Nacht des 4./5. Februar 1831 zu stehlen und zu plündern.

 Assessor von Schulte schrieb: „Er (Claus) will von seiner verstorbenen Stiefmutter, welche es auf zwei Rollen Leinen gelüstet, die sie in dem Koffer der Witwe Hahn vermutet, aufgefordert worden sein, diesen Diebstahl zu begehen. Auch behauptet er, dass die Ehefrau des Jacob Wohlers, welche die Schwester seiner Stiefmutter war, davon gewusst habe. In der fraglichen Nacht hat er sich, nach seiner Angabe ein Uhr morgens, mit einem Eggenzahn und einem kleinen Beil, nach der Wohlerschen Wohnung begeben und dort ein Fenster durch Herausnehmen einer Scheibe geöffnet und daraufhin den Koffer hinausgeschafft. Draußen neben dem Backhause hat er den Boden des Koffers zertrümmert und die darin enthaltenen Sachen in einen Sack gesteckt und solche darauf nach Hause gebracht.“

 Im Mai 1831 wurde Claus Soldat. Eine wohl willkommene Zäsur in seinem Leben, das bislang geprägt war von der Dominanz des kriminellen Vaters. Das Gericht stellt später fest: „Er war als Soldat bei dem 6. Infanterie-Regiment zu Stade eingestellt worden und 14 Monate bei dem demselben im aktiven Dienst gestanden. Als Soldat hat er sich die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erworben und in dem Zeugnis seines Kompaniechefs heißt es, dass er sich in den 14 Monaten, die er zu Dienste gestanden, musterhaft betragen und nie bestraft wurde. Er habe sich bei jeder Gelegenheit die Zufriedenheit seiner Oberen so erworben, dass ihm das beste Zeugnis erteilt werden müsse.“

 Ein Zeugnis, dass Claus später von hohem Nutzen für seinen persönlichen Werdegang gewesen wäre. Zum Beispiel um die Nachfolge auf dem väterlichen Hof anzutreten wozu die Genehmigung des Gutsherren erforderlich war. Doch es sollte anders kommen. Denn ein Jahr, nachdem Claus den Hof verlassen hatte, lag seine Stiefmutter im Sterben. Als sich Ende Juni 1832 ihr Sarg auf dem Kirchhof von Burweg-Horst in die Erde senkte, stand Cord vor der Entscheidung, den Hof mit 55 Jahren abzugeben oder sich erneut zu verheiraten.  Schon alleine die Versorgung seiner auf dem Hof lebenden vier minderjährigen Kinder erforderte zwingend eine ernute Verheiratung.

 Dass sich der Witwer daher schnellstens nach einer Braut umsah, lag auf der Hand. Warum er aber seinem Sohn die junge Braut nahm, bleibt ein Rätsel und Stoff für Legenden. Denn dieser Umstand sollte ihm das Leben kosten. Der Chronist Georg von Issendorff, zitierte um 1900 den Himmelpforter Zeitzeugen Johann Christian Bierschwall wie folgt: „Die Frau hatte vor ihrer Verheiratung ein Liebesverhältnis mit dem jungen Meyer. Als dieser als Soldat vom Hause abwesend war, ließ sie sich überreden, seinen Vater zu heiraten.“

 Angesichts seiner kriminellen Vergangenheit ist kaum anzunehmen, dass Cord die Nächstenliebe trieb, als er seiner Braut das geräumige Nebenhaus seines Hofes und üppige Naturallieferungen zum Altenteil versprach. Und sich sogar anbot, ihrer blinden Mutter im Hause ein Altenteil einzuräumen. Selbst auf eine Mitgift verzichtete er großzügig, die ihm die arme Braut auch nicht hätte bieten können. Geld, das er aber mehr als dringlich gebraucht hätte.

 Es wurde eine kurze Ehe mit fatalen Folgen. Annas Verteidiger Holtermann formuliert es später so: „Der Mangel an Zuneigung von ihrer Seite verkehrte sich aber alsbald in Hass und Überdruss gegen den ihr angetrauten Mann, als der Sohn des letzteren zu ihrem und seinem Unglück in das väterliche Haus zurückkam. Ein junger Mann, in der Blüte seiner Kraft, dass sein Anblick ihre Sinne um so wieder aufregen musste, je mehr sie Gelegenheit hatte, Vergleiche zuwischen ihm und denjenigen anzustellen, an den sie das Schicksal gekettet hatte. Die ländlichen Beschäftigungen, denen sie gemeinschaftlich oblagen, hatten tägliche Berührungspunkte, denen nur ein besser geartetes und gebildetes Gemüt widerstanden haben würde. Sie, die in der Sinnlichkeit schon untergegangene Angeklagte, fiel, da auch ihr Stiefsohn die verbrecherische Neigung teilte und erhöhte.“

 Ankläger Dr. Willemer: „Schon nach einigen Wochen, als die Angeklagten alleine auf der Hausdiele mit einer gemeinschaftlichen Arbeit beschäftigt sind, während der alte Cord Meyer zur Sielschau abwesend ist, kommt es zwischen ihnen zu verführerischen Scherzen und unziemlichen Vertraulichkeiten. Die Leidenschaft überwältigt beide. Er bietet ihr an, zusammen zu Bette zu gehen. Sie nimmt es an und der blutschänderische Ehebruch wird vollzogen.“ Und schloss daraus: „Nachdem so einmal die durch göttliche und menschliche Gesetze gezogene Schranke gebrochen, haben sie sich ganz der verderblichen Leidenschaft hingegeben. Zu mehreren und verschiedenen Malen haben sie dann den Beischlaf vollzogen.“

 Was Cord auf keinen Fall dulden mochte. Hier gab es keine Beute, keine Ochsenhaut, die er mit seinem Sohn zu teilen bereit war. Ankläger Dr. Willemer: „Es ist im Meyerschen Haus ein sehr übles Vernehmen zwischen den Angeklagten (Anna und Claus) und Cord Meyer entstanden und wohl hauptsächlich darin zu seinen Grund gehabt, dass letzteren das sträfliche Verhältnis zwischen Sohn und Ehefrau nicht ganz verborgen bleiben können. Die beiden Eheleute haben sich häufig gezankt, ja, es ist selbst zu Schlägereien gekommen.“

 Cord Meyer zeigte sich einmal mehr als brutaler Tyrann und nahm es in Kauf, das die bewährte und vertraute Beziehung zu seinem Sohn zerbrach. Ankläger Dr. Willemer: „So hat die Frau sich von ihrem Ehemann immer mehr entfremdet und hat sich umso enger ihrem Stiefsohn angeschlossen. Dieser, welcher gleichfalls häufig die wohl die nur zu begründeten Vorwürfe seines Vaters hören musste, hat seine Stiefmutter gegen seinen Vater in Schutz genommen und dadurch ist auch die Stimmung zwischen den Beiden immer feindseliger geworden.“

 Claus formulierte es so: „Wer den Alten totschlüge, der begeht keine Sünde. Und wenn da einer wäre, der denselben totschlagen wolle, so wolle er demselben eine blanke Pistole (15 Taler) geben.“ Das ist einer der wenigen Sätze, die von Claus überliefert sind und seinen ganzen Hass gegenüber seinem Vater zum Ausdruck bringt. Es war die aufgestaute Wut über die unglaubliche Tat des Vaters, ihm in seiner Abwesenheit seine Braut genommen zu haben. Ein rücksichtsloses Verhalten wie damals im Moor, wo sich Cord das, was er haben wollte aber nicht bezahlen wollte, mit List und Tücke oder offen praktizierte Brutalität einfach nahm. Claus hatte die Militärzeit verändert. Er war nicht mehr der unerfahrene Sohn, der auf der Suche nach Anerkennung bereit war, seinem Vater auf seinen Raubzügen zu folgen und sein Verhalten zu tolerieren. Claus hatte sich vor seinen Vorgesetzten ausgezeichnet und war auf die Anerkennung seines Vaters nicht mehr angewiesen. Annas Verteidiger Holtermann: „Von nun an war es nur noch ein Schritt zu der schwärzesten Untat, deren Strafe jetzt ihrer wartet. Die durch Sitte und Gewohnheit gezogene Schraube war einmal durchbrochen, nichts hielt sie mehr im Laufe der Sünde, welche durch die oftmals wiederholten, blutschänderischen Umarmungen immer neue Reize erhielt und doch wäre sie vielleicht noch zurückgeschaudert vor dem Gattenmord, wenn nicht ihre eigene Mutter, die alte blinde Witwe Catharina das glimmende Feuer geschürt hätte, denn diese ist es nach den übereinstimmenden Aussagen beider Angeklagten, welche zuerst den Gedanken auf die Bahn gebracht hat, den schon kranken Cord Meyer nachzuhelfen, das er sterbe. Zwar leugnet die ergraute Heuchlerin, unterstützt von der sie betreffenden Erblindung, dass sie irgendeinen Teil habe an der verdammenswerten Tat, wodurch ihr Schwiegersohn des Lebens beraubt worden ist. Eben sie ist es gewesen, die den Samen zum Verbrechen in den jugendlichen Gemütern der Angeklagten geweckt und ausgestreut hat. Schon vertraut geworden, vermischt mit der Idee, den Vater und Ehemann auf die Seite zu schaffen, dessen längeres Leben nur noch, wie sie erwähnten, ihrem beiderseitigen Glücke hernach im Wege stand, entschließen sie sich nun um so rascher, zu dem unfehlbaren und sicheren Werke seiner Ermordung als er dem verbotenen Verhältnisse zwischen Mutter und Sohn auf die Spur gekommen war und diese Entdeckung nicht nur zu einem gänzlichen, mit Misshandlungen der Angeklagten und einer zeitweiligen Entfernung derselben von ihrem Ehemanne begleiteten Zerwürfnisse unter den Familiengliedern geführt hatte, sondern auch bald das völlige Aufhören des sträflichen Umganges besorgen ließ.“

 Am Morgen des 12. März 1833 war Cord Meyer tot – erwürgt von seinem Sohn und seiner Ehefrau. Mit dem Tod des Bauern ging sein Hof zugrunde. Das anschließende Konkursverfahren machte die katastrophale wirtschaftliche Situation offenbar. So war Cord schon im Sommer 1832, lange bevor er Anna und ihrer Mutter ein üppiges Altenteil versprach, zahlungsunfähig gewesen. Weder die Arztkosten für seine kranke Frau Cathrine hatte er beglichen, noch die ihrer Beerdigung. Die Kosten ihres Sarges standen genauso auf der langen Liste der Forderungen wie jene nicht unbeträchtlichen Summen, die er sich von seinen Söhnen - Claus eingeschlossen - lieh, um seine fälligen Abgaben zu bezahlen und mit List und leeren Versprechungen eine Frau zu heiraten, die ihm nicht zustand. Cord Meyer zerstörte in seiner maßlosen Gier das das Leben seiner jungen Frau, der am Ende auf dem Schafott in Himmelpforten nichts mehr blieb, als an ein besseres Leben im Jenseits zu glauben. Ihre letzten Worte waren ein Zitat des Dichters Johann Timotheus Hermes, wo es heißt: „Zerstört der Tod des Leibes Glieder; ich glaube fest und fürchte nichts. Zwar sterb’ ich, doch erwach ich wieder, am Morgen eines ewigen Lichts. Dann fängt mein neues Leben an; Oh Gott, wie selig bin ich dann!“

Cords minderjährige Kinder sind noch bis zu ihrer Konfirmation in Blumenthal nachzuweisen. Die beiden Mädchen blieben später in Hechthausen, wo eines der beiden heiratete. Die Söhne verließen die Gegend und man darf vermuten, dass sie wie der Vater ihr Glück auf dem Meer gesucht haben oder ausgewandert sind.

 

 Seine Kumpane wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Foto: D. Alsdorf

 

 

Literatur:

Dietrich Alsdorf: „Anna aus Blumenthal“, Historischer Roman und Dokumentation, Fischerhude 2007.

Georg von Issendorff: „Kloster und späteres Amt Himmelpforten“; Stader Archiv 1911/13.

Georg Ernst Ruperti: „Der Sieg des Wortes Gottes über die Sünde“, Stade 1835.

 

 

 © D. Alsdorf 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

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