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Die Predigt von Pastor Ruperti -

gehalten zu Osten, am 26. Juli 1835,

2 Tage nach der Hinrichtung.

Nachgesprochen von Pastor Garve

in Himmelpforten

am 13. November 2010

 

„Lange nicht gute Freunde in Christo, fühlte ich solche Sehnsucht, zu euch zu reden,

als an dem heutigen Tage,

zu lange nicht hatte ich eine so segensreiche Erfahrung euch zu verkünden,

als jetzt.

Und auch ihr, die ihr wohl alle den wichtigen Auftrag kanntet, der mir seit einem Jahre geworden war,

die ihr mich im Geiste vielleicht oft zu jenen beiden Unglücklichen begleitet habt,

möget heute mit Recht Auskunft begehren über die Ausführung jenes Auftrages.

Wohlan es sei, ich will es tun, mit bewegten, mit in dem Herrn fröhlichen Herzen.

Wie ? Mit fröhlichen Herzen?

Euch zu schildern die furchtbare Finsternis und das Dunkel, wovon zwei arme Seelen bedeckt waren, das wäre Lust und Freude?

Euch zu berichten, wie des Fleisches Lüste und Begierden eine furchtbare Herrschaft gewannen, und scheußliche Werke erzeugten, das könnte euch ergötzen und erbauen?

Euch daran zu erinnern, wie ein Sohn tückisch seine Hand gegen den erhebt, der ihm an Gottes Statt zur Seite steht,

wie eine Gattin in wütendem Hasse dem Leben dessen nachsteht, dem sie ewige Liebe und Treue vor Gott gelobet hat,

wie beide den Vater, den Gatten kaltblütig zu Tode würgen,

das könnte ich tun mit in Gott fröhlichem Herzen?

Nein, nicht davon will ich zu euch reden, ach – es schaudert uns ja nur alle bei solchen grausenvollen Erinnerungen.

Lob und Ehre sei unserem Gott, der andere freudige, köstliche Botschaft durch mich euch verkünden lässt!

 

Wie die Finsternis allmählich zu Licht sich gestaltete, dass will ich zeigen, wie die Eitelkeiten und Selbstsucht immer mehr in Reue und Zerknirschung sich verwandelte, davon will ich zeugen.

Wie das Wort Gottes einen heftigen Kampf mit der Sünde begann, und einen herrlichen Sieg davon trug, davon lasst mich predigen in dieser Gott geweihten Stunde.

Als wir zum ersten Male zu den beiden Unglücklichen hintraten, da bebten wir wohl zurück vor dem furchtbaren Abgrunde der Verdorbenheit, worin sie sich gestürzt haben mussten,

um solcher Verbrechen fähig zu sein.

Allein wir hofften, da die Bekenntnis erfolgt war, wir würden auch die Erkenntnis, die Reue vorfinden.

Bitter aber, sehr bitter wurden wir getäuscht.

Höret, mit welchen Waffen die Sünde sich zu verteidigen strebte.

„Die unglücklichen Umstände, unter welchen wir geboren wurden, und aufwuchsen“, sprachen sie, haben es so gefügt, dass wir nicht anders handeln konnten, wären andere Schicksale uns begegnet, wahrlich, wir hätten nimmer solche Taten vollführt.

Unsere schwache Natur, die uns angeboren ist, und die bei dem einen hier, bei dem anderen dort sich schwächer zeigt, vermochte nicht den Versuchungen zu widerstehen, die uns nachstellten´, wären wir stärker erschaffen, gewiss, wir wären nicht erlegen.

Freunde, musste nicht bei solchen gotteslästerlichen Reden Jacobi Wort sich uns aufdrängen:

Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde – denn Gott ist nicht ein Versucher zum Bösen, er versucht niemanden, sondern ein Jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird.

Darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod!

Zu anderer Zeit wieder entgegneten sie:

Der, den wir aus dem Wege schafften, quälte uns so grausam, seine Wort waren so bitter, seine Behandlung so empörend, seine Härte gegen uns stieg endlich bis zu einer solchen Höhe, dass unsere Geduld weichen und wir zu dem Mittel greifen mussten, das allein Befreiung von solchen Qualen verhieß.

Oder das Weib erwiderte auch, wie schon einst Adam und Eva im Paradiese:

„Der, der mit mir die Tat vollführte, redete mir zu mit solchen lockenden Worten, schilderte mir die Zukunft so mit so reizenden Farben, dass aller Widerstand schwinden, und ich endlich einwilligen musste.“

Als ob sie nicht – Geliebte in dem Herrn, worin sie einen Anderen richtet, sich selbst verdammt, als ob es den Balken aus unserem Augen entfernte, wenn wir den Splitter in des Bruders Auge gewahren!

Endlich, wenn sie auch ihre Schuld gestanden, vernehmet, wie sie sich entschuldigt zu sein wähnten:

„Ein schwacher Augenblick war es, so sagten sie, der uns hinriss.

Eine plötzliche Übereilung, der wir nachgaben.

Sind wir doch sonst nicht so bösen, haben wir doch auch viel Gutes an uns, und vielleicht mehr, als mancher andere, haben wir doch - o, ein kalter Schauer überfällt mich –

haben wir doch das Haus des Herrn fleißig betreten, sind wir doch ein, ja zwei mal des Jahres zum Tische des Herrn gegangen.

Christen, musste es nicht innig uns betrüben, dass Wahn und Verblendung sie so betörte?

Musste es nicht mit furchtbarem Grausen uns durchdringen, dass Stolz und Eitelkeit so ihre Herzen umstrickte?

Musste es nicht unser Innerstes auf das Tiefste empören,

dass Missetäter, deren Hände mit Blut befleckt waren

und sie sich des Mordes nicht schämten,

der Gemeinschaft sich rühmen zu wollten mit dem, welcher keine Sünde getan hat,

und in dessen Mund kein Betrug erfunden ist?

Das sie auf den Tode des Herrn zu trotzen wagten, der doch nur für die Sünder gestorben ist, welche Buße tun?

Solche nichtige Waffen ergriffen die Unglücklichen, um die Schuld von sich abzuwälzen, solcher nichtigen Waffen bedient sich stets die Sünde, wenn sie aus ihren finsteren Schlupfwinkeln an das Licht, gezogen wird.

Nachdem wir entdeckt hatten die traurige Finsternis und Verblendung der beiden Unglücklichen, da ließen wir in ihrer Seele widerhallen, die erste Frage:

Wozu hat der Herr euch berufen?

Ist es, um alle Tage herrlich und in Freunden zu leben?

Oder ist es etwa, um uns selbst zu leben, unser Lust, unsere Launen?

Wiederum nicht, das Wort Gottes sagt:

Die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

Da stutzten sie und blickten zagend zurück in ihre verlorene Vergangenheit.

Und da sie ferner hörten, der Herr werde den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbrauche, da gedachten sie mit Angst ihrer höllischen Verabredung, durch einen Meineid die Verbrechen abzuschwören, wenn sie nun ans Licht kämen, da begriffen sie es mit Beben, wie träge, wie kalt, wie tot sie gewesen waren im Dienst des Herrn.

Und als wir weiter mit Gottes Wort zu ihnen redeten: ehre Vater und Mutter, sonst kann es dir nicht wohl ergehen auf Erden, da ergriff es sich furchtbar, und der Schatten des gemordeten Vaters, des gemordeten Gatten verfolgte sie am Tage und rüttelte sie auf in finsterer Nacht und sein letztes Wort tönte jammernd und gellend in ihren Ohren wieder:

Mein Sohn, mein Sohn, wie kannst du solches an deinem alten Vater tun?“

Und als ferner der Herr durch uns zu ihnen sprach: du sollst nicht ehebrechen, schon wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat die Ehe gebrochen, du sollst nicht stehlen, sondern vielmehr mitteilen, fördern, helfen:

da hättet ihr die tiefe Scham, da hättet ihr die bittere Reue schauen sollen, womit ihr Leben voll Mord, voll Dieberei, Hurerei und Ehebruch sie erfüllte.

Ja, und als endlich es ihnen klar ward, wie sie durch Lug und Trug, durch Lüste und Begierden des Herrn Gebot übertreten, wie er um alles des Willen ihnen verheißen habe Ungnade und Zorn , Trübsal und Angst: da riefen sie mit Entsetzen:

Wehe uns, wir haben Gottes Gesetz übertreten und ewige Strafe ist unser Loos!

Wie sie nun hörten: Christus hat uns erlöst von dem Fluche des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns, o Freunde, wie gestaltete sich da ihre Verzweiflung zu seliger Hoffnung!

Wie sie nun erfuhren: Christus Jesus sei um unser Sünde Willen dahingeschieden und um unsere Gerechtigkeit willen auferweckt –

o wie wurden da die Tränen des Schmerzes zu heißen Freudentränen“

So groß und natürlich vorhin, da die beiden Unglücklichen noch verhärtet waren, der Schmerz und die Abneigung aller Mitmenschen gegen dieselben sich zeigte –

so groß und lebendig zeigte sich nun nach ihrer Bekehrung die allgemeine Freude und Teilnahme.

Wohl zagten und zweifelten anfangs die meisten, und argwöhnten Heuchelei und Trug – doch großes Staunen und Verwunderung ergriff sie, als sie selbst sagen und hörten die hohe Glaubensfreudigkeit der Wiedergeborenen.

Wohl sprachen einige, die die Kraft des göttlichen Wortes nicht kennen: kommt erst der Tod näher, bricht erst der letzte ihrer Tage an, dann wird die Heuchelei schwinden,

dann muss furchtbare Verzweiflung sie erfassen.

Doch die meisten ahnten die Wahrheit des Wortes: bei den Menschen ist’s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Und freudig drängten sich viele zu den beglückten Armen,

und durch Händedruck und freundliches Zureden ihre wieder gewonnene Liebe zu bezeugen.

Gern trugen Groß und Klein dazu bei, um durch eine Gabe für das unglückliche Wesen, das jenen Beiden das Dasein verdankt, eine Freunde ihnen zu bereiten.

Ja, nur ergreifen und auf das innigste rühren konnte es die Scheidenden, als endlich Beauftrage des Ortes zu ihnen traten und sprachen:

Nun, wir sehen, dass ihr wieder zu dem Herrn euch bekehrt habt,

so wollen wir euch wieder anerkennen als Bruder und Schwester in dem Herrn und wollen unsere Oberen um die Gnade bitten, die letzte Liebe euch erweisen und zum Richtplatze euch fahren zu dürfen.

Und welch freudiges, seliges Leben in Christo erwachte immer stärker in ihren Seelen, welch heiliger, göttlicher Friede kräftigte und erhob sie täglich mehr!

Als entschieden war ihr Loos, wie freuten sie sich da,

zu erdulden die wohlverdiente Strafe – wie wünschten sie den Tag herbei.

Als zu ihnen trat die Menge der Menschen, um ihre Teilnahme zu zeigen, wie sprachen sie da Verachtung des Todes aus und aller seiner Schrecknisse, und nur allein Sehen und Verlangen nach der Gnade bei Gott und Christo.

Als die Ihrigen kamen, um für die Welt von ihnen zu scheiden,

wie redeten sie da begeistert zu ihnen von der Beseligung des Glaubens an Christum Jeusum, wie hörten sie da nicht auf, zu bitten und flehen, bis jene gelobt hatten,

alsbald zu beichten alle ihre Sünden, und am Tische des Herrn Gnade und Frieden zu suchen.

Als nun zum letzten Male sie gewürdigt wurden, den Tod des Herrn in seinem Nachtmahle zu feiern, wie groß war da die Zerknirschung, womit sie zu Gott flehten um Gnade, die Zuversicht, womit sie bauten auf Christum Jesum.

Als wir an dem verhängnisvollen blutigen Morgen in ihr Gefängnis traten, o wie freudig und getrost eilten sie zu uns hin und verkündeten, wie sie um Mitternacht von Lager sich erhoben und durch Gebet und Gesang und durch das Wort Gottes sich gestärkt hätten.

Und noch einmal beteten sie mit uns zu dem Herrn und festen Schrittes gingen sie an unserer Seite den letzten Gang, und gern und offen bekannten sie vor dem letzten Gerichte noch einmal alle ihren Sünden

und freudig bestieg zuerst die reuige Sünderin den grausenvollen Hügel und betetet laut zu dem Gott der Gnade,

und da sie verschieden war, betrat auch er festen, eiligen Schrittes mit mir die blutige Stätte, befahl dem Herrn seine Seele und starb.

Und hat euch ergriffen die Bekehrung der beiden Dahingeschiedenen, fühlet ihr von Teilnahme euch bewegt,

o - so erfüllt mit mir ihre letzte dringende Bitte, die sie kurz vor ihrem Tod

an Herz uns legten,

es war die, heute für sie zu beten zu dem Gott aller Gnaden.

Herr Gott, barmherziger Vater,

der du das schwache Lallen deiner Kinder nicht verwirfst,

siehe wir beten für sie mit Inbrunst der Seelen,

ach, sei du gnädig ihnen in ihre Misstat,

vergib ihnen die Schuld um deines Sohnes Willen,

und nimm sie auf in dein heiliges Reich.

Ja, Herr, erbarme dich über sie, wie über uns alle – in Christo Jesu – Amen.

Zum Schlusse leset noch mit mir den Gesang,

den die beiden Dahingeschiedenen ihrem Gedächtnisse eingeprägt,

den sie in der letzten Zeit oft gebetet haben,

und der als der letzte vor der Hinrichtung gesungen ward.

Es ist das 421. Lied und lautet also:

 

Herr Christ, du bist mein Leben,

mein Tod wird mir Gewinn!

Dir bin ich übergeben,

versöhnt fahr’ ich dahin.

+

Mein Geist fährt hin in Frieden,

der Himmel nimmt ihn an.

Da find’ ich, was hiernieden,

kein Sinn erreichen kann.

+

Bald hab’ ich überwunden,

den Stoß der letzten Not.

Durch Jesu Pein und Wunden,

erbarme dich mein, o Gott!

+

Wenn meine Kräfte brechen,

mein Geist kaum denken kann,

mein Mund nicht mehr kann sprechen,

dann nimm mein seufzen an!

+

Wann Sinnen und Gedanken,

wie ein verlöschend Licht,

nur hin und her noch wanken,

dann, dann verlass mich nicht

+

Dann schlaf ich ein, dann sinkt mein Auge hin zur Nacht.

Wohl mir, mein Jesus winkt zur Ruh:

Es ist vollbracht!

 

Auszug aus der Denkschrift „Der Sieg des Worts Gottes über die Sünde“ von Pastor Ruperti, Stade 1835.

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