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VERMISST ... 

 

Die Absturzstelle nördlich von Selsingen.

Foto: D. Alsdorf

 

  Ein Vermisstenschicksal

 

 Auf dem Stader Garnisonsfriedhof befinden sich oben links auf einem Plateau die schlichten Grabkreuze für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Abgesehen von der traditionellen Andacht am Volkstrauertag finden sich immer weniger Besucher auf dem schmucklosen Gräberfeld ein - die Kriegsgeneration stirbt aus. Wer heute durch die Grabreihen geht, kann nur erahnen, welche Schicksale, welches Leid sich hinter den spärlichen Lebensdaten der dort Begrabenen verbirgt.

Ganz hinten an der Hecke, in Reihe l, liegen die Gefallenen des Luftkriegs, der ab 1940 auch hier - zunächst meist im Zusammenhang mit dem Stader Fliegerhorst - erste Opfer forderte. Die deutlich ansteigenden Verluste des Jahres 1944 ließen die Gräberreihen länger werden. Denn inzwischen war auch der Luftraum über Stade Kampfgebiet, und vermehrt waren es auswärtige Luftwaffenangehörige, die von den hiesigen Bergungskommandos aus der Umgebung zusammengetragen und auf dem Garnisonsfriedhof bestattet wurden.

Unter den Grabkreuzen befinden sich auch zwei ohne Namen mit der Bezeichnung: „Unbekannter deutscher Soldat" und dem Todestag „5. August 1944". Eines der Gräber bezeichnet das Grab des 22jährigen Unteroffizier Gerhard Kraus, abgestürzt nördlich von Selsingen.

 

Gerhard Kraus

Foto: Archiv Alsdorf

 

 Er war einer jener jungen, idealistischen Piloten, deren Begeisterung für die Fliegerei von einem verbrecherischen Regime ausgenutzt und im immer gnadenloseren Luftkrieg über dem Reich gegen die weit überlegenen US-Bomberverbände regelrecht „verheizt" wurden. Doch „Führer und Vaterland", für den der junge Soldat seinen Eid ablegte und sein Leben gab, dankten es ihm wenig.

Sein Grab trägt auch heute noch nicht seinen Namen. Man machte sich damals nach seinem tödlichen Absturz offensichtlich keine sonderliche Mühe, den Toten zu identifizieren und den Namen zurückzugeben - auch das war Alltag an der „Heimatfront" während des Dritten Reichs. Die angesichts der hohen Verluste völlig überforderten Bergungskommandos kamen mit ihrer schrecklichen Arbeit nicht nach. Der beständig eskalierende Kriegsverlauf ließ offenbar keine längeren Untersuchungen zu. Zumindest nicht bei jenen Soldaten, die nicht zu den prominenten und hoch dekorierten Idolen jener Zeit gehörten. Und dazu gehörte, wie Millionen anderer Soldaten, auch Gerhard Kraus.

Ein Luftkrieg über dem eigenen Heimatgebiet schien den Militärs zu Beginn des von Hitler-Deutschland provozierten Krieges völlig undenkbar. Das Reich fühlte sich sicher. Reichsmarschall Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe wollte gar „Meier" heißen, wenn je ein feindliches Flugzeug über der Reichshauptstadt erschiene. Und sie kamen! Schon 1940 gab es die ersten Einflüge britischer Bomber, sehr zum Leidwesen der Zivilbevölkerung im Elbe-Weser-Dreieck, die unter den ständigen Alarmen und Bomben-Notabwürfen zu leiden hatte. Mit dem Kriegseintritt der USA und dem Einsatz Hunderter von schwerbewaffneten Bombern ab 1943 auch bei Tage geriet die ansonsten so siegreiche Luftwaffe unerwartet in die Defensive. Jahrelang war die Verteidigung des Reichsgebiets vernachlässigt worden, nun mussten Jagdgeschwader von den bröckelnden Fronten abgezogen werden, um den heimatlichen Luftraum zu verteidigen. Das Regime geriet unter Druck - eine deutsche Stadt nach der anderen fiel in Schutt und Asche, die Verluste unter der Zivilbevölkerung stiegen erschreckend hoch an.

Gerhard Kraus gehörte zu jener Generation, die von Anfang an von der Hitler-Diktatur geprägt wurde. Zum Zeitpunkt der „Machtergreifung" noch Schüler, erlebte er als Heranwachsender den raschen Aufbau der Luftwaffe und deren leichte Siege zu Beginn des Krieges. Wie Tausende anderer Jugendlicher war er fasziniert von der im technischen Aufbruch befindlichen Fliegerei.

Und den schnellen Jagdflugzeugen, die damals zu den besten der Welt gehörten. Das Regime nutzte die jugendliche Begeisterung und förderte die Segelfliegerausbildung, woraus sich der spätere Nachwuchs für die Luftwaffe rekrutieren sollte. So auch bei Gerhard Kraus, der später während der Jagdfliegerausbildung gegenüber seinen Eltern seine Begeisterung über die ersten Flüge mit der Me 109, dem damaligen Standardjäger der Luftwaffe, zum Ausdruck brachte.

Nach seiner Versetzung zur 2. Gruppe des Jagdgeschwaders 5 „Eismeerjäger", einer Einheit, die eigentlich hoch in Norwegen stationiert, nun aber zur Reichsverteidigung herangezogen wurde, schrieb er an seine Eltern „Macht euch keine Sorgen...

Doch diese Sorgen waren mehr als angebracht. Fast täglich flogen mittlerweile die US-Bomberverbände ins Reichsgebiet ein, abgeschirmt von Hunderten Langstreckenjägern. Gegen diese alliierte Luftüberlegenheit konnten die deutschen Jagdgeschwader nur noch wenig ausrichten - ihre Verluste stiegen, auch bedingt durch die alliierte Landung in der Normandie, stetig an. Die Lücken an erfahrenen Piloten füllte immer mehr der nur ungenügend ausgebildete Nachwuchs, der zwar voller Idealismus war, jedoch keine Chance gegen die weit überlegenen alliierten Begleitjäger hatte. Nur wenige dieser Nachwuchspiloten überlebten überhaupt den ersten Einsatz.

So wird es auch bei Gerhard Kraus gewesen sein, der am Morgen des 5. August 1944 in seiner graugefleckten „Me 109" (Bf 109 G-6) mit einer weißen „3" am Rumpf in Salzwedel an den Start ging. Die 2. Gruppe des Jagdgeschwaders 5 flog an diesem Tage zusammen mit den Jagdgeschwadern 3 und 300 im Raum Rotenburg/Lüneburg den Amerikanern entgegen. Doch an die schwerbewaffneten Bomberverbände kamen die Deutschen erst gar nicht heran. Die amerikanischen Begleitjäger fingen die Verteidiger bereits weit im Vorfeld ab und verwickelten diese in ausgedehnte Luftkämpfe über den Wiesen und Mooren des Ostetales.

 

Aufschlagbrand

Foto: Archiv Alsdorf

 

 Unten am Boden, in Selsingen und Umgebung, beobachteten um die Mittagszeit zahlreiche Augenzeugen, wie „fast gleichzeitig", mehrere deutsche Jagdflugzeuge brennend zur Erde stürzen. Eine Me 109 bohrte sich am nördlichen Ortsrand von Parnewinkel in eine Weide, hinterließ einen wassergefüllten Krater, um den zerfetzte Bleche lagen - Grab für den Gefreiten Hans Göttke von der 2./Jagdgeschwader 3. Ein weiteres Flugzeug ging bei Sandbostel nieder und fuhr unter dem Jubel der Gefangenen unweit des berüchtigten gleichnamigen Kriegsgefangenenlagers in den Boden. Der Flugzeugführer sprang mit dem Fallschirm ab.

Eine dritte Maschine stürzte nördlich von Selsingen ab und bohrte sich explodierend in die Erde. Augenzeugen aus Parnewinkel sahen einen schwarzen Rauchpilz hochsteigen. Dann wurde es wieder still rund um Selsingen - die Motorengeräusche verebbten, verlagerten sich weiter nach Süden.

 

 

Dieses Fundstück belegt, dass es sich um eine "Me 109" handelte.

Foto: Alsdorf

 

 Haumeister Heins, am Bahnhof Deinstedt wohnend, hatte das Drama am Himmel beobachtet und war als erster zur Absturzstelle gelaufen. Aus einem Einschlagkrater zwischen zersplitterten Bäumen quoll schwarzer, beißender Qualm. Der brennende Treibstoff und explodierende Bordmunition hatte einen Teil des Waldes in Brand gesetzt, der sich glücklicherweise aber nicht weiter ausbreitete. Überall im näheren Umkreis rund um die Einschlagstelle lagen die Trümmer des Flugzeugs, auch sterbliche Überreste des Flugzeugführers waren zu erkennen, wie Heins sich noch Jahrzehnte später erinnerte. Was den Zeitzeugen jedoch erstaunte, war der Umstand, dass sich zunächst offensichtlich niemand von offizieller Seite um den Absturz kümmerte. Und das verwunderte kaum. Aus etlichen Dörfern im Bremervörder/Rotenburger Raum wurden an die Fliegerhorstkommandanturen von Stade und Rotenburg Abstürze gemeldet - die ausrückenden Bergungstrupps wussten nicht, wo sie zuerst mit ihrer traurigen Arbeit anfangen sollten.

Am 16. August wurden die wenigen verkohlten Überreste des Flugzeugführers in Stade als "Unbekannt" bestattet. Er konnte nicht indentifiziert werden.

Ende August 1944 erhielten endlich auch die Eltern die traurige Nachricht, dass ihr Sohn Gerhard nicht mehr zurückkehren würde. Wie so häufig in jenen Zeiten musste auch hier eingeräumt werden, dass „nichts über seinen Verbleib festgestellt" werden konnte. Und weiter: „Es muss aber mit Sicherheit angenommen werden, dass ihr Sohn Gerhard in dem angeführten Gebiet im Luftkampf tödlich verletzt wurde und sein Flugzeug am Boden zerschellte oder im Moor versunken ist."

 Die Eltern des jungen Fliegers gaben sich damit jedoch nicht zufrieden. Ende November 1944 wandte sich der Vater an das Geschwader und verlangte Aufklärung über den Verbleib seines Sohnes, der doch immerhin nicht in Feindesland, sondern über eigenem Territorium, über Norddeutschland, vermisst wurde. Doch im Antwortschreiben gab es keine klärende Antwort.

Und so sollte es bleiben. Während der Krieg in seine Endphase geriet, die Eltern sich mit dem ungeklärten Schicksal ihres Sohnes quälten, lag fern im Norden über dem Absturztrichter und den zahllosen, nicht abgeräumten Kleinteilen des Flugzeugs der erste Schnee, und Monate später mit dem Kriegsende der Mantel des Vergessens.

Sieben Jahre später begann Hausmeister Heins, die Fläche des durch den Brand zerstörten Geländes an der Absturzstelle zu nutzen und in einen Garten umzuwandeln. In dem etwa mannstiefen Krater, in dem noch Blechteile und Stücke des zerschmetterten Triebwerks lagen, wuchs bereits das Gras. Heins verfüllte das Loch mit Erde und Stubben aus der Umgebung. Dabei fand er eine verbogene Gabel, darauf eine Gravur mit dem Namen „Gerhard". In Unwissenheit über den Vermisstenfall warf er zusammen mit anderen aufgelesenen Blechen dieses wichtige Beweisstück fort.

 

 

Teil der Fliegerhaube

Foto: D. Alsdorf

 

 Erst Mitte der siebziger Jahre begannen von privater Seite erneut Nachforschungen. Die fast vergessene Absturzstelle im Wald wurde wieder geöffnet und nach Hinweisen auf die Identität des Vermissten geforscht. Sorgfältig wurde das Erdreich untersucht, buchstäblich jeder Erdbrocken genauestens untersucht. Jedoch - die Erkennungsmarke des Vermissten, eindeutiges Beweisstück für seine Identität, konnte nicht gefunden werden. Doch weitere erschütternde Relikte kamen zutage, hatten jahrzehntelang im Erdreich überdauert. So z. B. ein Schulterstück der Uniform, das eindeutig belegt, dass es sich bei dem Vermissten um einen Unteroffizier gehandelt haben muss. Des Weiteren Teile einer privaten Armbanduhr - noch zu sehen auf dem letzten Foto von Kraus, sitzend auf der Me 109, die ihn Tage später in den Tod flog. Indizien zwar, die aber letztlich nicht ausreichten, um dem Grab in Stade einen Namen zu geben. Auch die Gabel mit Namensgravur konnte nicht wieder gefunden werden.

Heute, fast 60 Jahre danach, sind die Ereignisse vom August 1944 nahezu vergessen. Die Natur hat sich endgültig die Absturzstelle zurückerobert, von der lediglich eine flache Mulde unter Moosen und Farnen erinnert. Unbeachtet von Wanderern und Reitern, die den nahe vorbeiführenden Weg benutzen. Zurückschauend bleibt die Frage, wieso der Flieger damals nicht identifiziert werden konnte. War es wirklich nur Gleichgültigkeit? Immerhin kam es am folgenden Tag zu weiteren schweren Luftkämpfen, diesmal im Raum Sittensen.

Den Eltern konnte bis zu ihrem Tode keine Gewissheit gegeben werden. Die Absturzstelle hat ihr Geheimnis bis heute nicht preisgegeben.

 

 

Schnalle des Anschnallgurtes

Foto: D. Alsdorf

 

© D. Alsdorf 2010

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