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Der ehemalige Navigator Phil George mit Wrackteilen einer in Apensen abgesürzten Lancaster im Jahre 2001.

Foto: D. Alsdorf

 

Zurück nach Bargstedt -

ein Brite auf den Spuren seiner Gefangennahme

 

Hunderte von britischen Fliegern gerieten während des zweiten Weltkriegs in Norddeutschland in Gefangenschaft. Entkamen aus ihren abstürzenden Bombern und sprangen mit ihren Fallschirmen in die Nacht. In der Hoffnung auf ein gnädiges Schicksal. Unten am Boden trafen sie in erster Linie zunächst auf die paramilitärisch organisierte bäuerliche Landwacht, später Volkssturm, denen oft örtliche NS-Parteifunktionäre wie Ortsbauernführer usw. vorstanden. Man kann nicht sagen, dass die Landbevölkerung den täglich über ihren Köpfen dahinfliegenden Bombern und ihren Besatzungen irgendeine Sympathie entgegenbrachte. Gelegentliche Fehlwürfe und Opfer unter der Zivilbevölkerung taten ihr übriges. So kam es leider vereinzelt zu Übergriffen gegenüber britischen und vor allem amerikanischen Fliegern, die zuweilen gar mit Mord und Totschlag endeten und später seitens alliierter Behörden entsprechend verfolgt und geahndet wurden. Doch meist liefen die Begegnungen mit dem „Feind“ unspektakulär ab, gelegentlich gab es sogar menschliche Kontakte zwischen den „Bombenfliegern" und der Bevölkerung. Die meisten dieser Ereignisse sind, weil nicht dokumentiert, in Vergessenheit geraten. Das ist umso bedauerlicher, weil gerade diese Zeugnisse von einfacher Mitmenschlichkeit in einer unmenschlichen, grausamen Zeit es verdient hätten, aufgezeichnet und der Nachwelt übermittelt zu werden. Das es aber auch noch nachträglich gelingen kann, Jahrzehnte nach den Kriegsereignissen noch Brücken zu schlagen, belegt das folgende Beispiel aus Bargstedt

Am Abend des 11. November 1944 wurde die Lancaster Mk. III, PN188 mit der Kennung OL-A der 83 Squadron auf ihrem Anflug zum Ziel Harburg von der Flak getroffen. An Bord des viermotorigen Markierers waren acht 1000-lb-Bomben und eine gemischte Ladung Markierungsbomben. Dem Flugzeugführer, Flt/Lt. David Jennings, gelang es noch, seinen brennenden Bomber aus dem Beschuss herauszuführen. Der gesamten Besatzung gelang der Fallschirmabsprung, bevor der Bomber über Harburg in der Luft zerplatzte.

 Unter ihnen auch der Navigator der Maschine, F/O Philip (Phil) George, der in Doosthof bei Bargstedt landete und umgehend von der örtlichen Landwacht in Gewahrsam genommen wurde. Im Gegensatz zum Gros seiner Kameraden, die teils tagelang in der Gegend umherirrten oder gar in einem Fall von Zivilsten übel traktiert wurden, wurde George gleich nach seiner Landung in Empfang genommen und in einem Gasthof für eine Nacht gefangen gehalten, bis auch er den Weg in die Kriegsgefangenschaft antrat. Ein Fall, wie er sich Tausendfach so oder ähnlich abgespielt hat - im Deutschland des zweiten Weltkriegs. Er wäre sicherlich wie die meisten dieser Ereignisse in Vergessenheit geraten, wenn nicht die Gefangennahme des „Engländers" in Bargstedt dokumentiert worden wäre. Friedrich H., damals Lehrer in Bargstedt, war leidenschaftlicher Fotograf und Chronist und hielt damals alle Ereignisse in dem Kirchdorf fest, dokumentierte Aufstieg und Ende der NS-Diktatur in seiner Landgemeinde. Da bis zum Herbst 1944 der Ort in von Kriegsereignissen weitgehend verschont geblieben war, war die Festnahme eines „Feindes“ aus einem abgestürzten Bomber natürlich etwas besonderes. Kurz bevor am Abend des 12. November 1944 ein Bus des nahen Fliegerhorstes Stade den Gefangenen abholte, machte H. zur Erinnerung noch einige Fotos - Phil George im Kreis seiner Bewacher. Dann fuhr der Bus, in dem sich noch weitere Besatzungsmitglieder seiner Maschine befanden, ab Richtung Kriegsgefangenschaft.

 

      
   

Oben: Phil George mit seinen Bewachern am 12. November 1944  und (unten) rechts mit Ehefrau und Freund an gleicher Stelle ....

Foto oben: F. Hillmann / unten: D. Alsdorf

 

 

  

 

Durch einen glücklichen Zufall erhielt der Verfasser im Jahre 1998 Einsicht in den fotografischen Nachlass des vor Jahren verstorbenen Lehrers H. Darin einige Fotos von dem Gefangenen und wenige Notizen, darunter Namen und Herkunft in der handgeschriebenen Chronik. Die Neugier war geweckt. Es drängte sich förmlich die Frage auf, ob der Betreffende noch leben würde um ihm ggf. einen Abzug des Fotos zu schicken. In einer Luftfahrtzeitschrift fragte er die Leser nach Einzelheiten zu dem abgebildeten Besatzungsmitglied und dem Hergang am 11. November 1944. Die Resonanz war überwältigend: Zahlreiche Leser und Verbände meldeten sich, legten eine Spur zu einem Traditionsverband nach England, die schon nach kurzer Zeit zu Phil George führten, der in Dorset an der Kanalküste lebte. Urplötzlich wurde der 77-jährige wieder mit seiner Kriegszeit konfrontiert, als er neben den Fotos aus Bargstedt eine Lagekarte mit Eintrag seines Absprungortes und ersten Gefangennahme erhielt. Auch die Zeitschrift selbst nahm sich des Falles an, machte neben George noch die heute in Australien lebenden Piloten David Jennings und den Bordschützen Brian Hayes ausfindig und recherchierte ausführlich den „letzten Flug der Lancaster A-Able“. Aber dokumentierte auch die Tatsache, dass der Heckschütze, P/O Mathews, bis heute als vermisst gilt. Mehr noch: Dem Piloten Dave Jennings soll beim Verhör durch die Luftwaffe mitgeteilt worden sein, dass sich angeblich Mathews mit Zivilisten angelegt haben soll und in ein brennendes Gebäude geworfen wurde!

 

"Abschiedsfoto"  am 12. November 1944 vor der Gaststätte.

Foto: F. Hillmann 

 Am 30. April 2001, einem wunderschönen Frühlingstag war es dann soweit: Phil George sagte: „Now let's go to Bargstedt!" Eine unruhige Nacht hatte er schon zugebracht, im Hotel Meyer in Harsefeld, ganz in der Nähe also von jenem Ort, wo er vor 57 Jahren, knapp 20 Jahre alt, für eine Nacht Gefangener der Dorfbewohner war - seine erste Nacht in Kriegsgefangenschaft. Begleitet von seiner Frau und seinem niederländischen Freund, fieberte er nun jenem Augenblick entgegen, der ihn endlich, nach all den Vorbereitungen und Gesprächen, mit seiner Vergangenheit konfrontierte.

 

.... und 2001 an gleicher Stelle.

Foto: D. Alsdorf

 Endlich ging es los - die letzten Kilometer von Harsefeld nach Bargstedt über mit Birken gesäumten Straßen. Diese Landschaft hat er bewusst nie gesehen, damals, in jenen dunklen, grauen Novembertagen des Jahres 1944. So ging denn während der Fahrt in die Vergangenheit sein Blick in den wolkigen blauen Himmel, so als suche er etwas - jenen winzigen Punkt seiner Lancaster, die irgendwo hier ihr Ende fand. Damals, nach seinem geglückten Fallschirmabsprung, „My First", wie er betonte, hing er hier irgendwo am Schirm und schwebte bei eisigem Wind hinab in Feindesland, einem Ungewissen Schicksal entgegen. Wohlbehalten aber fürchterlich frierend landete er auf einem dunklen Acker südlich Doosthof. Die Landwacht dieser kleinem Siedlung, mit Gewehren bewaffnete Bauern, war es denn auch, die ihn sofort in Empfang nahm und zunächst in ein Gasthaus des nahen Dorfes Kakerbeck brachten. Die Region von Bargstedt war, wie bereits erwähnt, von schweren Bombardierungen verschont geblieben. Hier wurden abgesprungene „Terrorflieger", nicht automatisch drangsaliert. So saß Phil George zunächst eine Weile herum, bis endlich Polizei-Wachtmeister von Rönnen aus Bargstedt eintraf und den Gefangenen übernahm. Wieder wurde er in ein Gasthaus verfrachtet. Diesmal die Bahnhofsgaststätte „Zur Linde" in Bargstedt, zugleich Dienstsitz des örtlichen Dorf-Gendarmen. Dort wurde er für die Nacht festgesetzt und in Ermangelung eines Gefängnisses in einen Nebenraum der Gaststube verfrachtet. Dort, gewissermaßen in privater Atmosphäre, verbrachte er den ersten Tag seiner Gefangenschaft, bewirtet von den Gastwirtstöchtern.

 

Phil George auf dem Sofa, auf der er seine erste Nacht seiner Gefangenschaft verbrachte.

Foto: D. Alsdorf

 Nun stand Phil George wieder vor der Gaststätte. Es war noch das gleiche Gebäude von damals, nur mit moderner Außenfassade. Jedoch, die Linden, die der Gaststätte einst den Namen gaben, standen noch. So wie damals. Auch die Tür, vor der damals das Gruppenfoto entstanden war, gab es noch. Diese ging nun auf und die Gastwirtstöcher von Einst, die „young Ladies“  standen in der Tür und begrüßten herzlich den einstigen „Feind".

Dieser betrat die Gaststube, diesmal ohne Gewehrbegleitung. Hier sah es fast noch genauso aus wie damals, als er, noch seinen Fallschirm im Arm haltend, hereingeführt wurde. Altes Mobiliar und Bilder, die Zeit schien stehen geblieben. Hier also hatte er damals auf seinen Abtransport gewartet, am Morgen des 12. Novembers 1944, einem Sonntag - neugierig beäugt von den Jugendlichen des Dorfes.

Serbische Kriegsgefangene, die sich frei im Dorf bewegen konnten, kamen damals in die Gaststube und spendiertem dem ungewöhnlichen Gast Bier, was dieser, bis heute kein Bier trinkend, dankend ablehnen musste. Seine erste Nacht aber verbrachte er in dem kleinen Nebenraum der Gaststube, in der die Gastwirtsfamilie, genau wie damals, den Tisch gedeckt hatte. Wenn sich George auch zuvor an die vielen Details seiner ersten Stunden in Gefangenschaft nicht erinnern konnte - nun brach die Erinnerung, jahrzehntelang verschüttet, über ihn herein. Denn vieles stand noch so da wie damals. Der gleiche Tisch, die gleichen Stühle und in der Ecke des Raumes das alte Sofa, auf dem George seine erste Nacht in Gefangenschaft verbracht hatte. Er konnte es kaum fassen, still ließ er sich auf das Sofa nieder, während die Familie das Essen auftrug. Die Gastwirtstöchter waren es damals gewesen, die den stattlichen, gut aussehenden „Engländer" bewirteten, der sich immer noch an seinen Fallschirm festhielt, auf den beide heimlich ein Auge geworfen hatten, denn Fallschirmseide war beliebt und hoch begehrt. Doch sie bekamen ihn nicht, warum und weshalb, keiner vermochte es heute noch zu sagen. Nun trugen sie wieder Essen auf und Phil George, der ehemalige Gefangene, war tief gerührt, rang mit den Tränen - dieser Tag der Konfrontation mit seiner Vergangenheit - ein großer Moment in seinem Leben.

 Wie nicht anders zu erwarten, gingen die Gespräche am Tisch in die Vergangenheit, an die Bombennächte der Kriegszeit. Warum er denn in der Nacht nicht geflohen sei, aus dem unbewachten Nebenraum der Gaststube, der ja nicht vergittert oder sonst gesichert war, wollten die Gastgeber wissen. Wohin hätte er fliehen sollen, erwiderte George mit einem Blick nach draußen, in den Garten des Hauses. Auch der Rest seiner Besatzung hatte es letztlich nicht geschafft, obwohl so manche noch tagelang Richtung Westen, Richtung Freiheit, geirrt waren. Zu weit die Front, unerreichbar für Phil George und sein jugendlicher Optimismus gab ihm recht. Gern, so gestand er scherzhaft, wäre er damals länger geblieben, bei den beiden „young ladies" der Gaststätte. Hier hätte es ihm gefallen, doch der Krieg, das Schicksal, wollte es anders. Anderntags stießen ihn Stader Luftwaffensoldaten derbe in einen Sammelbus, der abgesprungene Briten in der ganzen Umgebung abholte. Seine zweite Nacht in Feindesland verbrachte George zusammen mit anderen Briten im Gefängnis des Stader Fliegerhorstes, bevor es für in per Bahn in ein Lager ging.

Bleibt die Frage nach dem bis heute vermissten Heckschützen. Sein Schicksal konnte bisher nicht geklärt werden.

 

 © Fotos/Text: Dietrich Alsdorf 2012; die historischen Fotos stammen von Friedrich Hillmann.

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